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Afghanistan Gut und Böse in vielen Schattierungen

21.05.2010 ·  Im Nordosten Afghanistans kommt die Bundeswehr nicht umhin, sich mit den örtlichen Kriegsherren zu arrangieren. Immerhin gilt die Provinz Badakshan weiter als ruhig - wenn auch nicht als stabil.

Von Jochen Stahnke, Faizabad
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Er war Bauer, Mudschahed, dann Flüchtling. Jetzt ist er Vorposten der Bundeswehr. Haider Muhammad Ismali trägt eine selbstgeschneiderte Uniform und eine Kalaschnikow. In das Rohr seines verkratzten Sturmgewehrs hat er ein Stück Tuch gestopft. Aufrecht und stolz steht er vor seinem Unterstand. Der Posten ist dem Isaf-Feldlager in Faizabad vorgelagert, das von Deutschland betrieben wird. Auch wenn Haider keine Rangabzeichen trägt, wirken der gepflegte schwarze Vollbart und die grüne Mütze, als gehörte alles so zusammen. Unter General Nazir Muhammad kämpfte Haider auf Seiten der islamistischen Jamat-e-Islamia sechs Jahre lang recht erfolgreich gegen die sowjetischen Besatzer. Die Provinz Badakshan haben die Russen nie einnehmen können. Die Taliban versuchen es bislang gar nicht erst. Wohl auch, weil hier so gut wie keine Paschtunen leben. Und weil es hier mächtige Kriegsherren gibt.

Haider, der Tadschike, bekleidete einst den Rang eines Offiziers. Heute schiebt er einen rollbaren Spiegel unter ankommende Zivilfahrzeuge und tastet Reinigungskräfte nach Waffen und Sprengstoff ab. Dafür bekommt er 420 Dollar im Monat, etwa 18.000 Afghani. Mit dem Geld habe er in seinem Dorf Jafftal schon drei Häuser bauen können. „Ich bin glücklich, so viel habe ich noch nie bekommen“, sagt Haider.

Sie arbeiten im Zwei-Schichten-Rhythmus. Nach sieben Tagen Arbeit gibt es sieben Tage frei. Haider hat sechs Kinder, die beiden ältesten Söhne gehen zur Schule – eine Gelegenheit, die der 56 Jahre alte Wachposten selbst nie hatte. Seit er neun Jahre alt war, arbeitete Haider auf dem Feld, bis er dann Soldat wurde und nach dem Krieg gegen die Sowjetunion einige Jahre als Wirtschaftsflüchtling nach Pakistan übersiedelte.

Ruhig, aber nicht stabil

Den begehrten Arbeitsplatz am Bundeswehr-Feldlager hat ihm sein eigentlicher Chef besorgt, General Nazir Muhammad: ein Bürgerkriegskommandeur der Mudschahedin, ein Kriegsherr, einer der mächtigsten Männer in Faizabad. Vermutlich mächtiger noch als der von Kabul bestellte Gouverneur.

Nazir vermittelte 40 seiner alten Kampfgefährten an die Bundeswehr. Zunächst hatten die Deutschen nach Eröffnung des Wiederaufbauteams für die Provinz (PRT) 2004 auf Nazir Muhammads Dienste verzichtet. Schließlich wurden von den umliegenden Bergen Raketen oder Panzerfaustgeschosse auf das Feldlager gefeuert. Seit Nazir seine Leute hier untergebracht hat und nicht zuletzt dadurch sein Einfluss gewürdigt wurde, hätten diese Art Angriffe weitgehend aufgehört, sagen zivile Beobachter. Haider wurde 2005 an das PRT vermittelt. Heute ist es in Faizabad ruhig, „aber nicht stabil“, wie die Bundeswehrsoldaten täglich melden. Die Zahl der Sprengsätze auf der Straße steigt wieder.

Nazir Muhammad ist also inzwischen auch noch Arbeitskräftevermittler der Bundeswehr. Regionale Machtstrukturen kann und will man hier nicht verändern. Immerhin verhält sich Nazir ruhig, seine ranghohen Soldaten sind jetzt beschäftigt und er muss den Sold nicht zahlen. Nein, er müsse nicht einen Teil seines Lohnes an General Nazir abgeben, beteuert Haider, der Wachposten. Vielleicht stimmt das, vielleicht hat Nazir Muhammad derart kleine Beträge nicht nötig. Vor zwei Jahren deutete der afghanische Präsident Karzai gegenüber der Zeitschrift „Spiegel“ an, dass Nazir von deutschen Verwaltern in Kundus jeden Monat 30.000 Dollar geliefert bekomme. Solange das Gleichgewicht der Kräfte aufrechterhalten bleibt, es keine Kampfhandlungen gibt und auch Taliban nicht in die Provinz einrücken, hält sich die Schutztruppe Isaf zurück. Die Bedrohung durch örtliche Warlords gilt als gering.

