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Afghanistan Ein Land in der Warteschleife

01.11.2009 ·  Die politische Krise in Afghanistan geht weiter: Nicht nur die Abhaltung der Stichwahl ist fraglich; zweifelhaft ist auch, dass viele Wähler an die Urnen kommen, wenn Abdullah Abdullah gar nicht mehr zur Wahl steht.

Von Friederike Böge, Kabul
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Zu seinem großen Auftritt hat Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah mehr als 1000 Unterstützer in das Zelt der Ratsversammlung Loya Jirga eingeladen. Es ist ein historischer Ort: Hier wurde 2003 die Verfassung Afghanistans verabschiedet, hier wurde 2002 der Amtsinhaber Hamid Karzai zum Übergangspräsidenten gewählt.

Und hier ruft Abdullah am Sonntag seinen Anhängern zu: „Ich werde bei der Wahl am 7. November ... “ - dann macht Abdullah eine Pause, bückt sich nach einem Glas Wasser, trinkt, und setzt noch einmal an: „Wegen des Fehlverhaltens der Wahlkommission und des Machtmissbrauchs der Regierung werde ich an der Wahl am 7. November nicht teilnehmen.“ Begeisterter Beifall, „Gott ist groß“, ruft die Menge.

Neue Runde in Afghanistans Wahlsaga

Damit geht die wochenlange Wahlsaga Afghanistans in eine weitere Runde. Seit dem 20. August wartet das Land auf seinen neuen Präsidenten. Massive Fälschungen im ersten Durchgang und die undurchsichtigen politischen Ränkespiele hinter geschlossenen Türen haben die Bürger mürbe gemacht. Noch ist unklar, ob es trotz Abdullahs Rückzug eine Stichwahl geben wird. Fraglich ist auch, ob viele Wähler an die Urnen kommen werden, wenn einer der beiden Kandidaten auf den bereits gedruckten Wahlzetteln gar nicht mehr zur Wahl steht.

Video: Abdullah tritt nicht zur Stichwahl an

Wer in diesen Tagen durch Afghanistan reist, erlebt eine verunsicherte und gespaltene Nation. Auf der einen Seite stehen die Unterstützer Abdullahs, Leute wie der Gouverneur der Provinz Balkh, Noor Mohammad Atta, der immer wieder mit gewaltsamen Demonstrationen gedroht hat, falls sich Amtsinhaber Karzai ohne legitime Wahl zum Sieger erklären sollte. Auf der anderen Seite stehen die Unterstützer Karzais, von denen viele überzeugt sind, dass ihr Kandidat schon im ersten Wahlgang gewonnen hat und nur die Intervention „der Ausländer“ dies verhindert habe.

Sieben Autostunden nordwestlich von Kabul residiert Gouverneur Atta in einem Palast mit goldenen Teelöffeln und Mamorfußböden. Wie so oft in den vergangenen Wochen gibt er sich kämpferisch. „Sollte Karzai durch Manipulationen an der Macht bleiben, werden wir ihn nicht als Präsidenten anerkennen. Sollte es in der Stichwahl wieder Manipulationen geben, sind gewaltsame Reaktionen möglich“, sagt er zwei Tage vor Abdullahs Rückzug aus dem Präsidentschaftsrennen. Der ehemalige Bürgerkriegskommandeur trägt heute Joop-Socken und Lackschuhe. Seine Provinz regiert er mit eiserner Faust. Wenn die Menschen auf der Straße über ihn sprechen, fangen sie an zu flüstern. Doch der junge Kriegsveteran ist auch ein guter Manager. Er hat Balkh zur wirtschaftlich erfolgreichsten Provinz gemacht und dabei selbst recht gut verdient.

Kein Geld für Massenauftritte

Nachdem Karzai ihn aber als Vizepräsidentschaftskandidat verschmähte, hat er sich auf die Seite des Herausforderers geschlagen - und könnte sich deshalb bald im politischen Abseits wiederfinden. Es kursieren bereits Gerüchte über seinen Nachfolger.

In Abdullahs Wahlkampfbüro in Mazar-i-Sharif hatte sich sein Rückzug bereits vor Tagen angekündigt. Von einer bevorstehenden Stichwahl war hier nichts zu spüren. „Wir brauchen keine Kampagne mehr. Die Leute kennen die Kandidaten“, hatte der lokale Wahlkampfleiter Zalmai Yunossi erklärt. In Kabul hieß es allerdings, der Herausforderer habe gar nicht mehr genug Geld für weitere Massenauftritte.

Deutlich mehr Betriebsamkeit gibt es zehn Autostunden weiter südöstlich in Dschalalabad, wo ein lokaler Machthaber zu Ehren Karzais auftischen lässt: 175 Kilogramm Rindfleisch, 210 Kilogramm Äpfel und 210 Kilogramm Trauben, dazu Unmengen an Reis mit Rosinen werden auf Plastikdecken in einem hochherrschaftlichen Garten verteilt. Mit Reden allein lässt sich in Afghanistan kein Wahlkampf betreiben. Ohne Mittagessen lassen sich keine Anhänger gewinnen.

