23.06.2010 · Bislang war die Afghanistan-Strategie eng mit Stanley McChrystal verbunden. Der Kommandeur setzte den Schutz der Zivilbevölkerung an erste Stelle - zu einem hohen Preis: Im Juni wurden mehr Nato-Soldaten denn je getötet. Nun könnten ihn seine Lästereien den Kopf kosten.
Von Jochen Buchsteiner, JakartaStanley McChrystal war erst wenige Wochen im Amt, da redete man im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) schon mit Furcht und Bewunderung von ihm. Der Mann arbeite wie ein Wahnsinniger, raunte ein europäischer Offizier, kurz bevor der Viersternegeneral schneidig und schnellen Schritts im Besprechungsraum erschien. Überzeugt verkündete McChrystal den geladenen Journalisten den nötigen Strategiewechsel und strahlte dabei soviel Zuversicht aus, dass man der Bombenanschlag, dem wenige Stunden zuvor mehrere Nato-Soldaten zum Opfer gefallen waren, fast schon in Vergessenheit geriet.
Der Widerspruch, der sich an jenem Augusttag im vorigen Jahr offenbarte, ist Stanley McChrystal ein treuer Begleiter geblieben. Alle militärische Eignung, aller Wille und Eifer scheinen nicht genug, um das Ruder im Afghanistan-Einsatz herumzureißen. McChrystal muss und will an den Sieg der Nato in Afghanistan glauben, und sieht doch täglich, dass sich die Sicherheitslage – wie im jüngsten UN-Bericht trocken vermerkt – „nicht verbessert“.
Schwerste Krise seiner Mission
In die schwerste Krise seiner Mission hat ihn aber nicht der scheinbar übermächtige Feind geführt, sondern eigene Unbedachtheit. Das muss ihn besonders geschmerzt haben, denn auf seine Professionalität wollte er nie etwas kommen lassen. Dass man als Kommandeur eines so wichtigen Krieges nicht mit allen Freund sein kann und auch mal Nerven zeigt, liegt auf der Hand.
Und doch hätte er seine Zunge hüten und seine engsten Mitarbeiter unter Kontrolle halten müssen, als der Reporter der Musikzeitschrift „Rolling Stone“ auftauchte, das mit seinem Artikel „The Runaway General“ nicht seinen ersten politischen Coup landete. McChrystal selbst hat dies eingesehen: Die ihm und seinen engsten Mitarbeitern zugeschriebene Schelte des halben amerikanischen Sicherheits-Establishments bis hinauf zum Oberbefehlshaber und Präsidenten verstoße gegen seine eigenen Standards, gab er zu.
Verantwortung, die über die eines normalen Generals hinausgeht
Auf McChrystal lastet eine Verantwortung, die über die eines normalen Generals hinausgeht. Er selbst hat dazu beigetragen, dass die Afghanen, die Amerikaner und die Nato in den vergangenen Monaten mehr in ihm gesehen haben als einen obersten Ausführenden. Die Strategien, die er entwarf und öffentlichkeitswirksam erläuterte, zielten über das Militärische hinaus. Seine Direktive, zivile Opfer zu vermeiden, dient dem politischen Ziel, die Stimmung im Land zugunsten der Isaf und damit des westlich dominierten Einsatzes zu wenden.
Seinen Kampf für eine Truppenverstärkung von 30 000 Mann führte er nicht, wie es viele von ihm erwartet hatten, hinter verschlossenen Türen. Als Präsident Obama nach langem Zögern diesem „Surge“ zustimmte, wusste die Öffentlichkeit, dass jede andere Entscheidung dem Rat und Drängen seines wichtigsten Kommandeurs zuwidergelaufen wäre.
Spätestens in dieser Phase entstand der Antagonismus zwischen McChrystal und Vizepräsident Joe Biden, der nun im Artikel des „Rolling Stone“ ausgebreitet wurde. Biden verfolgte die andere Linie – eine Linie, die der Logik und auch dem Selbstverständnis des Generals fundamental widerspricht: Erfolg in Afghanistan, glaubt Biden, ist mit militärischen Mitteln nicht möglich. Deshalb warb er für den Rückzug der Bodentruppen und für den Einsatz von Antiterror-Spezialkräften. Obama wählte schließlich einen Kompromiss – die Verstärkung für McChrystal, einen Termin für den Abzugsbeginn für Biden – und stellte den Kommandeur in Kabul damit nur halb zufrieden.
Wie solle man die Taliban ernsthaft unter Druck setzen, wenn sie nur bis zum angekündigten Abzugstermin im Juli 2011 warten müssen, lautete eine vielgestellte Frage in Kabul. Aus McChrystals Sicht wurden seinem Krieg aus Washington Steine in den Weg geworfen. Dies färbte offenbar auch auf sein Urteil über Obama ab, den McChrystals Mitarbeiter dem Reporter gegenüber als schlecht informiert und desinteressiert beschrieben.
