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Afghanistan Die Dreifach-Untersuchung von Kundus

 ·  Auf die Erklärungen der Bundeswehr scheint selbst der Isaf-Kommandeur McChrystal nicht viel zu geben. Er zeigt Präsenz in Kundus und besucht ein Krankenhaus. Aber wurden wirklich Zivilisten getötet?

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Was genau in der Nacht zum Freitag in Kundus geschah, als Oberst Georg Klein den Abwurf zweier 500-Pfund-Bomben auf zwei gestohlene Tanklastzüge befahl, wird sich bestenfalls nach und nach herausstellen. Die Nato, die Vereinten Nationen und die afghanische Regierung versuchen mit jeweils eigenen Untersuchungen, Licht ins Dunkel zu bringen. Sie alle entsandten am Wochenende Delegationen an den Ort des Geschehens.

Als gesichert gilt, dass Taliban-Kämpfer am Abend südlich der nordafghanischen Stadt Kundus zwei Tanklastzüge kaperten, die die Nato-geführte Schutztruppe Isaf mit Benzin beliefern sollten. Drei der vier Fahrer wurden getötet. Anschließend versuchten die Täter offenbar, die Fahrzeuge über eine Furt auf die andere Seite des Kundus-Flusses in den Distrikt Chardara zu fahren, der weitgehend von den Taliban kontrolliert wird. Als sie stecken blieben, riefen sie aus den umliegenden Dörfern per Telefon Traktoren und Helfer herbei, um die Laster aus dem Schlamm zu ziehen. Als das misslang, benachrichtigten sie offenbar Anwohner, die sich kostenlos Benzin abzapfen sollten. Anders als zunächst von der Bundeswehr gemeldet, lagen zwischen dem Überfall auf die Tanklastwagen und dem Beschuss der Fahrzeuge mehrere Stunden. Um 2.28 Uhr wurden nach Bundeswehrangaben zwei Bomben abgeworfen. Um 1.49 Uhr war die Lage in dem Gebiet aufgeklärt worden. Zunächst hatte die Bundeswehr berichtet, dies sei der Zeitpunkt des Taliban-Überfalls auf die Lastwagen gewesen.

Einladung der Aufständischen abgelehnt

Unklar ist weiterhin, ob und wie viele Zivilisten bei dem Luftangriff getötet wurden. Die Untersuchungskommission der Regierung rechnet damit, dass Unbeteiligte unter den Opfern sind. „Zivilisten wurden getötet“, sagte Mirza Mohammad Yarmand, der Leiter der afghanischen Kriminalpolizei, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das gehe aus Gesprächen mit Opferfamilien hervor. Die Menschen, die zum Zeitpunkt des Luftangriffs, also um halb drei Uhr nachts, an Ort und Stelle gewesen seien, hätten dafür unterschiedliche Motive gehabt: Einige seien aus Neugier gekommen, andere aus Angst, weil die Taliban sie dazu aufgefordert hätten, weitere aus Armut, weil sie sich kostenloses Benzin erhofften, und wieder andere, weil sie Verbindungen zu den Taliban gehabt hätten. Eine Befragung des überlebenden Fahrers habe aber auch ergeben, dass zwischen 60 und 70 Taliban-Kämpfer an der Kaperung der Lastzüge beteiligt gewesen seien. Die Zahl der Opfer wollte Yarmand nicht nennen. Die Delegation werde am Montag eine vollständige Namenliste erhalten. „Wir wollen nicht schätzen“, sagte Yarmand. Der Beamte hob hervor, dass die Regierung der Schutztruppe Isaf keine Schuld gebe. „Wir haben den Familien in den Dörfern erklärt, dass es nach islamischem Gesetz illegal ist, privates Eigentum zu stehlen. Wenn die Koalitionstruppen ihre Häuser bombardiert hätten, dann hätten sie sie beschuldigen können.“

