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Afghanistan Der geheimnisvolle „amerikanische Mohn“

23.03.2007 ·  Deutsche Wissenschaftler gehen der Frage nach: Wird in Afghanistan die Opiumproduktion durch hochgezüchtete Pflanzen abermals angeheizt? Und woher könnte das Saatgut stammen? Von Christian Schwägerl.

Von Christian Schwägerl
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Westliche Politiker rätseln noch, wie es passieren konnte, dass 2006 aus dem von der Nato besetzten Afghanistan neunzig Prozent der Weltopiumproduktion kamen. Und Sicherheitsfachleute sorgt, dass der Opiumhandel des vergangenen Jahres die Kriegskassen von Taliban und des Terrornetzes Al Qaida gefüllt haben könnte.

Doch in Afghanistan selbst hat bereits die neue Drogensaison begonnen: „Die Samen sind im Boden, und im Osten des Landes sind die ersten Keimlinge des Schlafmohns schon fünf Zentimeter groß“, sagt der Ethnologe und Arzt Michael Pohly von der Freien Universität Berlin (FU). Reiche Niederschläge versprächen ein gutes Erntejahr. Auf 200.000 Hektar - fünfunddreißigtausend mehr als 2006 - werde die diesjährige Anbaufläche in Afghanistan geschätzt.

Neue Generation von Hochleistungsmohn

Pohly war schon häufig in Afghanistan unterwegs und kennt viele der mächtigen Stammesfürsten des Landes persönlich. Die Mission, von der er soeben zurückgekehrt ist, war indes von besonderer Brisanz. Der FU-Wissenschaftler hat Mohnanbaugebiete bereist, um einem ungeheuerlichen Verdacht nachzugehen: Auf afghanischen Äckern könnte eine völlig neue, hochgezüchtete Generation von Hochleistungsmohn wachsen.

Dem Schlafmohn, aus dessen morphiumhaltigem Milchsaft Opium die Droge Heroin hergestellt wird, will Pohly zusammen mit Wissenschaftlern des Botanischen Gartens Berlin und des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben mit hochtechnologischen Mitteln zu Leibe zu rücken.

Das Knowhow wird importiert

Der Wissenschaftler hält es für möglich, dass irgendwo auf der Welt Pflanzenzüchter im Dienst von Drogenkartellen daran arbeiten, den Opiumgehalt der Pflanzen zu steigern. „Es spricht viel dafür, dass neuartige, leistungsfähigere Sorten der Mohnpflanzen gezielt gezüchtet werden, um die Erträge zu erhöhen“, sagt er. Das Knowhow für die Zucht existiere in Afghanistan selbst wahrscheinlich nicht. „Es muss wohl einen Import von Schlafmohn-Saatgut nach Afghanistan hinein geben“, sagt er.

Drogenfahnder haben sich bisher weitgehend auf die Handelswege von den Schlafmohnäckern über Heroinlaboratorien zu den Konsumenten konzentriert. Ein Fehler, glaubt Pohly: „Neuartiges Saatgut für leistungsfähigere Pflanzen könnte ein wichtiger Faktor für den Opiumboom in Afghanistan sein.“ Schon länger hat er aus Afghanistan Gerüchte über neuartige Schlafmohnsorten gehört, aber es fehlten ihm die Mittel, dem nachzugehen.

Interdisziplinäre Sicherheitsforschung

Doch inzwischen ist der Schutz der Gesellschaft vor Terrorismus und organisierter Kriminalität zu einem neuen Schwerpunkt der deutschen und europäischen Forschungsförderung geworden, die Bundesregierung investiert bis 2011 rund 123 Millionen Euro und die EU bis 2013 mehr als eine Milliarde Euro. Als der Präsident der FU, Dieter Lenzen, frühzeitig die Chance erkannte und um interdisziplinäre Projekte auf dem Feld der Sicherheitsforschung bat, sah Pohly eine Chance, etwas anderes einzubringen als neue Überwachungskameras und Sprengstoffdetektoren: „Mit am Tisch saßen die Kollegen vom Botanischen Garten, und ich fragte sie: ,Was wisst ihr eigentlich über Schlafmohn?'“

Mit afghanischen Schafmohnsorten hatten sich die Berliner Botaniker noch nicht befasst, dafür aber mit neuesten Techniken, Pflanzen anhand kleinster genetischer und molekularer Unterschiede zu erkennen und ihre Abstammung zu durchleuchten. Aus kleinsten Samen und Pflanzenteilen können das Erbgut sowie charakteristische Moleküle isoliert werden. Zudem wussten die Botaniker von einer der weltweit wichtigsten Sammlungen von Kulturpflanzen, drei Autostunden von Berlin entfernt im sachsen-anhaltischen Gatersleben, wo kultivierter Schlafmohn lagert.

Und schon war das Projekt geboren, das Pohly nun mit seiner Afghanistan-Reise begonnen hat: „Biologische Fingerabdrücke“ für möglichst viele Schlafmohnsorten sollen entwickelt werden. Das soll es erlauben, die Herkunft speziell gezüchteter Hochleistungssorten zu rekonstruieren und nach Heroinfunden die Drogen bis zu den Ursprungsprovinzen zurückzuverfolgen, also die Handelswege der Drogenkartelle offenzulegen.

Opium-Boom nach Nato-Invasion

Das Berliner Außenministerium zeigt großes Interesse an dem Vorhaben. Denn wird der Aufschwung der Opiumwirtschaft auch noch durch neue Hochleistungssorten befeuert, könnte dies die Lage in Afghanistan, wo deutsche Soldaten und Diplomaten eigentlich an einer Zukunft in Freiheit mitbauen sollen, weiter destabilisieren. Sowohl die Taliban als auch das Terrornetzwerk Al Qaida finanzieren sich maßgeblich aus der Opiumwirtschaft.