Probleme zwischen Paschtunen und Tadschiken

Doch mobilisiert hat die 200 Stammesältesten, die in Stuhlreihen auf dem Rasen hinter fein säuberlich gescherten Hecken sitzen, etwas anderes: Das Gefühl, ihrer Stimme beraubt worden zu sein. „Die Menschen haben gewählt, trotz der Gefahr, dass die Taliban ihnen die Finger abschneiden. Aber die Ausländer haben die Stimmen der Paschtunen für ungültig erklärt“, sagt Abdul Ghafa, ein Fernsehschauspieler. „Die Ausländer“, das sind in diesem Fall die Kommissare der Wahlbeschwerdekommission, die mehr als eine Million Stimmen wegen Fälschungshinweisen disqualifiziert und so den Anteil Karzais knapp unter die notwendige Mehrheit von 50 Prozent und einer Stimme gedrückt hatte.

Vorne auf der Bühne erklärt ein Redner gerade, was der Prophet Mohammed über die Charaktereigenschaften eines guten politischen Führers gesagt habe - wie Karzai einer sei. Nangarhar ist Karzai-Land. Der Amtsinhaber hat hier im ersten Wahlgang 75 Prozent der Stimmen erhalten. Sein Herausforderer Abdullah, dem viele Paschtunen seine Rolle als ranghohes Mitglied der Bürgerkriegspartei Jamiat-e Islami vorhalten, kam nur auf sechs Prozent. Die wichtigsten Clans der Provinz sind stramme Karzai-Unterstützer.

Um die Bedeutung des nun hinfälligen Duells zwischen Abdullah und Karzai zu erklären, holt Badam Sarafi ganz weit aus. Schon seit 200 Jahren würden die Tadschiken versuchen, den Paschtunen Probleme zu bereiten, sagt der Mann mit dem grauen Turban. So sei es auch heute wieder - in Gestalt des inzwischen abgetretenen Herausforderers Abdullah. „Die Ausländer wollen Abdullah installieren, weil sie glauben, dass wir Paschtunen alle Taliban sind“, sagt Sarafi durch seine vier noch übrig gebliebenen Zähne. Das angekündigte Duell hatte alte Wunden wieder aufgerissen und die ethnischen Spannungen im Land verstärkt. Obwohl Abdullahs Vater Paschtune ist, gilt der ehemalige Außenminister als Tadschike, weil er ein enger Vertrauter des getöteten Tadschikenführers Ahmad Schah Massoud ist. Viele Paschtunen werfen ihm seine Rolle als prominentes Mitglied von Massouds Bürgerkriegsorganisation Shura-e Neza vor.

Verlass auf antikoloniale Reflexe

Der Gastgeber Haji Nasratullah, dessen Familie der Garten und die Villa gehören, bittet ins Gästezimmer auf blauen Sofas vor holzvertäfelten Wänden zum Tee. „Karzai hat schon deshalb sehr viel Unterstützung, weil Leute wie Senator Kerry so viel Druck auf ihn ausgeübt haben“, sagt der Mann. In Afghanistan, das noch immer stolz darauf ist, die sowjetische Besatzungsarmee vertrieben zu haben, ist Verlass auf die anti-kolonialen Reflexe. Amerika habe ein Interesse daran, die ethnischen Spannungen im Land zu schüren, mutmaßt Nasratullah. „Eine geteilte Nation lässt sich leichter beherrschen.“

Die Unsicherheit über die politische Zukunft des Landes hat in den vergangenen Wochen an den Nerven der Bürger gezehrt. Und sie hat der Wirtschaft des Landes schwer geschadet. „Viele unserer 3000 Mitglieder verschieben seit fünf Monaten jede größere Investition“, sagt der Leiter der Handelskammer in Dschalalabad, Mohammad Qasim Yousofi. Sie wollten ihre Mittel flüssig halten, um sie im Ernstfall schnell außer Landes schaffen zu können. „Sie wissen, dass die Lage in Afghanistan innerhalb weniger Tage kippen kann“, sagt Yousofi.

Mehr als zwei Monate nach dem ersten Wahlgang hoffen die Menschen im Land vor allem auf eins: Klarheit. Genau deshalb will der Maiskolbenverkäufer Abdul Haq am 7. November auf jeden Fall zur Wahl gehen und für den einzigen Kandidaten stimmen. Vor seinem Stand strömen die Anhänger Abdullahs aus dem Zelt der Ratsversammlung. „Wenn wir nicht wählen gehen“, sagt der Mann, „dann wird das Problem wieder nicht gelöst werden.“

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