11.09.2009 · Der Krieg gegen das mit Al Qaida verbündete Taliban-Regime in Afghanistan war die westliche Antwort auf die Terror-Attacken des 11. September 2001. Der Einmarsch der Amerikaner veränderte vieles am Hindukusch. Wie blicken die Afghanen zurück?
Von Friederike Böge, KundusFür Ahmad Jawid gab es am 11. September 2001 nur eine Verbindung zur Welt da draußen: das Radio. Seine Familie hatte gleich vier Geräte angeschafft - schwere Holzkästen, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung stammten. Ein Radio war auf die Frequenz des britischen Senders BBC eingestellt, ein anderes auf den iranischen Sender Mashad, ein drittes auf den iranischen Staatsfunk. Das vierte Gerät empfing den Taliban-Sender und stand für ungebetenen Besuch bereit. Falls einer der Schergen des Islamistenregimes plötzlich vor der Tür stand, lauschte die Familie Propagandaliedern, paschtunischer Trommelmusik oder Koransuren.
Die Taliban waren damals in Afghanistan im Zenit ihrer Macht angelangt. Kundus, wo Ahmad Jawids Familie lebt, war ihre Hochburg im Norden des Landes. Am 11. September vor acht Jahren also erfuhr der Student aus dem Radio, dass Terroristen zwei Flugzeuge am anderen Ende der Welt ins World Trade Center gesteuert und Tausende Menschen getötet hatten. Die Bilder von den einstürzenden Türmen sah er erst viele Monate später, denn Fernsehen gab es damals nicht. Die Taliban hatten es verboten.
„Wir waren glücklich, die Kampfflugzeuge zu hören“
Zunächst war die Nachricht aus New York für ihn nur eine Meldung wie viele andere auch. Weit weg und ohne Verbindung zu seinem Leben im politisch isolierten Afghanistan. Doch schon nach wenigen Tagen, als die Vereinigten Staaten Usama Bin Ladin als Drahtzieher identifizierten und dessen Auslieferung von Afghanistan forderten, wurde der Anschlag zu einem der wichtigsten Gesprächsthemen in Jawids Freundeskreis. Zum Beispiel in seinem Englischkurs in einer Privatschule, wo offenbar, wie sich bald zeigte, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen wurden: „Alle waren ganz aufgeregt und sagten: Wenn die Amerikaner kommen, können wir als ihre Übersetzer arbeiten“, erinnert sich der 24 Jahre alte Lehramtsstudent.
So kam es. Vier seiner Klassenkameraden wurden Dolmetscher für die amerikanischen Truppen. Sie reisten in die Nachbarprovinz Takhar, als Kundus noch in der Hand der Taliban war. Ihr Tagesverdienst: 300 Dollar. Auch andere Leute aus Kundus verdienten damals gut. Sie lieferten Reis, Weizen und Batterien an die Nordallianz, die die Taliban vom Boden aus bekämpfte, während die Amerikaner aus der Luft angriffen.
„Lange bevor Kundus fiel, hörten wir von weitem die Bomben“, sagt Jawid. Nachts seien er und seine Familie auf das Dach des Hauses gestiegen, um dem Lärm der B-52-Kampfflugzeuge zu lauschen. „Wir waren glücklich, sie zu hören“, sagt er. So verhasst war ihnen das Taliban-Regime. Selbst als die Bombeneinschläge näher kamen, hätten sie draußen gestanden und das Geschehen beobachtet. „Wir waren uns sicher, dass sie keine Zivilisten bombardieren“, sagt Jawid. Die Geschosse seien klein gewesen und hätten ihre Ziele meistens getroffen. Allerdings habe es doch einzelne zivile Tote gegeben.
Damals begannen die ersten Taliban, ihre Bärte zu schneiden und ihre Turbane abzusetzen. Schon sehr früh, bevor die Übergangsregierung von Hamid Karzai eingesetzt wurde, hätten die Menschen in Kundus von Wiederaufbau gesprochen. „Sie wussten, dass Amerika ein reiches Land ist“, sagt Jawid. Sie seien voller Hoffnung gewesen.
„Welches Recht haben die Amerikaner, unsere Landsleute zu töten?“
Fatima hat das ganz anders erlebt. Die 27 Jahre alte Frau lebte damals mit ihrer Familie im iranischen Exil in der Kleinstadt Gurgan. Zwei Tage vor dem 11. September war der Tadschikenführer Ahmed Schah Massud im afghanischen Panjshirtal von Terroristen ermordet worden. „Wir waren tief erschüttert. Viele waren ratlos und fragten: Wie soll es ohne unseren Anführer weitergehen? Was wird aus unseren Familien in Afghanistan?“ Die Trauer um Massud überschattete den „11. September“ im fernen Amerika.