Neuesten Zahlen der Vereinten Nationen zufolge werden 165.000 Hektar Ackerland so genutzt; jeder achte Afghane bestreitet sein Einkommen damit. Die Invasion von Nato-Truppen vor sechs Jahren hat dem Land bisher nicht den erhofften Aufschwung mit legaler Wirtschaft beschert, sondern einen unvergleichlichen Boom des Opiumanbaus eingeläutet.

Im vorletzten Jahr der Taliban-Herrschaft, 1999, kamen 4500 Tonnen Opium aus Afghanistan auf den Weltmarkt, was 77 Prozent des Markts entsprach. 2001 waren es nur 150 Tonnen, weil die Taliban kurzzeitig gegen den Anbau vorgegangen waren, bevor die Nato nach den Terroranschlägen vom 11. September in dem Land einmarschierte. Ausgerechnet unter den Augen der westlichen Besatzer hat der Mohnanbau stark zugenommen: 2005 wurden 4100 Tonnen Rohopium aus afghanischem Mohn gewonnen, 2006 dann 6100 Tonnen, neunzig Prozent der Welternte - ein Rekord, der auch daher rührt, dass der Anbau im Goldenen Dreieck von Burma, Laos und Thailand stark zurückgegangen ist.

„Watani Soorgulai“ und „Bahrami Baragai“

Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass neuartige Hochleistungssorten die Produktion zusätzlich erhöhen, doch Drogenbekämpfer der Vereinten Nationen in Kabul haben Beobachtungen gemacht, die Pohlys Verdacht erhärten: „Bis 2005 brauchte man für ein Kilogramm Heroin zehn Kilogramm Opium, inzwischen nur noch sieben Kilogramm“, sagt Hakan Demirbuken, der für die UN von Kabul aus den Mohnanbau beobachtet. „Es ist durchaus möglich, dass neue Sorten auf dem Markt sind“, sagt er. Fünfzehn Mohnsorten dominieren nach Angaben der Vereinten Nationen den Anbau in Afghanistan, zwei von ihnen, „Watani Soorgulai“ und „Bahrami Baragai“, werden auf knapp der Hälfte der Felder gefunden. Die Sorten unterscheiden sich in der Blütenfarbe, in ihren Bodenansprüchen, ihrer Toleranz gegenüber Dürre - und im Opiumgehalt der Kapseln.

Trockenheit in Zentralafghanistan und im Westen des Landes hat 2006 dazu geführt, dass die Hektarerträge im Landesdurchschnitt im Vergleich zum Vorjahr von 39,3 Kilogramm Opium auf 37 Kilogramm gesunken sind. Doch zugleich tauchten im Rekordjahr 2006 erstmals bei offiziellen Untersuchungen Mohnsorten mit einem extrem stark erhöhten Morphiumgehalt auf, die den Fachleuten der Vereinten Nationen Rätsel aufgeben. „Wenn wir das Geld bekommen, werden wir der Sache auf den Grund gehen“, sagt Demirbuken.

CIA importierte Saatgut in den Achtzigern

Michael Pohly will aber nicht warten, bis die UN Geld zur Verfügung stellen. Er weiß bereits über sein weitverzweigtes Kontaktnetz in Afghanistan, dass Bauern für eine neuartige Sorte den Namen „Amerikanischer Mohn“ benutzen. Sie zeichnet sich durch auffällig helle Fransen am Ende der Blütenblätter aus. „Diese Sorte ist erstmals nach der westlichen Invasion 2001 in Afghanistan aufgetaucht und heißt vielleicht nur deswegen so“, sagt Pohly. Über ihren Ursprung existieren nur Mutmaßungen.

Einen Import von Saatgut nach Afghanistan habe es aber schon einmal gegeben: „Wir wissen, dass die CIA das in den achtziger Jahren gemacht hat, um dem Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer zu schnellem Geld für Waffenkäufe zu verhelfen“, sagt er. Pohly kann sich viele Quellen für neuartige Mohnsorten vorstellen, bei weitem nicht nur eigene Pflanzenzuchtprogramme von Drogenkartellen oder Geheimprojekte von Regierungen. Zugang zu Schlafmohn und das nötige Hintergrundwissen haben etwa auch Mitarbeiter von Gartenzuchtbetrieben, die morphiumfreien Mohn als Zierpflanze entwickeln, und Mitarbeiter von Pharmafirmen, die morphiumreichen Schlafmohn legal als Schmerzmedikament anbauen. Deren Sicherheitsvorkehrungen lassen sich womöglich umgehen.

Dem „amerikanischen Mohn“ auf der Spur

Im Rahmen des Berliner Forschungsprojekts sollen nun Schlafmohnproben aus aller Welt gesammelt und molekularbiologisch charakterisiert werden. Gartenbaubetriebe, Pharmafirmen, Pflanzensamenbanken und botanische Gärten werden gebeten, alles Schlafmohnmaterial zur genetischen und molekularbiologischen Untersuchung zur Verfügung zu stellen. „Wir können dann etwa den ,amerikanischen Mohn' mit der Datenbank abgleichen und ermitteln, wo er gezüchtet wurde oder welche Elternpflanzen für ihn gekreuzt wurden“, sagt Pohly.

Am Ende des Projekts soll ein kleines Gerät stehen, in das Fahnder nur Heroinspuren oder Blattstücke stecken müssten, um die regionale Herkunft der Drogen zu bestimmen und um schnell neuartige Zuchtformen von Schlafmohn zu erkennen. Doch damit es so weit kommen kann, steht noch gefährliche Arbeit bevor - die Sammlung von Mohnproben in ganz Afghanistan.

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