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Afghanistan „Es wird noch viele Jahre dauern“

12.06.2008 ·  Die Reform der afghanischen Sicherheitskräfte geht langsamer voran, als es sich die Militärs aus dem Westen erhofft hatten. Mit Ausbildungshilfe in Deutschland soll sich das nun ändern. Für eine Karriere sind aber im Zweifel immer noch gute Verbindungen entscheidend.

Von Christoph Ehrhardt, Kundus
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Wenn Oberst Nagibullah einen Tee wünscht, dann drückt er einen kleinen mobilen Klingelknopf, der wie ein Lichtschalter aussieht. Dann kommt ein uniformierter Diener, nimmt die Bestellung auf und bringt dem Oberst Tee und Nüsse. Der Oberst hat es recht gemütlich in seinem Dienstzimmer. Ein imposanter Schreibtisch, tiefe Sofas, ein dicker weicher Teppich, Plastikblumen, Nationalflaggen, die Wände sind in einem intensiven Zitronengelb gehalten. Aber Grund zur Klage sieht er schon: Die gut 400 Soldaten der afghanischen Armee, die Oberst Nagibullah kommandiert, könnten nach seinem Dafürhalten modernere Ausrüstung vertragen, so schnell wie möglich sollen es doppelt so viele sein. Die Amerikaner haben seinen Männern gebrauchte Geländewagen und Sturmgewehre älterer Bauart überlassen. Da müsse der Westen mehr investieren, sagt Oberst Nagibullah.

Der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte geht voran. Aber er geht langsamer voran, als es sich die Afghanen und die Militärs aus dem Westen ursprünglich erhofft hatten – und beide Seiten haben dafür ihre eigenen Erklärungen. Oberst Nagibullahs Männer jedenfalls schießen immer noch lieber mit der in Afghanistan allgegenwärtigen Kalaschnikow.

Die meisten sind Analphabeten

Ein Zug Soldaten ist zum Training ins Wadi, das ausgetrocknete Flussbett nahe des Lagers, ausgerückt. Die Männer feuern auf Zielscheiben, dann werden die Treffer gezählt. Der afghanische Unteroffizier, der die Übung überwacht, scheint recht zufrieden zu sein. Nur einer muss harsch geäußerten Unmut ertragen: Er hat auf die Scheibe des Nebenmanns geschossen. Die Bundeswehrsoldaten aus dem Provinzwiederaufbauteam in Kundus, die die Arbeit des afghanischen Kameraden überwachen, sind mit seiner Ansprache weitgehend zufrieden.

Sie stellen in Kundus das „Operational Mentoring and Liasion Team“, das die Afghanen beratend beim Aufbau und der Ausbildung ihrer Streitkräfte unterstützt. Es sind dreiunddreißig Bundeswehrsoldaten auf sechs Teams verteilt, sie geben Ratschläge, machen bei Übungen Handgriffe vor. Sie sind auch dabei, wenn die afghanischen Soldaten zu Einsätzen gegen radikale Islamisten, Terroristen und Kriminelle ausrücken. Die Deutschen berichten von Fortschritten, vom Lernwillen und vom Mut der afghanischen Soldaten, von „wirklich guten Leuten“. Sie machen aber auch deutlich, dass die Startbedingungen mehr als schwierig sind: Die meisten Soldaten sind Analphabeten, sie können von ihrem Sold ihre Familien kaum ernähren.

„Es wird noch viele Jahre dauern“, sagt ein Bundeswehroffizier. Er hört genau hin, was der Zugführer zum Abschluss der Übung den Männern sagt, die in zwei Reihen angetreten sind. Nämlich dass sie „stolz“ sein könnten, dass sie einen „ehrenhaften Dienst“ leisteten. Dass sie es gefälligst unterlassen sollen, ihre Ausrüstung behelfsmäßig selbst zu flicken. „Behandelt sie pfleglich, gebt sie wenn nötig in Reparatur“, lautet der Befehl. Der Trupp rückt wieder in die Kaserne ein.

„Kulturelles Training“

Wenn Oberst Nagibullah die stickigen Unterkünfte seiner Männer betritt, erheben sie sich rasch von ihren Pritschen. Es sind aus dünnen Holzplatten gezimmerte Hütten, brütend heiß im Sommer, bitterkalt im Winter, immer schlecht durchlüftet. Der Blick in die Truppenküche ließe einen Mitarbeiter eines deutschen Ordnungsamts wahrscheinlich erschauern. Der Oberst plaudert freundlich mit den Soldaten, und doch wird schnell klar, dass aus dem freundschaftlichen bisweilen auch ein herrischer Anführer werden kann. „Prinzipien der inneren Führung, wie sie die Bundeswehr lehrt, können sie hier vergessen“, sagt ein deutscher Offizier. „Die Afghanen haben ihre eigene Führungskultur.“

Ganz aber scheinen sich Bundeswehr und Bundesregierung nicht damit abgefunden zu haben. Ein gutes Dutzend afghanischer Kadetten, soll nämlich in Deutschland die Offizierausbildung der Bundeswehr durchlaufen. Von Juli an sollen die Männer in einer Bundeswehrinstitution intensiv Deutsch lernen. Die Zeit sei auch als „kulturelles Training“ zu verstehen, heißt es aus dem Verteidigungsministerium.

