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Afghanistan-Einsatz Im deutschen Interesse

22.05.2007 ·  Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt, um den Terror dort zu bekämpfen, wo er entsteht. Solange die Zerstörer nicht militärisch ausgeschaltet sind, wird es keinen nachhaltigen Aufbau in Afghanistan geben können. Von Günther Nonnenmacher.

Von Günther Nonnenmacher
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Der inzwischen berühmt gewordene Satz des ehemaligen Verteidigungsministers Struck, Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt, wirft mancherlei Fragen auf, hat aber ein unzweifelhaftes Verdienst: Er spricht aus, dass die Bundeswehr in Afghanistan deutsche Interessen verteidigt, dass die inzwischen 21 deutschen Soldaten, die dort umgekommen sind – gleichgültig, ob bei Unfällen oder durch Anschläge –, ihr Leben verloren haben im Dienst für ihr Vaterland, für uns alle.

Der Bezug auf nationale Interessen gerät die meiste Zeit in Vergessenheit, weil das politische Berlin über die Mission in Afghanistan – aus durchsichtigen Gründen – meist unter den Überschriften „politische Stabilisierung“, „Aufbau- und Entwicklungshilfe“ spricht. Selbst vor der Entsendung der Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado wurde wider den gesunden Menschenverstand und gegen jede militärische Logik geradezu aggressiv bestritten, dass es da um einen Kampfeinsatz gehe: Als ob nur jene Soldaten kämpften, die direkte Feindberührung haben.

„Terror dort bekämpfen, wo er entsteht“

Doch die politische Stabilisierung des Landes am Hindukusch sowie die Sicherung von Aufbau und Entwicklung zum Nutzen der afghanischen Bevölkerung sind – man muss es so deutlich sagen – nur Mittel zum Zweck. Ziel des Afghanistan-Engagements – und das gilt für die im unmittelbaren Wortsinn kämpfenden Verbände wie für alle anderen, gleichgültig, woher sie kommen – ist es, wiederum mit Strucks Worten, den Terror „dort zu bekämpfen, wo er entsteht“, also Anschläge und andere terroristische Umtriebe „auf Distanz“ zu halten.

Daran schließt selbstverständlich die Frage an, ob die Strategie, welche das westliche Bündnis in Afghanistan verfolgt, geeignet ist, diesen Zweck zu erreichen. Zunächst einmal ist dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass sich seit Beginn des Krieges im Oktober 2001, vier Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, die Umstände verändert haben.

Damals bekämpften die alliierten Truppen einen militärisch kompakt aufgestellten Feind, der in dieser Formation gegen die modernsten Luftstreitkräfte der Welt im Verbund mit den am Boden agierenden afghanischen Stammeskämpfern aus dem Norden keine Chance hatte. Mit der Niederlage seiner Armee stürzte auch das Regime der Taliban, das den Terroristen von Al Qaida die logistische Basis für weltweite Anschläge zur Verfügung gestellt hatte.

„Irakisierung“ der Kämpfe

Heute verkündet ein Nato-Sprecher, dass die von den Taliban großspurig angekündigte Frühjahrsoffensive im Süden und im Osten des Landes faktisch nicht stattfinde, weil die Taliban-Kämpfer von den westlichen Truppen in offener Feldschlacht aufgerieben würden. Was sich zunächst wie eine Siegesmeldung anhört, ist in Wahrheit eine schlechte Nachricht: Die „Irakisierung“ der Kämpfe in Afghanistan ist in vollem Gang.

Direkte militärische Auseinandersetzungen, selbst Scharmützel werden zur Ausnahme; Bombenanschläge und Selbstmordattentate, die es in den ersten Jahren des Afghanistan-Krieges nicht gegeben hatte, werden in allen Teilen des Landes zur Regel. Eine schlechte Nachricht ist das deshalb, weil sich im Irak jeden Tag zeigt, wie schwer sich eine moderne Armee mit „counterinsurgency“ tut, mit der Bekämpfung von Aufständischen und Terroristen, denen das Leiden ihrer Landsleute genauso gleichgültig ist wie das eigene Leben.

Die Bundeswehr hat in dem ruhigeren Teil des Landes, für den sie zuständig ist, von Anfang an einen Ansatz verfolgt, der heute mit dem Stichwort „vernetzte Sicherheit“ beschrieben wird: Es ist der Versuch, militärische Sicherung des Terrains, politische Stabilisierung der Region und Aufbau einer zivilen Infrastruktur im umfassenden Sinn zum Nutzen der Bevölkerung zu verknüpfen. Die Erfolge sind unbestreitbar, und inzwischen versuchen auch Truppen anderer Nationen, allerdings unter schwierigeren Umständen, weil in umkämpften Gebieten, ihren Einsatz für den Aufbau des Landes und zur Verbesserung der Lebensumstände der Leute stärker in den Vordergrund zu rücken. Aber die toten Deutschen von Kundus wie die vielen Soldaten aus anderen Staaten, die im Süden und Osten Afghanistans gefallen sind, zeigen: Es geht das eine nicht ohne das andere, es wird keinen nachhaltigen Aufbau geben können, wenn die Zerstörer nicht militärisch ausgeschaltet werden. Dies ist kein Auftrag, der in überschaubarer Zeit erledigt ist; das ist ein Engagement, das noch Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.

Abschied von einer Illusion

Die Aufgabe wird dadurch erschwert, dass der politische Prozess in Afghanistan nur geringe Fortschritte macht. Die Zentralregierung unter Präsident Karzai hat kaum Autorität gewonnen; die eigentlichen Machthaber bleiben regionale Stammesfürsten und Kriegsherren, nicht zuletzt diejenigen, die in Karzais Regierung sitzen, aber an der Stärkung der Zentralgewalt nicht interessiert sind. Hier gilt es Abschied zu nehmen von der Illusion, dass Afghanistan auf absehbare Zeit so etwas Ähnliches wie ein Verfassungsstaat nach westlichem Muster werden könnte. Wie sich diese in Stämme und Ethnien zerfallene Gesellschaft dereinst regieren will, kann und sollte nicht Gegenstand ausländischer Vorgaben sein. Wenn Verteidigungsminister Jung als Ziel „selbsttragende Stabilität“ nennt, so ist selbst dieses Wort unter afghanischen Verhältnissen hoch gegriffen.

Eine Befriedung Afghanistans – selbst in dem eingeschränkten Sinn, dass von dort keine Terrorgefahr mehr ausgeht – wird es nicht geben ohne grundlegende Veränderungen im Nachbarland Pakistan. Von dort bekommen die Taliban ihren Nachschub, dort ist eine Brutstätte des islamistischen Extremismus. Doch das ist ein neues Kapitel, und auch da ist guter Rat teuer.

Der politische Prozess
in Afghanistan macht
kaum Fortschritte.

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Jahrgang 1948, Herausgeber.

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