18.01.2007 · Der damalige Verteidigungsminister Struck sprach von einem „tragischen Unfall“. Im Juni 2005 kamen zwei deutsche Soldaten in Afghanistan bei einer Explosion von Munition ums Leben. Nach Informationen der F.A.Z. war es ein Anschlag, kein Unfall.
Von Marco SeligerEs sei ein „tragischer Unfall“ gewesen, hatte der damalige Verteidigungsminister Struck (SPD) bei der Trauerfeier in Köln kurz nach dem Tod zweier Bundeswehr-Soldaten am 25. Juni 2005 im nordafghanischen Rustaq gesagt. Eine verheerende Kettenreaktion, verursacht durch die zufällige Explosion jahrelang unsachgemäß gelagerter und instabiler Munition auf einem Lastwagen, soll die beiden Unteroffiziere Andreas Heiner und Christian Schlotterhose sowie sechs Afghanen getötet haben.
Jetzt wurde bekannt, dass die Soldaten wohl einem Anschlag zum Opfer fielen. Es sei „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“ eine 107-Millimeter-Rakete manipuliert und zur Explosion gebracht worden. Zu diesem Ergebnis kommt ein Untersuchungsbericht des Verteidigungsministeriums, der dieser Zeitung vorliegt. Zu den Hintermännern des Anschlags und zu ihrem Motiv hat das Ministerium keine Erkenntnisse.
„Nahmen Attentäter billigend in Kauf“
Nach dem Bericht habe der Anschlag auch nicht gezielt der Bundeswehr gegolten, wohl aber „nahmen die Attentäter billigend in Kauf, dass deutsche Soldaten und unbeteiligte afghanische Zivilpersonen zu Schaden gekommen sind“. Wahrscheinlich sei, dass die Soldaten Opfer innerafghanischer Auseinandersetzungen geworden seien.
Ende Mai 2005 war es in Rustaq zu Demonstrationen gegen den örtlichen Warlord Piram Qul gekommen, der sich als ehemaliger Kommandeur der 55. Division für die Parlamentswahl hatte aufstellen lassen. Im Rahmen des landesweiten Entwaffnungsprozesses sollten zunächst die illegalen Truppen der Wahlkandidaten freiwillig ihre Waffen abgeben.
„Wesentlich zu einer Verhandlungslösung“ beigetragen
Qul hielt sich nicht an diese Abmachung. Deshalb habe sich das von der Bundeswehr geführte Wiederaufbauteam (PRT) Kundus seit Anfang Juni „massiven Forderungen der afghanischen Seite ausgesetzt“ gesehen, „die Entwaffnung Quls voranzutreiben“. Die Einheimischen hätten sich von Qul bedroht gefühlt und angekündigt, seine Entwaffnung „auch unter Inkaufnahme von Opfern“ selbst vorzunehmen, heißt es.
Um diesen Auseinandersetzungen in seinem Zuständigkeitsgebiet vorzubeugen, entschied sich der damalige PRT-Kommandeur zu einer Demonstration der Stärke und entsandte Verstärkungskräfte nach Rustaq. Mit Erfolg: Die Bundeswehr habe, so der Untersuchungsbericht, „in einem mehrwöchigen Prozess wesentlich zu einer Verhandlungslösung der Entwaffnung Quls“ beigetragen.
Racheakt des Warlords
Waren die Explosionen in Rustaq also möglicherweise doch ein gezielter Anschlag? Ein Racheakt des Warlords an den Deutschen, die sich in seine Angelegenheiten eingemischt hatten? Oder ein Vergeltungsakt an den Einheimischen, die ihm die Gefolgschaft verweigerten? Der Untersuchungsbericht nimmt dazu nicht eindeutig Stellung.
Piram Qul jedenfalls gab bereits am 23. Juni, und nicht wie vereinbart drei Tage später, überraschend und öffentlich große Mengen an Waffen und Munition ab. Das Material wurde von Kampfmittelbeseitigern der Bundeswehr mit Hilfe von angeheuerten Tagelöhnern sortiert.
Eine 107-Millimeter-Rakete gegen deutsche Truppen
Die folgenden Ereignisse wurden von der Untersuchungskommission wie folgt rekonstruiert: „Die Tagelöhner begannen um zehn Uhr mit der Beladung der Lkw. Das Personal des deutschen Kampfmittelbeseitigungstrupps kontrollierte - nach entsprechender Einweisung der Tagelöhner in die Arbeiten - den Beladevorgang. (...) Bei der Beladung eines Lkw mit für die Vernichtung vorgesehener Munition kam es gegen 15.55 Uhr zu einer Explosion, in deren Folge ein zirka zwei Stunden dauernder Munitionsbrand mit weiteren Explosionen entstand. Ein deutscher Kampfmittelbeseitiger (Hauptfeldwebel) und ein Soldat der deutschen Sicherungskräfte (Oberfeldwebel) sowie sechs afghanische Staatsbürger wurden getötet, ein weiterer deutscher Kampfmittelbeseitiger (Oberfeldwebel) verletzt.“
Im Gegensatz zu den ersten öffentlichen Erklärungen des Verteidigungsministeriums zu dem Vorfall schließen die Fachleute der Untersuchungskommission eine Selbstentzündung der Munition aus. Ihre Annahme stützen sie „sowohl auf Zeugenaussagen als auch auf die technische Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer Selbstauslösung bei der auf dem Lkw verladenen Munition“. Dabei hatte es sich um Panzerfäuste, Mörsermunition, 107-Millimeter-Raketen, Schützenabwehr- und Panzerminen gehandelt.
Auch die Auslösung der Explosion durch einen an der Verladung beteiligten Tagelöhner könne ausgeschlossen werden, ebenso die „Initiierung einer Explosion“ durch den Abbrand von Treibladungen. Die Fachleute kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass die Explosion „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit durch Fremdeinwirkung, das heißt, mit einem manipulierten Sprengsatz (IED) ausgelöst wurde“ - vermutlich eine 107-Millimeter-Rakete, die in Afghanistan häufig als versteckte Ladung gegen westliche, auch deutsche Truppen gebraucht wird, und mittels „eines einfachen Mechanismusses“ gezündet wurde.