Keine glanzvolle Karriere

Im Sommer 2009 sollen die afghanischen Offizieranwärter dann in den regulären Heeres-Offizierjahrgang eingegliedert werden. Sie müssen ohne ihre Familien einreisen, nach zwei Jahren gibt es Urlaub, einen Flug in die Heimat und ein bescheidenes „Taschengeld“. Gut sieben Jahre werden sie in Deutschland verbringen, sechs Jahre militärische Ausbildung stehen ihnen insgesamt bevor. Studium inklusive. Aber auch die Grundausbildung wird den afghanischen Kadetten nicht erspart bleiben. Der „afghanische Beitrag“, der stets eingefordert wird besteht in diesem Fall darin, dass sie Härten wie die lange Trennung von zu Hause und die Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, die jeder deutsche Rekrut erfährt.

„In zehn bis fünfzehn Jahren haben wir was von den Leuten“, sagt ein ranghoher deutscher Offizier in Kabul. Dann könnten ihre Kenntnisse und ihre Führungskultur langsam von oben nach unten in der Armee durchsickern – etwa in der Logistikschule, die in Kabul unter deutscher Führung entsteht. Eine glanzvolle Karriere ist diesen Männern aber nicht garantiert. Derzeit gibt es in der Armee nur begrenzte Aufstiegschancen. Ein ranghoher Mitarbeiters des afghanischen Verteidigungsministerium berichtet zudem, es lebten noch etwa 30.000 frühere Armeeoffiziere im Ausland, für die es auch Posten geben müsse. Die Reform der Sicherheitskräfte, die vor allem die inkompetente Stabsoffiziere und auch Generale entfernen sollte, laufe schleppend voran, weil man diese „auch nicht einfach vor die Tür setzen“ könne.

„Das ist eben Afghanistan“

Noch immer zählen im Zweifel gute Verbindungen. Das gilt sicher auch für die Auswahl, der Kadetten für das Deutschland-Programm, denn die Kabuler Behörden werden sie nicht allein nach Fähigkeiten auswählt haben.

Auch in Kundus arbeiten die Deutschen mit Partnern, die ihnen das afghanische System beschert. Mit dem Polizeichef der Provinz etwa, General Ayyub Salanghi. Ein massiger Mann mit harten Zügen und kahlrasiertem Schädel; ein Kommandeur der Mudschahedin, der einst die Sowjets am Salanghi-Pass bekämpfte – und seinen Namen den dort vollbrachten Heldentaten verdankt. Später bekämpfte er die Taliban. Salanghi, das ist in Kundus ein offenes Geheimnis, hat ein eher unverkrampftes Verhältnis zu Korruption und Waffengeschäften.

Aber er gilt als ein treuer Gefolgsmann des afghanischen Präsidenten Karzai, und aus der Bundeswehrführung in Kundus heißt es auch: „Wenn man ihn nachts um zwei anruft und sagt, man brauche sechzig Polizisten, dann dauert es nicht lange, und es stehen sechzig Polizisten auf der Matte.“ Viel hänge von persönlichem Kontakt, Respekt und Vertrauen ab. Zum derzeitigen Kommandeur in Kundus hat General Salanghi offenbar ein gutes Vertrauensverhältnis, und so wird dort die Zusammenarbeit insgesamt als ertragreich gelobt – den Schattenseiten dieser Partnerschaft zum Trotz. „Das ist eben Afghanistan“, heißt es lakonisch.

Autorität eines Eisverkäufers

Auch General Salanghis Männer bilden sich – wie die Männer von Oberst Nagibullah – mit Hilfe der Deutschen im Wadi fort. An diesem Tag üben sie bewaffnete Personenkontrolle und Festnahmen. Deutsche Beamte aus einem Trainerkontingent der Bundespolizei geben zupackenden und anschaulichen Unterricht. Der Ausbilder mimt den Terroristen. Er muss seine Schüler immer wieder ermahnen, ihn doch bitte etwas härter anzupacken. Schritt für Schritt geht er geduldig einzelne Bewegungsabläufe durch. „Position eins!“ Durcheinander.

„Nein, nicht so!“ Auf Anfang, bis es klappt. Da gibt es den Klassenprimus, bei dem die Uniform nicht so merkwürdig ausgebeult aussieht, der energisch Kommandos bellt; bei dem es professionell und tatsächlich bedrohlich aussieht, wenn er die Pistole in Anschlag bringt. Da gibt es aber auch die anderen, die etwas hüftschief dastehen und allenfalls die Autorität eines Eisverkäufers ausstrahlen. Eines Eisverkäufers mit Sturmgewehr immerhin. Am Ende der Schulung sind die deutschen Polizeiausbilder mit dem Ergebnis zufrieden. Es werde eben noch lange dauern, sagen sie. Die Afghanen greifen sich ihre Kalaschnikows und sitzen auf den Pritschenwagen auf, der sie zum Dienst zurückfährt.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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