Home
http://www.faz.net/-gq5-t1bn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Afghanistan Die Rückkehr der Sittenwächter

28.07.2006 ·  Viele Afghanen feierten die Befreiung von den Taliban und ihren brutalen „Religionspolizisten“, jetzt aber beklagen viele Sittenverfall und Verwestlichung. Die Regierung reagiert mit der Einrichtung einer Sittenbehörde.

Von Christoph Ehrhardt, Kabul
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (11)

Der Name klingt eigentlich nicht besonders furchteinflößend: Abteilung für die Pflege der guten Sitten und Verhütung von Laster. Die Tatsache aber, daß die afghanische Regierung ihr Ministerium für religiöse Angelegenheiten wieder mit einer solchen Abteilung ausgestattet hat, erfüllt nicht wenige Afghanen und vor allem die Frauen- und Menschenrechtsorganisationen mit Sorge. Die neue Sittenabteilung kam vor allem auf Betreiben der Geistlichkeit zustande - und auf Initiative des noch amtierenden, aber unlängst vom Parlament abgelehnten Obersten Richters des Landes, Fazil Hadi Schinwari, der 2005 einem zum Christentum konvertierten Afghanen die Todesstrafe angedroht hatte.

Vor etwa einer Woche stimmte das Parlament der Schaffung der Abteilung zu. Damit wurden bei manchen häßliche Erinnerungen an die Unterdrückung durch die Taliban wach. Denn die „Amar Bil Maruf wa Nahi al Munkar“, wie die Einrichtung offiziell heißt, trägt den gleichen Namen wie jene Institution, in deren Dienst junge Männer zu Talibanzeiten als „Sittenpolizisten“ oder „Religionspolizisten“ die Bevölkerung terrorisierte.

„Nur ein nackter Paragraph“

Sie schlugen zum Beispiel mit langen Stöcken öffentlich auf Männer und Frauen ein, wenn ihr Äußeres, zum Beispiel ein gestutzter Bart oder eine vermeintlich zu freizügig getragene Burka, mangelnde Frömmigkeit vermuten ließ. Zehntausende Spitzel waren in der Abteilung beschäftigt. In einem von ihr 1997 herausgegebenen Erlaß hieß es: „Es ist unbedingte Pflicht der Frauen, sich würdig zu verhalten, ruhig zu gehen und mit den Schuhen nicht zu stark aufzutreten, um Lärm zu vermeiden.“

„Noch handelt es sich nur um einen nackten Paragraphen“, sagt ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ in Kabul. Wie die Abteilung aussehen und mit welchen Befugnissen sie ausgestattet werde, sei noch nicht öffentlich bekannt. Man sei aber ernsthaft besorgt, daß die aus machtpolitischen Gründen von Präsident Karzai gebilligte Abteilung verheerende Folgen für die Gesellschaft - insbesondere für die Frauen - in Afghanistan haben werde.

„Es wird keine neue Religionspolizei geben“

Niemand brauche eine solche Einrichtung, sagt auch Ahmad Nader Nadery von der „Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans“. Für die Vermittlung sozialer Normen brauche man keine staatliche Institution. Die Regierung hält Befürchtungen für unbegründet. „Es wird keine neue Religionspolizei geben“, versichert der stellvertretende Religionsminister Qazi Sulaiman Ahmad.

Es gehe vielmehr darum, den „Feinden Afghanistans“, die Präsident Karzai als Marionette des Westens verspotten und der Regierung moralische Laxheit vorhalten, die Argumente zu nehmen, sagt er. Mit den „Feinden“ meint er vor allem die Taliban. In der Regierung herrscht immer mehr Sorge über das Wiedererstarken der militanten Islamisten im Süden. Die traditionellen Gemeinschaften auf dem Land, sagen Diplomaten und Mitarbeiter westlicher Nichtregierungsorganisationen in Kabul, könnten mit den Konzepten der von westlichen Technokraten dominierten Regierung in der Hauptstadt oft nicht viel anfangen.

In Kabul bekommen die Leute schon zu spüren, daß die Regierung sich nun stärker als Wächter über die religiösen Sitten gibt. „Sie sind gekommen und haben sämtliche Biervorräte mitgenommen, einige Händler wurden sogar festgenommen“, berichtet ein Ladenbesitzer im Kabuler Viertel Qalai Fattulah. Das Innenministerium teilt mit, es habe „diverse Festnahmen“ gegeben und es seien „Zehntausende Bierdosen“ sichergestellt worden. Auch habe man mehr als einhundert ausländische Prostituierte des Landes verwiesen.

Kein Bier mehr unter dem Ladentisch

Trotzdem bestreitet der Berater des Innenministers für Rechtsfragen, Abdul Jabar Sabit, daß die Regierung eine Moraloffensive nach dem Stil der Taliban verfolgt. Alkohol und Prostitution seien in der Islamischen Republik Afghanistan schon immer verboten gewesen, sagt er gereizt, und die Polizei gehe von jeher dagegen vor. „Ich kann versichern, es wird keine Frau auf der Straße angesprochen werden, nur weil sie keine Burka trägt oder ohne Begleitung unterwegs ist“, sagte er. „Wer das behauptet, ist ein Feind der Regierung.“

Im Viertel Qalai Fattulah, wo sich Laden an Laden reiht, führten die Händler noch vor wenigen Wochen Bier offen in ihren Auslagen. Heute wird nicht einmal mehr unter dem Ladentisch damit gehandelt. Die Lieferungen sind ausgeblieben. Nicht jeden ärgert das. „Einige hier sind außer Kontrolle geraten und vom rechten Weg abgekommen“, sagt ein Ladenbesitzer und blickt verächtlich auf ein zerstörtes Haus auf der anderen Straßenseite.

Dort war ein chinesisches Restaurant bei den schweren Unruhen vom 29. Mai vom Mob angegriffen worden. Hinter den Fassaden einiger chinesischer Restaurants in Kabul verbergen sich heimliche Bordelle. „Die Regierung macht jetzt zum Glück wieder Ernst“, sagt der Händler.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Die Wahl der Ägypter

Von Wolfgang Günter Lerch

Die Ägypter haben sich in der ersten Runde der Präsidentenwahl für Kandidaten entschieden, die für Sicherheit stehen. Denn seit dem Sturz Mubaraks hat die öffentliche Ordnung im Land gelitten. Mehr 2