03.07.2010 · Der Krieg in Afghanistan hat nicht nur den Alltag der Soldaten verändert, sondern auch die Arbeit der Sanitäter. Sie sind längst nicht mehr nur am Rande der Kämpfe dabei, sondern müssen auch ihre eigenen Fahrzeuge bewaffnen. Denn die Taliban schießen gezielt auf medizinisches Personal.
Von Jochen Stahnke, KundusDie Zeiten, sagt der Oberstabsarzt, hätten sich geändert in Kundus. Der Sanitäter bedient das Maschinengewehr, der Infanterist darf inzwischen Morphin spritzen und das Medizinpersonal bekommt eine gesonderte Kampfausbildung verordnet. „Anders geht es nicht“, sagt der Chef der Sanitätskompanie. Jens B. ist Chefarzt des Isaf-Feldlagers in Kundus. Der Kompaniechef ist 34 Jahre alt, trägt kurzgeschorene Haare und sieht damit noch jünger aus. Aber er hat mehr Kriegserfahrung als die meisten seiner ehemaligen Ausbilder und Vorgesetzten in Deutschland.
Als Arzt hatte er schon 2007 eine Spezialeinheit der KSK in Afghanistan begleitet. In Kundus sind die Mediziner auch jetzt stark belastet. „Wir sind öfter draußen als die Infanterie“, sagt er. Sein Rettungszentrum hat die Größe eines deutschen Kreiskrankenhauses. Es ist von meterhohen Schanzkörben aus mit Draht umwickeltem Schüttgutcontainern versehen worden. Davor wehen drei Flaggen. Am höchsten die deutsche, daneben in gleicher Höhe die von Afghanistan und die der Vereinigten Staaten.
Angelegt ist das Rettungszentrum für ein Feldlager mit etwa 400 Soldaten. Gegenwärtig befinden sich allerdings etwa 1200 deutsche Soldaten in Kundus, hinzu kommen noch 200 Amerikaner, die bald um etwa 800 Kameraden verstärkt werden, sowie ausländische Isaf-Angehörige. Zwei Drittel aller Notfälle sind allerdings Afghanen. Meist handelt es sich bei den einheimischen Verletzten um Sicherheitskräfte, manchmal aber werden auch schwere zivile Fälle aus Kundus-Stadt überstellt, die das dortige zivile und von deutschen Nichtregierungsorganisationen unterstützte Krankenhaus nicht versorgen kann. So wurden auch einige verletzte Anschlagsopfer vom Freitag in das Rettungszentrum gebracht. Die Kapazitäten sind knapp, und die Ärzte müssen dabei auch verwundete Mediziner ihrer eigenen Einheit behandeln.
Gezielt auf Arztfahrzeuge geschossen
Seit nahezu zwei Jahren nämlich schießen die Aufständischen in Afghanistan gezielt auf Arztfahrzeuge und medizinisches Personal. Keine Kompanie fährt mehr kilometerweit ohne begleitenden Arzt- oder Rettungstrupp aus dem Lager. Dass nach der Genfer Konvention medizinisch gekennzeichnetes Personal besonderen Schutz genießt, solange es sich nicht an feindlichen Handlungen beteiligt, schert die Aufständischen nicht. Das Preisgeld, das auf einen getöteten Arzt ausgesetzt ist, soll 15.000 Dollar betragen, heißt es im Rettungszentrum in Kundus. Einmal ist es möglicherweise schon ausgezahlt worden: Im April wurde Oberstabsarzt Thomas Broer getötet, als ein Panzerfaustgeschoss bei einem Einsatz der Quick Reaction Force seinen vergleichsweise schwach gepanzerten Arzt-Lkw „Yak“ durchschlug.
Der „Yak“ wird auf gefährliche Missionen nun kaum noch mitgenommen. Das Fahrzeug sei für einen beweglichen Arzttrupp nicht geeignet, heißt es auch im jüngsten Zwischenbericht des Wehrbeauftragten Königshaus. Außerdem könne es nicht bewaffnet werden. Das aber ist mittlerweile gang und gäbe auch für Sanitätsfahrzeuge: Seit Juli vergangenen Jahres haben die Deutschen das Rote Kreuz auf ihren Sanitätsfahrzeugen abgeklebt, ebenso wie Amerika, Großbritannien, Belgien, Frankreich und Kanada.
Das verschafft den Sanitätssoldaten dieser Staaten nicht nur mehr Schutz, sondern erlaubt ihnen nach der Genfer Konvention auch, ihre Fahrzeuge zu bewaffnen: Acht der 14 deutschen medizinisch umgerüsteten Fuchs-Transportpanzer haben mittlerweile Maschinengewehre aufmontiert. Bedient werden sie mit deren Einverständnis auch von Sanitätern. Die derzeit eingesetzte Sanitätskompanie hat im Heimatstandort Seedorf direkt mit der Kampftruppe trainiert. Dass Sanitäter nicht mehr von Kämpfern zu unterscheiden sind, kommt für viele einem Paradigmenwechsel gleich.
