20.07.2007 · In der Provinz Wardak, wo zwei Deutsche entführt worden sind, lebt Karla Schefter schon seit 1989. Damals befand sich Afghanistan im Krieg. Seitdem hat Schefter fünf Regimewechsel erlebt, doch nie fühlte sich die Deutsche unsicherer als heute. Geht ihre Überlebensstrategie noch auf?
Von Friederike Boege, KabulWenn Karla Schefter von den früheren Kriegen spricht, klingt das grausam, aber doch irgendwie geordnet. Da war die Frontlinie, 35 Kilometer von ihrem Krankenhaus entfernt. Verletzte Kämpfer wurden zu Hunderten angeliefert. Oft musste sie mit ansehen, wie sie verbluteten. Sie hat unbeschreibliches Elend gesehen. Aber der Krieg selbst kam nie zu ihr ins Haus. Diesmal ist es anders. Das Gesicht des Krieges ist diffuser. Diesmal, sagt Karla Schefter, hat sie mehr Angst als früher.
Die ehemalige OP-Schwester aus Dortmund leitet seit 18 Jahren ein Krankenhaus in der afghanischen Provinz Wardak, in der am Mittwoch zwei Deutsche entführt wurden. Auch die 65 Jahre alte Karla Schefter ist nach eigenen Angaben vor kurzem einem Entführungsversuch entgangen, der offenbar ihr persönlich galt. Trotz allem hat sie sich entschieden, vorerst in Wardak zu bleiben. „Man kann nicht einfach die Verantwortung abgeben. Wir haben 7600 Patienten im Monat. Ich kann nicht einfach sagen: Ist mir egal, was mit denen passiert“, sagt sie.
Reisen auf Schleichwegen
Karla Schefter kam im Frühjahr 1989 kurz nach dem Abzug der sowjetischen Truppen nach Wardak. Das Land befand sich im Krieg. Seitdem hat die Deutsche fünf Regimewechsel miterlebt: den Kampf der Mudschahedin gegen das kommunistische Nadschibullah-Regime, den Bürgerkrieg, in dem die unterschiedlichen Mudschahedin-Gruppen sich gegenseitig bekämpften, die bleierne Taliban-Zeit, den hoffnungsvollen Aufbruch nach der ersten demokratischen Wahl, die Hamid Karzai ins Präsidentenamt brachte, und die folgende Enttäuschung über ausbleibende Verbesserungen.
All das hat sie aus nächster Nähe und doch aus gebührender Distanz beobachtet. Denn das Krankenhaus, das Karla Schefter leitet, liegt in den Bergen 65 Kilometer südwestlich von Kabul - nicht weit von der Hauptstraße, die Kabul mit dem Süden verbindet. Wer immer in der Vergangenheit die Hauptstadt einnehmen wollte, hatte von hier aus eine gute Ausgangsposition. Und so hat Karla Schefter oft die Geräusche des Krieges gehört, die von der Front herüberwehten. Doch Chak-e Wardak, der Ort, an dem auf 2400 Metern das Krankenhaus steht, blieb in all den Jahren immer ruhig. Gefährlich wurde es nur, wenn sie zu Versorgungsfahrten oder Heimreisen über Kabul oder Pakistan aufbrach. „Ich lernte, dass man nicht auf regulären Wegen reist, sondern auf Schleichwegen“, erinnert sich die Krankenhausleiterin. „Wie in der Karawanenzeit fragten wir uns durch, um so die Kriegsgebiete zu umfahren.“
Doch diese Strategie greift heute nicht mehr. Karla Schefter sagt: „Fronten kann man umfahren, aber wie wollen Sie sich vor diesen Hinterhältigkeiten schützen, vor Selbstmordattentaten, ferngesteuerten Minen und Entführungen?“ Der Krieg hat die Dortmunderin Überlebensstrategien gelehrt, die wenig mit Waffen und viel mit Vertrauen und Beziehungen zu tun haben. Ihre politische Neutralität, das eherne Prinzip der humanitären Hilfe, hat Karla Schefter jahrzehntelang den Schutz durch die lokalen Würdenträger garantiert. Doch wenn es Kriminellen oder Überzeugungstätern darauf ankommt, eine Deutsche zu treffen, um die deutsche Afghanistan-Politik zu beeinflussen, reicht dieser Schutz dann noch aus?
