26.04.2004 · Der afghanische Präsident Karzai will die Zentralgewalt stärken. Doch die eifersüchtigen Völkerschaften am Hindukusch mißtrauen Kabul. Immer wieder kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen in den Provinzen.
Von Ahmed TaheriDas Hauptproblem Afghanistans ist nach wie vor das schwierige Verhältnis zwischen der Kabuler Zentralmacht und den Regionen des Landes. Angesichts der eifersüchtigen Völkerschaften am Hindukusch scheint die Bildung einer zentralistischen Macht in der Hauptstadt zuweilen undenkbar. In den vergangenen zweieinhalb Jahren versuchte der Staatschef Karzai die widerspenstigen Herren der Provinzen mit Pfründen und Ämtern zu befrieden.
Doch seit der letzten Loya Jirga, der traditionellen afghanischen Ratsversammlung, im Februar 2004 strotzt der paschtunische Aristokrat vor Selbstvertrauen. Im Großen Rat hatte er seine Vorstellung von einem Präsidialsystem im künftigen Afghanistan durchgesetzt. Seitdem hat Karzai einen neuen Weg eingeschlagen: Mit eiserner Faust will er der Zentralmacht in den Provinzen Geltung verschaffen. Durch Einsetzung ortsfremder Gouverneure und Militärkommandeure soll die Macht der Provinzherren eingeschränkt werden. Doch der neuen Politik ist kein Erfolg beschieden.
Blutige Kämpfe
In den vergangenen Wochen kam es zu blutigen Auseinandersetzungen in den Provinzen Herat im Westen und Fariyab im Norden. In Herat hatte der tödliche Anschlag auf Mirweis Sadeq, den Tourismusminister und Sohn des "Emir von Herat", Ismael Khan, blutige Kämpfe zwischen den Truppen der Regierung und den Männern des Khan ausgelöst. Kaum war in Herat wieder Ruhe eingekehrt, da loderten die Flammen des Kampfes in Fariyab auf.
Die Provinz Fariyab, die an die Republik Turkmenistan angrenzt und deren Bevölkerung sich aus Usbeken und Turkmenen zusammensetzt, war stets eine Domäne des Generals Abdulraschid Dostum. Als der Gouverneur von Fariyab und sein Militärkommandeur verkündeten, künftig würden sie ihre Befehle nur noch von Kabul direkt empfangen, da sah Dostum, der offiziell der Militärberater des Staatspräsidenten ist, rot. "Ich bin doch nicht irgendein dahergelaufener Usbeke. Bei mir verkehren die amerikanischen und britischen Konsule", soll er gesagt haben.
Kämpfe mit den „Teppichräubern“
Um das verlorene Terrain zurückzugewinnen, setzte Dostum seine Kämpfer in Marsch. Den kampferprobten Usbeken gelang es rasch, sich der Provinz zu bemächtigen und in die Hauptstadt Maimana einzumarschieren. Der Gouverneur und sein Kommandeur suchten das Weite. Das konnte Karzai nicht hinnehmen, ohne das Gesicht zu verlieren.
Auf Befehl des Staatschefs marschierten 750 von 10.000 inzwischen ausgebildeten Soldaten der Nationalarmee nach Norden. Nach heftigen Kämpfen wurden die Kalimdscham, die Teppichräuber, wie die usbekischen Milizionäre Dostums im Volksmund genannt werden, aus der Stadt verjagt. Doch auf Anraten des amerikanischen Botschafters Zalmay Kalilzad verzichtete Karzai darauf, den geflüchteten Gouverneur abermals einzusetzen.
Held des Heiligen Krieges
Trotz des militärischen Erfolgs blieb die Lage im Norden höchst fragil. Alle Versuche Kabuls, Dostum und Ustad Atta zu befrieden, scheiterten - zwei Männer, die seit Jahren um die Macht in Mazar-i-Sharif kämpfen. Kürzlich lieferten sich die beiden wieder blutige Gefechte unweit von Mazar.
Zuletzt bot man Atta einen Posten im Kabinett an, doch der baumlange Tadschike, ein Held des Heiligen Krieges gegen die Sowjets, lehnte das Angebot ab.
Gefahr des Terrorismus
Eine andere Art von Gefahr droht aus dem Süden und Südosten des afghanischen Berglands: der Terrorismus. Die Anschläge der Taliban und Al-Qaida-Leute nehmen zu. Vergangene Woche griffen die Taliban die Regierungssoldaten bei einem Kontrollpunkt in der Provinz Nimruz an. Eine Woche zuvor hatten die "Koranschüler" einen Minibus im Süden gestoppt. Sie fragten die Insassen, fast alle Zivilisten, was sie von "Herrn Karzai" hielten. Sie hielten ihn für einen guten Mann, war die Antwort. Daraufhin eröffneten die Angreifer das Feuer. Sieben Menschen, darunter zwei Frauen und ein Kind, kamen ums Leben.
Neben der verschärften Verfolgung der "Achse des Bösen" aus Taliban, Al Qaida und der Islamischen Partei von Gulbuddin Hekmatyar soll eine Amnestie der Führung der Terroristen die Basis entziehen. Nach diesem von den Amerikanern und dem afghanischen Kabinett ausgearbeiteten Plan soll den einfachen Taliban und den Kämpfern der Islamischen Partei Straffreiheit zugesichert werden, wenn sie ihre Waffen gegen ein bescheidenes Entgelt niederlegen. Die zweite Riege der Militanten, deren Zahl auf 200 geschätzt wird, soll nach dem Verbüßen einer Gefängnisstrafe auf freien Fuß gesetzt werden. Für die Führer der Terroristen jedoch, deren Zahl auf etwa 50 geschätzt wird, gilt die Amnestie nicht.