Der Kommandeur der Isaf und der amerikanischen Truppen in Afghanistan, General McChrystal, sagte am Samstag im deutschen Bundeswehrlager in Kundus: „Für mich ist klar, dass einige Zivilisten vor Ort zu Schaden gekommen sind.“ Ob er dabei von Toten oder von Verletzten sprach, sagte McChrystal nicht. Zuvor hatte er sich die Wracks der ausgebrannten Lastzüge am Flussufer angeschaut und im Provinzkrankenhaus von Kundus mit einem verletzten Jungen gesprochen. Shafiullah, so dessen Name, erzählte, er habe von Nachbarn in seinem Dorf Omarkhel erfahren, dass die Taliban am Fluss Benzin verschenkten. Gemeinsam mit seinem Bruder habe er sich auf einem Esel auf den Weg gemacht. Als die Tanklaster explodierten, sei er jedoch noch so weit entfernt gewesen, dass er keine Brandverletzungen erlitten habe, sondern sich lediglich das Bein gebrochen habe.

Viele Angehörige der Toten berichten, dass auch ihre Verwandten sich Benzin aus den gestohlenen Lastern holen wollten. Offenbar wurden aber nur bestimmte Dörfer von den Aufständischen eingeladen, sich zu bedienen. „Die Taliban haben keine Nicht-Paschtunen zugelassen“, sagt ein Mann aus dem nahe gelegenen Dorf Mir Sheikh, das mehrheitlich von Angehörigen der tadschikischen Volksgruppe bewohnt ist. Die – mindestens sechs – Dörfer, aus denen die Opfer kamen, seien allesamt unter Kontrolle der Taliban, sagt er. Ein Dorfchef, der der Regierung nahesteht, soll die Einladung der Aufständischen abgelehnt haben.

Ernsthafte Untersuchung der Vorfälle

Nach Angaben des örtlichen Krankenhauses gab es zwölf Verletzte bei dem Vorfall. Über die Zahl der Toten gibt es unterschiedliche Angaben. Die Bundeswehr spricht von 56 toten Aufständischen und keinem getöteten Zivilisten. Die Regierung Karzai spricht von 90 Toten und Verletzten. In der Bevölkerung kursieren weit höhere Zahlen.

Die Tatsache, dass sich McChrystal persönlich in den Norden aufgemacht hatte, wurde als ungewöhnlich bewertet. Beobachter werteten das als Affront gegen die Bundeswehr. Der Luftangriff erfolgte, wenige Tage nachdem McChrystal eine neue Strategie beschlossen hatte, in der der Schutz der Zivilbevölkerung als zentral bewertet wird. Es handle sich um einen „ernsten Vorfall“ und um einen Test, ob die Isaf zu Transparenz bereit sei, sagte der amerikanische General. McChrystal nahm den Besuch zum Anlass, um eine stärkere Unterstützung der Sicherheitskräfte im Norden in Aussicht zu stellen. Mehr Kräfte seien nötig, sagte der General. Ob dies auch internationale Truppen einschließe, müsse abgewartet werden.

Die Delegation der Vereinten Nationen konnte den Ort des Geschehens bislang nicht erreichen. „Es gibt noch Verhandlungen über einen sicheren Zugang“, sagte ein Sprecher der UN-Mission in Kabul. Am Flussufer war am Freitag ein ausländischer Journalist gemeinsam mit seinem Übersetzer entführt worden. Derzeit befragten die UN-Fachleute Anwohner per Telefon, sagte Edwards. Mit einem raschen Ergebnis sei nicht zu rechnen. „Frühere Fälle haben gezeigt, dass solche Untersuchungen außerordentlich schwierig sind“, sagte Edwards. So gebe es viele Akteure mit unterschiedlichen Versionen der Geschehnisse. Die Aufständischen hätten ein Interesse daran, zu übertreiben. Es sei auch denkbar, dass in Einzelfällen Opfer nur vorgetäuscht würden, um Entschädigungen zu kassieren. Gleichzeitig gebe es aber betroffene Familien, die dringend Hilfe benötigten. Dies müsse Priorität haben. Wichtiger, als die Zahl der Opfer zu ermitteln, sei es, der Bevölkerung das Gefühl zu geben, dass es eine ernsthafte Untersuchung der Vorfälle gebe.

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