„Es wird blutig werden“
Oberstabsarzt Jens B. begrüßt diese Neuerung. „Wir sind auch normale Soldaten, wir unterliegen der gleichen Gefahr, niemand kann noch behaupten, Sanitäter hätten vorrangig zivile Aufgaben zu erledigen.“ B. sagt, es habe gerade in der Führungsebene große Widerstände gegen die veränderte Ausbildung gegeben. Sanitäter sollen mit Kündigung gedroht haben, als es hieß, man sei jetzt „abgetarnt“ und voll bewaffnet. An einem Maschinengewehr steht ein blonder, hünenhafter Rettungsassistent.
Er habe seine Waffe bereits im Gefecht eingesetzt, sagt er, und er werde auch nicht zögern, wieder davon Gebrauch zu machen. „Die machen uns ohne Gnade kalt“, sagt er, „wenn sie uns überfallen, dann geht es denen um Vernichtung.“ Besser die als er, sagt er. Ob er auch einen verwundeten Taliban verarzten würde? Ungern, aber selbstverständlich, antwortet der Mediziner. Bislang hat die Bundeswehr nach Angaben der Bundesregierung allerdings erst einen entsprechenden Fall gehabt, das war in Mazar-i-Sharif.
Sich auf das Schlimmste vorzubereiten ist Prinzip im Rettungszentrum. „Es wird blutig werden“, sagt Jens B. am Vorabend einer größeren Operation. Seit wenigen Wochen gibt es im Feldlager immerhin einen zweiten Operationssaal - einen gekühlten Metallcontainer, der an eine Tür des Rettungszentrums angeschlossen worden ist. „Um den zweiten OP musste ich hart kämpfen“, sagt Jens B. Die 6000 Kilometer von der Realität entfernt in Deutschland sitzenden Planer glaubten, die Kapazitäten reichten noch länger aus. Aber Kapazitäten sind ein riesiges Problem, auch im Personalwesen: Es gibt einfach zu wenig Mediziner. Allein 2009 haben 130 Bundeswehrärzte gekündigt, im Vorjahr etwa 100. Darüber hinaus mangelt es der Bundeswehr gerade an Sanitätern und an Fachärzten für die Psychiatrie.
„Dann fließt auch mal die ein oder andere Träne“
Auch deswegen, und wegen der erhöhten Gefahr im Gefecht, erhalten auch Infanteristen seit kurzem eine vertiefte gefechtsbezogene Sanitätsausbildung. Ausbildung sei nicht hoch genug einzuschätzen, sagt Jens B. „80 Prozent aller Soldaten mit psychischen Problemen sind unzureichend vorbereitet worden.“ Gerade Sanitäter, die fast bis zu ihrem Abreisetag nach Afghanistan in deutschen Bundeswehrkrankenhäusern anderweitig beschäftigt waren, hätten mit der Kriegssituation Probleme gehabt.
Die Sanitäter in Kundus kommen aus derselben Kaserne wie die Luftlandebrigade 31 in Seedorf bei Bremen. Man kennt sich. „Wir trainieren gemeinsam, kennen uns, sind befreundet, das machte die Abläufe und das Teamwork leichter“, sagt Jens B. Wenn ein Kamerad dann aber mit abgerissenem Arm auf der Trage liegt, macht es die Sache schwieriger. Oder wenn man den verbrannten Körper eines Freundes erst nach sorgfältigem Abgleich mit Fotos erkennen könne. „Dann fließt auch mal die ein oder andere Träne“, sagt der Oberstabsarzt.
Da im Gefecht besonders auch Sanitäter beschossen werden, dauert es für diese länger, zu den Verletzten vorzudringen. Und die ersten Minuten nach einer Verletzung sind meist entscheidend, gerade wenn Soldaten zu verbluten drohen. Deshalb dürfen mittlerweile auch Mannschaftsdienstgrade Infusionen, Intubationen und Morphium (gegen Schmerzen oder drohenden Schocktod) verabreichen.
Überlebenswichtig für die Deutschen ist die Hilfe der Amerikaner
Das alles sind lebensrettende Maßnahmen, die bislang Ärzten vorbehalten waren. Und mit der neuen Isaf-Strategie zur Aufständischenbekämpfung wird die Gefahr für die Bundeswehr noch zunehmen. „Wir sollen dann mit den Afghanen leben, und wenn nötig, dann sterben wir auch mit ihnen“, sagt ein deutscher Feldnachrichtenoffizier lakonisch - und meint damit nicht nur seine Aufklärungstruppe.
Überlebenswichtig für die Deutschen ist die Hilfe der Amerikaner. Amerikanische Soldaten sind im Lager meist auf Durchreise, aber es gibt im Rettungszentrum auch einen amerikanischen Arzt mitsamt einer Handvoll Helfer. Und die überlebenswichtige Mannschaft der Hubschrauber zur medizinischen Evakuierung (Medevac), die Deutschland selbst allerdings nicht besitzt: Zwei fliegende Krankentransporter und ein schwerbewaffneter Begleithubschrauber, die zum Beispiel am Karfreitag unter Beschuss deutsche Verwundete direkt vom Gefecht ausgeflogen hatten. Es gibt auch einen landgestützten deutschen Medevac-Zug. Er besteht aus einem Notarztpanzer und einem Rettungspanzer - beide mit aufmontierten Maschinengewehren und ohne Rotes Kreuz.
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