Persönliche Dimension
McChrystals Konflikt mit dem amerikanischen Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, speist sich aus gleicher Quelle, hat aber offenbar auch eine persönliche Dimension. Eikenberry, ein pensionierter Generalleutnant, war einmal Vorgesetzter McChrystals und könne nur schwer verwinden, dass sein früherer Untergebener nun in hellerem Rampenlicht stehe, lernt der Leser des „Rolling Stone“. Jedenfalls scheint bei McChrystal der Eindruck entstanden zu sein, dass Eikenberry sein Geschäft hintertrieb, was in dem Artikel deutlich zum Ausdruck kommt.
Seit einem Jahr vermittelt der Viersternegeneral den Eindruck, dass ein Erfolg in Afghanistan möglich ist, wenn diesseits der Front alle am gleichen Strang ziehen. Dieser Überzeugung verdankt sich vermutlich auch sein enger Draht zum afghanischen Präsidenten Karzai, der dem General auf seinem Canossaflug nach Washington eine Solidaritätsadresse hinterschickte. Karzais Sprecher nannte den Nato-Kommandeur am Mittwoch einen „großartigen Partner Afghanistans, der das gegenseitige Vertrauen erhöht hat“, und warnte vor personellen Veränderungen in dieser entscheidenden Phase des Krieges.
McChrystals Bund mit Karzai, der eher von Utilitarismus als von Neigung zeugt, ist in Washington nicht unumstritten. Niemand ging in seiner Karzai-Kritik so weit wie Obamas Afghanistan-Beauftragter Holbrooke, dem es sogar gelang, im vergangenen Herbst aus Karzais Palast geworfen zu werden. Seither wird Holbrooke ein vergleichsweise geringer Einfluss auf die Geschehnisse in Afghanistan – und deshalb Angst um seinen Job – nachgesagt, was McChrystals Reaktion auf dessen Emails erklären könnte. „Oh nein, nicht schon wieder eine Email von Holbrooke!“, soll der General im Beisein des „Rolling Stone“-Reporters ausgerufen haben. „Ich will sie nicht mal öffnen.“
Das vergangene Halbjahr ist das bislang verlustreichste der Nato
Mindestens so sehr wie seine Animositäten mit amerikanischen Regierungsvertretern haben McChrystal zuletzt die Misserfolge im Operationsgebiet zu schaffen gemacht. Zwar gelang es ihm, sein Versprechen einzulösen und die Zahl ziviler Opfer zu reduzieren, aber der Preis dafür scheint hoch. Das vergangene Halbjahr ist das bislang verlustreichste der Nato. 59 Soldaten, davon allein 43 Amerikaner, sind allein im Juni gefallen. Dieser droht zum blutigsten Monat seit dem Beginn des Krieges vor achteinhalb Jahren zu werden.
Die Offensive im Süden der Provinz Helmand, die mit Erfolgsmeldungen begann, ist ins Stocken geraten und droht, eine weitere Strategie in Frage zu stellen, die mit dem Namen McChrystals verbunden ist. Offenbar ist es schwerer als gedacht, Taliban-Hochburgen so zu befreien, dass dort eine neue zivile Verwaltung eingesetzt werden kann. Die ernüchternden Erfahrungen im Distrikt Mardschah haben zur Entscheidung beigetragen, die angekündigte Offensive in Kandahar „langsamer“ (McChrystal) angehen zu lassen, wenn nicht ganz von ihr abzulassen. Das Zurückschalten hat aber auch mit der schwachen Unterstützung der Bevölkerung zu tun – trotz aller Bemühungen McChrystals, deren „Herzen und Köpfe“ zu gewinnen.
McChrystal wird Nähe zur Truppe bescheinigt. Stets hat er sich die Freiheit genommen, auf veränderte Lagen rasch zu reagieren und mit den Gegebenheiten vor Ort auch pragmatisch umzugehen – was manchmal dazu führt, dass letztlich amerikanisches Geld in die Kassen der Aufständischen fließt. „Nie zuvor ist der Krieg in Afghanistan so sehr mit einer Person verbunden gewesen“, sagt ein langjähriger Beobachter.
Ein General ist Kein Politiker - und darf auch keiner werden
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 23.06.2010, 19:32 Uhr
Ein Mann deutlicher Aussprache
Klaus Keller (kkeller)
- 23.06.2010, 19:50 Uhr
Heuchlerei
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 23.06.2010, 20:19 Uhr
Wer, im Namen der Menschheit
Ursula Lange (Rattenmutter)
- 23.06.2010, 22:03 Uhr
Bizarre Kommentierung
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 23.06.2010, 22:09 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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