„Fünf bis sechs Bodyguards hat General Nazir noch“, sagt Haider, zusätzlich zu den 40 Mann am Feldlager. „Die übrigen sind jetzt Bauern.“ Jeder aber habe seine Waffen noch im Haus. Haider hält das Gewehr in die Höhe. Die Kalaschnikow ist sein Eigentum.

Ein guter Mann, der viel Geld verteilt

General Nazir Muhammad hingegen hat seine Waffen offiziell abgegeben. Ein mit den örtlichen Gegebenheiten gut vertrauter Afghane vermutet, dass Nazir trotzdem noch 300 Maschinengewehre, 1000 Kalaschnikows und 100 Panzerfäuste besitzt. Das würde vielleicht für drei Stunden Kampf reichen, mehr nicht, auch wenn er Teile der örtlichen Polizei kontrolliert. Dass Nazir einer der größten Drogenbosse der Region ist, ist ebenfalls nicht kriegsentscheidend. Nazir ist eng befreundet mit dem Chef der Grenzpolizei im nördlichen Distrikt Eshkashem, der an Tadschikistan grenzt. General Wahid, ebenfalls Kriegsherr und ehemaliger Mudschahedin-Kommandeur, verdient wiederum selbst mehrere tausend Dollar täglich vor allem durch Waffenschmuggel.

Weithin sichtbar steht Nazirs Villa zwischen der Altstadt und der Neustadt von Faizabad, direkt am Kokcha-Fluss. Nazir sei ein guter Mann, der viel Geld verteile. In „seinen“ Dörfern und in der Stadt löse er viele Streitigkeiten, sagt Haider. „Die Menschen hier unterstützen ihn alle.“ Ein politisches Amt hat Nazir Muhamm nicht inne, auch wenn er eng mit Afghanistans früherem Präsidenten Rabbani befreundet sein soll, der ebenfalls aus Faizabad stammt. Mehrfach soll sich Nazir vergeblich um das Amt des Polizeichefs und des Distriktgouverneurs beworben haben. Trotzdem mache er sich verdient um das Gemeinwohl, heißt es. Ohne seine Hilfe hätte ein vom Westen finanziertes Krankenhaus in der Stadt kürzlich nicht gebaut werden können.

Eine „Ruhegegend“ für Taliban

Auf der anderen Seite des Kokcha, im Distrikt Argu, herrscht ein weiterer ehemaliger Kommandeur der Nordallianz, der Warlord Abdul Jabbar Mossadeq. Er bekleidet ein politisches Amt: Mossadeq ist „Distrikt-Manager“. Gleichzeitig ist er Mitglied der Hizb-e-Islami von Gulbuddin Hekmatyar, den die Isaf als gefährlich einstuft. Die Gruppe kämpft ebenfalls gegen die Taliban, die Isaf geht gegen sie nicht vor. Möglicherweise will Präsident Karzai Hekmatyar sogar einen Regierungsposten anbieten. Nazir hingegen gehört der Jamiat-e-Islami an, welche die Isaf ebenfalls nicht behelligt, die allerdings mit Hekmatyars Gruppe verfeindet ist.

Eine Blutfehde gibt es wiederum zwischen dem Gouverneur und dem Distriktchef von Keshem, einem Unruhedistrikt Badakshans, der als „Ruhegegend“ für Taliban gilt, die aus Kundus kommen. Es gibt viele Beispiele dafür, wie diffus die Grenzen zwischen Gut und Böse verlaufen. Erst vor zwei Wochen behandelte die Bundeswehr im Hospital des Feldlagers einen ranghohen Polizisten, dem ein anderer sogenannter Ordnungshüter ins Bein geschossen hatte.

Die Präsenz der Bundeswehr zeigt allerdings Wirkung. Offen bekriegt sich in Badakshan kein Warlord mehr, und auch der zivile Wiederaufbau ist in Faizabad deutlich sichtbar: Die Hauptstraßen werden geteert, die Behörden bekommen neue Häuser, eine ganze Reihe von vielversprechenden Hilfs- und Ausbildungsprogrammen haben sich angesiedelt. „Wenn das PRT aufgelöst wird, verlieren hier viele Angestellte ihre Arbeit“, sagt Offizier Haider. Außerdem bringe die deutsche Armee Frieden. „Wenn sie abziehen wollen, dann sollte General Nazir einen Regierungsposten bekommen“, sagt Haider. Denn die afghanische Regierung könne ohne Nazir oder Bundeswehr keine Sicherheit garantieren.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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