Mädchenschulen in Flammen
Seit einigen Monaten muss Karla Schefter mit ansehen, wie die Taliban wieder nach Wardak einsickern. „Tagsüber herrscht die Regierung, nachts herrschen die Taliban“, sagen mehrere Bewohner der Provinz. Auf Pick-ups fahren sie durch die Straßen und lassen ihr Erkennungszeichen, die weißen Fahne, wehen. Die Kämpfer greifen regelmäßig Regierungsposten an. Viele Mädchenschulen wurden in Brand gesteckt und sind geschlossen. Wie schon damals, als die Taliban an der Macht waren, gibt es auch heute wieder Geheimschulen für Mädchen in privaten Häusern. Auch im Krankenhaus habe sich die Stimmung verändert, sagt Karla Schefter. Aus Angst, als unislamisch zu gelten, würden viele männliche Verwandte es verbieten, dass ihre Frauen von männlichen Ärzten behandelt würden.
Trotz mancher Parallelen zur Talibanzeit ist doch vieles anders als damals: „Die Taliban, wie ich sie aus der Talibanzeit kenne, gibt es nicht mehr“, sagt Karla Schefter. Damals hatte die Deutsche persönlich von den Gotteskriegern nichts zu befürchten. Wardak war eine Gegend, in der viele der radikalislamischen Regeln der Taliban ohnehin Praxis waren. Zudem ist die Provinz von Paschtunen dominiert, der ethnischen Gruppe, der auch die meisten Taliban angehörten. Während die Gotteskrieger in anderen Teilen des Landes mit eiserner Faust regierten und zum Teil Massaker anrichteten, entsandten sie nach Wardak nur wenige Vertreter und überließen den Rest den örtlichen Mullahs. „Die örtlichen Taliban brachten auch ihre Frauen zur Behandlung. Wir behandelten sie so, wie es ihrer Tradition entspricht“, sagt Frau Schefter. Auch zahlreiche Taliban-Kämpfer wurden in dem Krankenhaus behandelt.
Karla Schefter ist überzeugt, dass sie von den lokalen Talibanvertretern auch jetzt nichts zu befürchten hat. „Aber es kommen viele Fremde aus Pakistan und aus anderen Gegenden wie Ghazni und Kandahar.“ Hinzu kämen Drogenabhängige und Kriminelle, die für Geld alles machten. Die Polizei sei entweder machtlos oder längst infiltriert. „Das ist typisch afghanisch“, sagt Schefter. Die Menschen hätten so viele Regierungswechsel erlebt, dass sie sich nicht mehr auf eine Seite festlegen würden. „Man macht sich niemandem direkt zum Feind, weil man nie weiß, wann es wieder umkippt.“
Von Mördern verfolgt
So hielt es auch Karla Schefter all die Jahre. Sie blieb politisch neutral und bemühte sich um größtmögliche kulturelle Anpassung. Auch dann noch, als mit dem Sturz der Taliban unzählige internationale Organisationen nach Kabul kamen. Sie lehnte es sogar ab, an Koordinierungstreffen von Hilfsorganisationen im Gouverneursbüro teilzunehmen. Doch sie ahnt, dass sie dies heute nicht mehr schützt: „Kriminellen ist das egal“, sagt sie.
Vor einem Monat habe sich die Sicherheitslage schlagartig geändert. Unbekannte griffen einen Konvoi von Mitarbeitern der deutschen Botschaft an, die zu einem Projektbesuch in ihrem Krankenhaus unterwegs waren. „Ich hätte das nicht für möglich gehalten“, sagt sie und macht dem örtlichen Ältestenrat der Paschtunen schwere Vorwürfe. Auf der anschließenden Fahrt nach Kabul, sagt sie, begegnete sie dann den Männern, die möglicherweise vorhatten, sie zu entführen. „Auf einem Motorrad verfolgten uns Männer aus der Nachbarschaft, die als Mörder bekannt sind“, sagt sie. Doch ihrem Fahrer gelang die Flucht.
Sie entschied sich dennoch, in ihr Krankenhaus zurückzukehren, das vom „Komitee zur Förderung humanitärer und medizinischer Hilfe für Afghanistan“ betrieben wird. „Sonst würde ich ja mir selbst untreu werden.“