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Afghanistan : Die unbezwingbaren Taliban

Taliban-Kämpfer in Afghanistan: Sie gelten inzwischen als nahezu unbezwingbar Bild: AFP

Afghanistan sucht eine Strategie gegen die Taliban: Mit mehr als 3000 Toten ist das laufende Jahr schon jetzt das blutigste seit Kriegsbeginn. Die Nato überlegt nun, die Taliban in den „Friedensprozess“ miteinzubeziehen. Manche glauben, der Strategiewechsel komme zu spät.

          Selten wurde die Lage in Afghanistan so düster eingeschätzt wie zum siebten Jahrestag des Kriegsbeginns. Anfang der Woche sagte der oberste UN-Repräsentant in Kabul, Kai Eide: „Wir alle wissen, dass wir dies nicht militärisch gewinnen können.“ Fast wortgleich äußerte sich der Sprecher der Isaf, Brigadegeneral Richard Blanchette, der von der Unmöglichkeit einer „militärischen Lösung“ sprach. Drastischer noch hatte sich am Wochenende der oberste britische Kommandeur in Afghanistan, Brigadegeneral Mark Carleton-Smith, zu Wort gemeldet: „Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen können“, sagte er in einem Interview. Es sei unrealistisch anzunehmen, dass die ausländischen Truppen die aufständischen Taliban von afghanischem Boden vertreiben könnten. Ein „entscheidender militärischer Sieg“ sei nicht zu erwarten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wie verzweifelt die Stimmung unter den westlichen Akteuren und Beobachtern in Afghanistan geworden ist, verrät eine Depesche, die in der vergangenen Woche der französischen Presse zugespielt wurde. Darin berichtet ein Pariser Diplomat in Kabul über ein Gespräch, das er mit dem britischen Botschafter in Afghanistan, Sherard Cowper-Coles, geführt hat. Cowper-Coles soll sich darin so deprimiert über die allgemeine Lage und insbesondere über den Ansehensverlust der korrupten Regierung Karzai geäußert haben, dass er den Ausweg nur noch in einem „akzeptablen Diktator“ sehe, berichtete der Diplomat. Auch wenn London die publizierten Worte des Botschafters als aus dem Zusammenhang gerissen und als nicht im Einklang mit dem Regierungskurs bezeichnete, wird das Ausmaß der Ernüchterung deutlich, das in der internationalen Gemeinschaft um sich gegriffen hat.

          Führer Mullah Omar an Verhandlungslösung interessiert

          Nachdem die Taliban von den ausländischen Truppen zunächst als zu vernachlässigende Größe und später als beherrschbares Regionalphänomen im Süden behandelt wurden, gelten sie inzwischen als nahezu unbezwingbar. Mit mehr als 3000 Toten ist das laufende Jahr schon jetzt das blutigste seit Kriegsbeginn. Opfer gibt es auf beiden Seiten. Am vergangenen Wochenende haben die amerikanischen Streitkräfte bei Kämpfen im Süden des Landes 43 Aufständische getötet, wie am Dienstag berichtet wurde. Nichts macht die gewonnene Stärke der Taliban deutlicher als die Überlegungen in der Nato, sie nun in den „Friedensprozess“ miteinzubeziehen. Was noch vor Jahresfrist als Gedankenexperiment kühner Vordenker galt, wird mittlerweile selbst vom amerikanischen Verteidigungsminister Robert Gates in Betracht gezogen.

          Junge Afghanistan-Flüchtlinge : Das andere Gesicht des Krieges

          Auf dem Weg zum Nato-Treffen in Budapest hielt es Gates noch für möglich, langfristig in Afghanistan erfolgreich zu sein. Aber zugleich machte er deutlich, dass es Teil der Lösung sein müsse, mit kooperationswilligen Taliban ins Gespräch zu kommen. Er referierte Erfolge im Irak, wo ein Keil zwischen sunnitische Rebellen und Al Qaida getrieben werden konnte. Informelle Gespräche haben angeblich schon begonnen.

          Nach unbestätigten Meldungen trafen sich afghanische Regierungsvertreter und Abgesandte der Taliban Ende September in Mekka und führten unter Vermittlung des saudischen Königs Verhandlungen. Teilgenommen haben sollen elf Taliban, unter ihnen ein früherer Minister sowie ein früherer Botschafter des Taliban-Regimes, zwei Beamte aus Kabul und ein Schwiegersohn des islamistischen Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatjar. Auch der pakistanische Oppositionsführer Nawaz Sharif sei eingebunden gewesen, berichtete eine pakistanische Zeitung. Die Taliban-Vertreter sollen in Mekka deutlich gemacht haben, dass ihr Führer Mullah Omar nicht länger mit Al Qaida zusammenarbeite und an einer Verhandlungslösung interessiert sei.

          „Die kooperationswilligen Taliban von den radikalen trennen“

          Die Regierung in Kabul, die kooperationswilligen Taliban seit Jahren Gesprächsangebote macht, dementierte die Berichte. Taliban-Sprecher vertraten die alte Linie, dass Verhandlungen erst nach einem Abzug der internationalen Truppen in Frage kämen. Am Dienstag wurde zudem aus einer angeblichen Mitteilung afghanischer Taliban zitiert, wonach keiner zu Gesprächen befugt sei. „Kein offizielles Mitglied der Taliban“ habe je mit den Vereinigten Staaten oder deren „afghanischer Marionettenregierung“ verhandelt, hieß es. Es handle sich um „gegenstandslose Gerüchte und gescheiterte Versuche des Feindes, Misstrauen unter den Afghanen, anderen Nationen und den Mudschahedin zu stiften“.

          Dabei ist ein offenes Geheimnis, dass seit längerem Tuchfühlung aufgenommen wird. Bereits Ende vergangenen Jahres wusste ein westlicher Botschafter in Kabul, dass seit einem Jahr Kontakte geknüpft werden. Bis zu „strukturierten Gesprächen“, schätzte der Diplomat, werde es vermutlich ein weiteres Jahr dauern. Die Bemühungen zielen darauf ab, einen Keil zwischen die Taliban zu treiben. „Es geht darum, die kooperationswilligen Taliban von den radikalen zu trennen“, sagt ein langjähriger Beobachter. „Wenn es gelänge, die unzähligen Mitläufer auf die Regierungsseite zu ziehen, hätte man es nur noch mit ein paar tausend Kämpfern zu tun“, schätzt er.

          Manche glauben, der Strategiewechsel komme zu spät, weil die Erfolge der letzten Jahre das Ansehen der kämpfenden Taliban in ihrem Umfeld stark erhöht habe. So wirft etwa der pakistanische Taliban-Fachmann Ahmed Rashid dem Westen in seinem jüngsten Buch „Abstieg ins Chaos“ vor, die Taliban nicht viel früher in eine Lösung miteinbezogen zu haben. Schon zu den Afghanistan-Gesprächen auf dem Bonner Petersberg vor sieben Jahren hätten sie eingeladen werden müssen. „Anfangs hätte der Westen aus einer Position der Stärke mit den Taliban verhandeln können“, sagt auch der langjährige Beobachter. „Jetzt befindet sich der Westen in einer Position der Schwäche, weshalb sich für die Taliban die Frage stellt, weshalb sie überhaupt noch an den Verhandlungstisch gehen sollen.“

          Quelle: F.A.Z.

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