Alles, was Fatima damals über die Terroranschläge in New York und Washington erfuhr, wusste sie aus dem iranischen Staatsfernsehen. „In den Talkshows sagten die Kommentatoren, dass die Angriffe die Schwäche der Vereinigten Staaten zeigten.“ Sie selbst habe geglaubt, dass die westlichen Länder nur den Islam hätten schlechtmachen wollen, als sie islamistische Terroristen als Täter identifizierten. Als die Amerikaner in Afghanistan einmarschiert seien, sei sie empört gewesen. „Ich dachte: Welches Recht haben die Amerikaner, unsere Landsleute zu töten? Nur wegen zwei eingestürzten Türmen?“ Aber das sei unter dem Einfluss der iranischen Medien geschehen. Die hätten vor allem über getötete Zivilisten in Afghanistan berichtet und den Einmarsch mit der sowjetischen Besatzung verglichen.
Erst 2004 kehrten Fatima und ihre Familie nach Afghanistan zurück. Sie gehört zu den Gewinnern der Ära Karzai. Als Buchhalterin in einer ausländischen Organisation verdient sie ein gutes Gehalt, von dem sie ihre Eltern und Geschwister ernähren kann. Wenn sie heute an den 11. September 2001 zurückdenkt, fällt ihr ein afghanisches Sprichwort ein: Jedes schreckliche Ereignis hat positive Folgen für andere Leute. „Ohne den 11. September“, sagt Fatima, „hätte die Welt sich bis heute nicht um Afghanistan gekümmert.“
„In der Taliban-Zeit haben wir nicht gelebt, sondern vegetiert“
Auch Yaqub war in Iran, in Mashad, als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Doch erfahren hat er davon erst viel später. Er war Bauarbeiter, lebte mit zehn afghanischen Migranten in einem Zimmer. Radio oder Fernsehen hatten sie nicht. Ihre einzige Informationsquelle war der Strom von Wanderarbeitern, der zwischen Afghanistan und Iran pendelte. „Sie berichteten, dass die Taliban gestürzt worden seien und Burhanuddin wieder an der Macht sei“, sagt der 50 Jahre alte Mann, der inzwischen einen kleinen Laden in Kundus führt. Burhanuddin Rabbani, afghanischer Präsident zu Zeiten der Mudschahedin-Regierung, war damals der politische Führer einer der Nordallianz-Parteien. Yaqub machte sich auf den Weg ins pakistanische Quetta, wo ein Teil seiner Familie lebte. Sollten sie nach Afghanistan zurückkehren? Dort, in Quetta, sah er in einem Restaurant im Fernsehen zum ersten Mal die Bilder von den einstürzenden Türmen. „Wo ist das denn?“, habe er den Kellner gefragt. Was die Anschläge mit den Veränderungen am Hindukusch zu tun haben, darüber habe er sich nie Gedanken gemacht, sagt der Verkäufer.
Shapur Imami kann sich nicht mehr erinnern, wann und wo er zum ersten Mal von den Anschlägen erfahren hat. „Damals war ich kein Politiker, sondern Händler für Baumaterialien“, sagt der Abgeordnete des Provinzrates von Kundus. Doch er wisse noch genau, wie froh er war, als er von den amerikanischen Invasionsplänen erfahren habe. „In der Taliban-Zeit haben wir nicht gelebt, sondern vegetiert“, sagt er. Die meisten seiner Schwestern seien Lehrerinnen, die unter dem Islamistenregime nicht hätten arbeiten dürfen.
Doch die Hoffnung von damals sei in seinem Distrikt inzwischen verflogen. „Jeden Tag rechnen die Leute damit, dass Imam Sahib an die Taliban fällt“, sagt er. Die ersten Familien seien in die Provinzhauptstadt Kundus gezogen. Sieben von zwölf Mädchenschulen seien für Schülerinnen geschlossen, die älter als zwölf Jahre seien. Seit vier Monaten könnten Regierungsmitarbeiter nicht mehr in die Dörfer fahren. Dort würden nun die Taliban wieder Rechtsstreitigkeit lösen. Allerdings, sagt der Abgeordnete, würden sich die neuen Taliban in den von ihnen kontrollierten Dörfern anders verhalten als die Islamistenregierung. Noch jedenfalls würden sie den Frauen erlauben, Krankenhäuser aufzusuchen, und Männern, ihre Bärte zu rasieren. Noch.
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