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Afghanistan-Einsatz Erstmals Kämpfe an der Heimatfront

12.09.2008 ·  Die französische Regierung wirbt für den Afghanistan-Einsatz. Ein Truppenabzug sei für Frankreich, das ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat ist, unvorstellbar. Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin ist in Afghanistan eingetroffen.

Von Michaela Wiegel
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Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin ist am Freitag in Afghanistan eingetroffen. Er begleitet die Familienangehörigen der getöteten französischen Soldaten, damit sie am Hindukusch „ihre Trauerarbeit beginnen können“. Seit am 18. August eine Truppenkolonne des 8. Fallschirmjägerregiments der Marineinfanterie in einen Hinterhalt der Taliban geriet und zehn Mann getötet wurden, beschäftigt der Afghanistan-Einsatz die Heimatfront wie nie zuvor.

Die Nationalversammlung hat eine „Informations- und Evaluierungskommission“ eingesetzt, die vom UMP-Verteidigungsfachmann Pierre Lellouche und vom sozialistischen Abgeordneten François Lamy geleitet wird. Ihr Ziel ist es, die Nato-Strategie und die Rolle Frankreichs in Afghanistan zu analysieren und Alternativen aufzuzeigen. Denn die Ausgangshypothese der Kommissionsvorsitzenden besteht darin, dass die Nato-Strategie „auf dem Wege des Scheiterns“ ist. „Wir müssen nach dem besten Weg suchen, Afghanistan zu stabilisieren, das dabei ist, wieder eine Rückzugsbasis des Terrorismus zu werden“, sagte Lellouche.

Ein Truppenabzug ist unvorstellbar

Die Afghanistan-Kommission soll auch die Debatte in der Nationalversammlung vorbereiten, bei der am 22. September über die Fortsetzung des französischen Einsatzes abgestimmt wird. Bislang hatte das Parlament nicht mitzuentscheiden, wenn es um Auslandseinsätze der Armee ging. Der Präsident konnte eigenständig beschließen, Truppen ins Ausland zu entsenden. Durch eine Verfassungsänderung tragen die Abgeordneten künftig die Verantwortung für die Verlängerung von Truppenstationierungen, die vier Monate überschreiten.

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Vor diesem Hintergrund ist das verstärkte Werben Verteidigungsminister Morins für einen Verbleib der Truppen in Afghanistan zu verstehen. „Ein Truppenabzug ist für Frankreich, das ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat ist, unvorstellbar“, sagte Morin im Fernsehsender France 2. Der Verteidigungsminister ist überrascht worden vom Geschick der Taliban, die öffentliche Meinung in Frankreich zu beeinflussen. Seit dem verlustreichen Gefecht wirkte der französische Verteidigungsminister in der Defensive. Ihm fiel nichts Besseres ein, als eine Informationssperre zu verhängen, was die Gerüchte anheizte, die jungen französischen Fallschirmjäger seien von den Taliban auf grausamste Weise gefoltert und ermordet worden.

Die Zeitschrift „Paris Match“ machte sich mit einer Bildreportage nach Ansicht vieler zum Sprachrohr der Taliban. Ihrer Fotografin Véronique de Viguerie sagten die Taliban-Kämpfer, die stolz mit Beutestücken vor der Kamera posierten, sie hätten nichts gegen die Franzosen. Frankreich solle lediglich aufhören, dem amerikanischen Präsidenten zu helfen, sonst werde es allen französischen Soldaten ergehen wie den zehn Gefallenen. Als „Geste des guten Willens“ stellte „Paris Match“ die Rückgabe einer Armbanduhr dar, welche die Taliban einem toten französischen Soldaten abgenommen hatten. In der jüngsten Ausgabe rechtfertigt der Chefredakteur von „Paris Match“ die Berichterstattung. Er hält sich zugute, über alle Kriegsparteien zu informieren. Die Bilder, in denen die vermummten Kämpfer mit französischen Waffen und teils in französischer Uniform gezeigt werden, habe ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht verfehlt.

Ein sauberer Krieg

Die öffentliche Meinung in Frankreich hat den Afghanistan-Einsatz lange ignoriert, obwohl französische Truppen und Spezialkräfte seit Oktober 2001 am Hindukusch im Einsatz sind. Doch Staatspräsident Chirac hatte es verstanden, seinen Landsleuten das Bild eines „sauberen Krieges“ zu vermitteln, der Frankreich vor dem internationalen Terrorismus schütze. Die französischen Einheiten blieben in der Hauptstadt Kabul, Chirac verweigerte sich konsequent einer Truppenverlagerung. Über die Spezialkräfte, die an der Seite der Amerikaner die Jagd nach Bin Ladin und dessen Gefolgsleuten aufnahmen, gab es einige von Abenteuergeist geprägte Reportagen. Dass sieben Eliteoffiziere dieser Spezialeinheiten in Afghanistan ums Leben kamen, bemerkte die Öffentlichkeit beinah nicht.

Im Januar 2007 zog Chirac die Spezialkräfte ab. Sein Nachfolger Sarkozy stimmte hingegen einer stärkeren Einbindung der französischen Armee in den eigentlichen Kampfgebieten zu. So wurden französische Kampfflugzeuge nach Kandahar verlegt; zuletzt wurde das Kontingent um etwa 700 Mann verstärkt. Die vom Präsidenten gewünschte stärkere Präsenz ist in der militärischen Führungsriege umstritten. Pensionierte Generäle kritisierten, dass die französischen Soldaten viel zu schlecht ausgerüstet seien, um in Afghanistan zu bestehen. Diese Debatte wurde durch die jüngsten Geschehnisse neu entfacht. Morin hat versprochen, dass die Ausrüstung verbessert werden solle. Eine Diskussion über Führungsmängel lehnt der Verteidigungsminister jedoch ab.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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