09.11.2009 · Immer mehr Soldaten kehren mit psychischen Wunden aus Afghanistan zurück. Deutsche Militärpsychiater glauben, dass es helfen würde, wenn der Einsatz der Truppe stärker anerkannt würde.
Von Marco SeligerDie Dämmerung zieht auf, als die deutsche Patrouille zum Rückmarsch in das Feldlager in Kundus aufbricht. Die Taliban haben sich nach einigen Scharmützeln zurückgezogen. Der Weg, den die deutschen Soldaten nun zu nehmen haben, bietet ein ideales Terrain für einen Angriff. Hauptfeldwebel Markus Schuster steht auf dem Beifahrersitz eines Transportpanzers, er blickt aus der vorderen Luke des Fahrzeugs, das Gewehr entsichert und im Anschlag. Rechts stehen Bäume und Sträucher, links ist Erde mannshoch zu einem Wall aufgeschüttet. Plötzlich entbrennt ein stundenlanger Kampf.
Schuster fordert über Funk Verstärkung an, als er im Augenwinkel „etwas auf sich zukommen“ sieht. Der Gegenstand zieht einen grellen Lichtschweif hinter sich her. „Panzerfaust“, denkt der Unteroffizier, da zischt das Geschoss schon dicht an ihm vorbei. Schuster blickt im nächsten Moment ungläubig auf das Dach des Panzers. Er weiß, er müsste jetzt tot sein. Die Rakete ist zwei Meter hinter ihm eingeschlagen, die Metallsplitter, die bei der normalerweise folgenden Explosion freigesetzt worden wären, hätten in seinem Gesicht oder seinem Hals verheerende Wunden gerissen. Aber der Geschosskopf ist nicht detoniert und steckt in dem Staukasten, in dem die Soldaten Gepäckstücke, Wasserflaschen und Ausrüstungsgegenstände aufbewahren.
Dem Tod so nah
Als Schuster Stunden später das Feldlager erreicht, wird er von den Kameraden als Glückspilz gefeiert. Aber er kann diese Begeisterung nicht empfinden. Nie ist er dem Tod so nah gewesen wie in jenem Moment, das wird ihm in der Sicherheit des Lagers schlagartig bewusst. Er ist Anfang 30, ein Berufssoldat und nicht das erste Mal im Einsatz. Aber plötzlich fragt er sich: Bin ich bereit, hier zu sterben? Bin ich bereit, eine schwere Verwundung hinzunehmen, wie ich sie hier schon oft nach Kämpfen gesehen habe? Wofür? Schuster gerät in Panik. Er ist Vorgesetzter von 30 Soldaten, er darf nicht versagen, das könnte das Leben der eigenen Männer kosten. Doch der ständige Druck und die Angst vor dem Tod haben ihn in den zurückliegenden Wochen mürbe werden lassen. Er denkt nach über die Gefechte, kann nicht abschalten, schläft nicht, wird fahrig, zieht sich zurück. Sein Vorgesetzter schickt ihn schließlich zum Militärpsychologen.
Wenige Tage später bezieht Markus Schuster ein Zimmer im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Abteilung 6, Psychiatrie. Die Ärzte diagnostizieren ein posttraumatisches Belastungssyndrom, eine ernsthafte Erkrankung der Seele, verursacht durch traumatische Erlebnisse in Kampfhandlungen. Ärzte nennen das „Combat Stress Disorder“. Bundeswehr-Psychiater schickten in diesem Jahr Dutzende von Soldaten aus Afghanistan nach Hause. Militärärzte wie Dr. Mario Horst Lanczik, Oberstabsarzt der Reserve, sprechen von „akuten Belastungsstörungen“, die nach Gefechten bei Kampftruppen auftreten können. „Ein Phänomen, das wir seit Jahrhunderten bei Soldaten kennen“, sagt Lanczik. Wird es nicht professionell behandelt, kann es schnell zu einer posttraumatischen Belastungsstörung auswachsen. Der betroffene Soldat ist dann entweder nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt dienstfähig.
Untersuchungen in den amerikanischen und israelischen Streitkräften haben ergeben, dass bis zu 30 Prozent der Soldaten, die an Kampfhandlungen beteiligt waren, anschließend psychisch erkranken. „Auch wenn es für die Bundeswehr noch keine vergleichbaren Studien gibt, ist bei unseren Soldaten mit ähnlichen Raten zu rechnen“, sagt Lanczik, der im Sommer diesen Jahres als leitender Psychiater für die Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz war.