Mißtrauen gegen Paschtunen
In dem Amnestieplan sehen die Oppositionsparteien, meist tadschikischer Herkunft, einen Versuch des Staatschefs, die Paschtunen, die eine gewisse Sympathie für ihre militanten Stammesgenossen haben, für sich zu gewinnen. "Karzai", schreibt Payam-e Mudschahed, eine Wochenzeitschrift der halbislamistischen Dschamiat-e Islami, "betreibt ethnische Politik und will die Paschtunen erneut an die Macht bringen." Latif Patram, ein Vertrauter des am 9. September 2001 ermordeten Ahmad Schah Masud und führendes Mitglied der neu gegründeten Partei "Afghanischer Nationalkongreß" warf kürzlich Karzai vor, er und seine Freunde hätten die blutigen Auseinandersetzungen in Herat und Fariyab direkt oder indirekt geschürt.
Er appellierte an die afghanischen Minderheiten, einen eigenen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen, die im September stattfinden sollen, aufzustellen. Einen Gegenkandidaten zu dem Paschtunen Karzai gibt es bereits: Usta Mohammad Mohaqqeq. Er gehört zur Volksgruppe der Hazara, der Mongolen schiitischer Herkunft in Zentralafghanistan. Mohaqqeq, der zweite Mann der Partei Wahdat, die früher mit Teheran zusammenarbeitete, war einer der mächtigsten Männer in Mazar-i-Sharif, bevor er von Karzai zum Planungsminister berufen wurde. Vor drei Wochen verließ er nach einem heftigen Wortgefecht mit dem Staatschef und dessen Finanzminister Aschraf Ghani das Kabinett. Wenig später gab er seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekannt. Man nimmt an, weitere Kandidaten werden Mohaqqeq folgen.
Karzai, „der mit den Hunden spielt“
Unterdessen versucht Hamid Karzai, den Makel loszuwerden, daß er als "Mann des Westens" gilt. Er möchte als frommer Muslim in den Wahlkampf gehen. "Sagbaz", auf deutsch "einer, der mit Hunden spielt", wird er vom einfachen Volk verspottet. Seine amerikanischen Leibwächter führen nämlich Hunde mit sich, wenn sie ihn begleiten. Und für die Muslime ist ein Hund ein unreines Tier. Um den fundamentalistischen Kräften im Lande das Wasser abzugraben, verkündete Karzai unlängst einen Kampf gegen "gesellschaftliche Verdorbenheit". Er forderte das Justiz-, das Innen- und das Kulturministerium auf, dem "unislamischen" sittlichen Verfall Einhalt zu gebieten. Er wolle, so Karzai, daß das "antiislamische Betragen" sich nicht in Afghanistan ausbreite. Er habe befohlen, sagte er weiter, daß jene Filme, die keine moralische Botschaft hätten, verboten werden.
Zuvor hatte der Rat der afghanischen Schriftgelehrten Karzai aufgefordert, gegen den Sittenverfall und gegen die um sich greifende Prostitution einzuschreiten. Der Vorsitzende des Rates ist der Paschtune Maulawi Fazl al Hadi Schinwari, der zugleich der höchste Richter am afghanischen Gerichtshof ist. Der Gerichtshof hat nach der neuen afghanischen Verfassung das Recht, die vom Parlament verabschiedeten Gesetze daraufhin zu prüfen, ob sie mit den islamischen Werten vereinbar sind. Der greise Ratsvorsitzende behauptete kürzlich, daß in den Städten Kabul und Mazar-i-Sharif der Genuß von Alkohol und Schweinefleisch gang und gäbe sei. In der Tat trinken manche Afghanen gern den Wodka, der über den Amu Darja aus den muslimischen Republiken der einstigen Sowjetunion eingeschmuggelt wird. Schweinefleisch jedoch rührt kein Afghane an.
Tanzende Frauen „unislamisch“
Was die jungen Afghanen am meisten verärgert, ist die Erklärung des Rates der Rechtsgelehrten, singende und tanzende Frauen im Fernsehen seien gegen die islamischen Werte. Zum Glück hat das Ministerium für Information und Kultur, das von westlich ausgebildeten Politikern geführt wird, verkündet, das staatliche Fernsehen werde weiterhin Sängerinnen und Tänzerinnen auftreten lassen. Schließlich, so der Sprecher des Ministeriums, habe die neue Verfassung die Gleichberechtigung der Geschlechter festgeschrieben.
Doch die moralische Wandlung Karzais öffnet der fundamentalistischen Auslegung des Islam Tür und Tor. Als erste afghanische Provinz hat Nangahar mit der Hauptstadt Dschalalabad dem Dekret des Präsidenten Folge geleistet. Seit einigen Tagen hört man weder im Fernsehen noch im Radio weiblichen Gesang. Das hat Hadschi Mohammadin, der Gouverneur der Provinz, verordnet. Der fromme Hadschi nimmt allerdings keinen Anstoß daran, wenn bald in den Feldern von Nangahar die feuerroten Mohnblumen blühen. Denn seine Sippe ist mit dem Opiumhandel steinreich geworden.