Unangenehme Schlüsse
Die Ergebnisse der Untersuchungen, die er in dieser Zeit an vom Kampf zermürbten Soldaten vorgenommen hat, sind in einen Bericht eingeflossen, der einige für die Bundeswehrführung unangenehme Schlüsse enthält. Noch immer, kritisiert Lanczik, werde der psychischen Gesundheit von Soldaten in den Streitkräften nicht der gebotene Stellenwert zugestanden. „Auf einen körperlich Verletzten kommen sechs seelisch Versehrte“, sagt er, was sich anhand der Statistik in diesem Jahr bestätigen lässt. Denn mit den Gefechten in Kundus stieg auch die Zahl der psychischen Schäden rapide. Wenn die Sicherheitslage in Kundus weiter eskalieren sollte, dürfte die Ausfallrate in der Truppe steigen. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass eine Vielzahl seelisch kranker Soldaten aus Afghanistan zurückkehren wird“, sagt Lanczik. Seine Empfehlung an die Bundeswehrführung ist daher eindringlich. „Wir brauchen in den Streitkräften eine größere medizinische Kompetenz in diesem Fachgebiet und mehr Ärzte für Psychiatrie, die nicht zuletzt direkt im Einsatzgebiet tätig sind.“
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr lässt das Phänomen erst einmal erforschen, obwohl es Studien über „Combat Stress Disorder“ etwa in den Vereinigten Staaten und Israel schon lange gibt. Auch die Einrichtung eines Forschungszentrums für Psychotraumatologie in Berlin, die nach dem Koalitionsvertrag von Union und FDP von hoher Priorität ist, kommt nicht voran. Stattdessen wird nur ein Fachbereich „Psychische Gesundheit“ am Institut für Medizinische Arbeits- und Umweltmedizin der Bundeswehr eingerichtet. „Die Truppe steht täglich im Kampf, wir aber basteln noch immer an Strukturen und Konzepten herum, die längst stehen müssten, um den Soldaten professionell und schnell helfen zu können“, kritisiert Lanczik. Aber mit welchem Personal? Nur die Hälfte aller Psychiaterstellen im Sanitätsdienst der Bundeswehr sind besetzt.
Die meisten Soldaten in Afghanistan fahren auch nach traumatischen Erlebnissen wie Tod oder Verwundung eines Kameraden wieder auf Patrouille. Aus Afghanistan kehren vielfach erschöpfte Soldaten zurück, die es umso stärker trifft, dass ihr Einsatz in der Heimat kaum gewürdigt wird. Die mangelnde Akzeptanz ihrer Mission in Deutschland, sagen Militärärzte, belaste Soldaten ähnlich stark wie ein Gefecht. „Wir stehen im Feuer, und die ducken sich weg“, sagt ein Fallschirmjäger. In E-Mails habe er Freunden zu Hause von der „Geisterarmee“ berichtet, gegen die sie täglich zu kämpfen hätten. „Wir passierten eine Baustelle, an der Dutzende Männer mit Schaufeln im Boden graben. 200 Meter weiter wurden wir plötzlich von hinten beschossen. Kugeln prallten auf die Panzerung, Panzerfäuste schlugen im Boden ein. Wir wendeten, fuhren zurück. Da gruben sie wieder, als wäre nichts gewesen, Frauen und Kinder um sie herum“, schrieb er. Einen Tag später wurde aus Deutschland geantwortet: „Dafür bekommst Du doch 110 Euro Gefahrenzulage.“
„Verhöhnung des Einsatzes“
Studien der deutschen Militärpsychiater Peter Zimmermann, Karl-Heinz Biesold und Mario Horst Lanczik haben gezeigt, dass deutlich weniger psychische Erkrankungen in den Kampftruppen auftreten, wenn die Soldaten von der Sinnhaftigkeit des Auftrages überzeugt sind. Das gelte sowohl für die einzelne Patrouille als auch für den gesamten Einsatz. Hinzu komme die „Verdruckstheit“ der politischen Diskussion über den Einsatz in Deutschland. „Eine Verharmlosung der Kampfeinsätze in der Öffentlichkeit durch eine Wortwahl, die den tatsächlichen Bedingungen nicht entspricht, empfinden die Soldaten an der Front als Verhöhnung ihres Einsatzes unter lebensgefährlichen Bedingungen“, formuliert Lanczik, der in den Streitkräften zuletzt auch als beratender Sanitätsoffizier tätig war. Seine Forderung an Bundesregierung und Bundeswehrführung ist eindeutig: „Nennen Sie die Dinge beim Namen. Alles andere werten die Soldaten als Propaganda.“
Sechs Wochen Therapie liegen jetzt hinter Markus Schuster, inzwischen hat er den Dienst in seiner Einheit in Bad Salzungen wieder aufgenommen. Die berufliche Belastung darf er wegen akuter Rückfallgefahr nur langsam erhöhen. Zunächst arbeitet er an zwei Tagen pro Woche für vier Stunden: leichte Tätigkeiten, ein wenig Sport. Schießen oder Gefechtsübungen sind ausgeschlossen. „Niemand weiß,wie lange ich brauchen werde, um wieder fit zu sein“, sagt der Hauptfeldwebel. „Eines aber ist gewiss: In den Einsatz werde ich nie wieder gehen.“
Sinnhaftigkeit des Auftrages?
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
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Andreas Eichel (killboy)
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pauline mohr (pauline-mohr)
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Ich bewundere die deutschen Soldaten, die dort sind,
Josef Bujtor (Mramorak)
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