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Afghanistan Dem Krieg ganz nahe

 ·  In Kundus kämpft die Bundeswehr auf vorgeschobenem Posten. Die Soldaten sind dankbar für jede Unterstützung. Sie meinen damit nicht nur dem Einsatz angemessene Panzer oder Kampfhubschrauber.

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Selbst in Kundus haben sie noch Humor. So heißt das kleine ferngesteuerte Kettenfahrzeug, das von den Taliban versteckte Sprengsätze unschädlich machen soll: Theodor. Fast also wie Karl-Theodor zu Guttenberg, der neue deutsche Verteidigungsminister, der bei seinem Truppenbesuch in Afghanistan auch den Kameraden Roboter zu Gesicht, wenn auch nicht namentlich vorgestellt bekommt; man muss dem Chef ja nicht gleich alles sagen. Doch hört in diesem Geschäft, dem Bombenentschärfen, der Spaß unmittelbar vor den Toren des Stützpunkts auf. Die Aufständischen, wie die Bundeswehr den Feind hier nennt, auch weil ihr der Begriff Taliban zu eng erscheint, sind wieder zu ihren Ursprüngen, dem Verlegen von Sprengfallen aller Art, zurückgekehrt. Die improvisierten Bomben, die aus alten Artilleriegranaten, militärischem Sprengstoff oder auch aus Kunstdünger hergestellt werden und bis zu mehreren hundert Kilo schwer sein können, sind die wirkungsvollste Waffe der Aufständischen. Die meisten Soldaten, die in Afghanistan getötet oder verletzt werden, gehen auf das Konto dieser nur schwer zu entdeckenden Straßenbomben. Auch deutsche Soldaten in Kundus sind ihnen schon zum Opfer gefallen.

Kundus ist der Ort, an dem die Bundeswehr und damit Deutschland den „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan am nächsten sind; mitunter sind die auf diesem Hochplateau im Norden Afghanistans stationierten knapp neunhundert deutschen Soldaten auch schon mitten drin. Vor einer Woche konnten sie noch beim Abendessen hören, wie die Amerikaner im westlich vom Lager gelegenen Wadi-i-Kauka tagelang Aufständische „beharkten“, vom Boden und aus der Luft, nach allen Regeln der Kunst.

Zwar gibt es hier im Norden nicht wie im Süden und Osten jeden Tag Gefechte mit den Taliban. Doch wurden von den siebzig Anschlägen und Angriffen, die die Bundeswehr seit Jahresbeginn in Afghanistan erlebt hat, 64 im Raum Kundus verübt. Die „sicherheitsrelevanten Ereignisse“ (so der Bundeswehr-Jargon) sind mitunter klassische, sich über Stunden hinziehende Infanteriegefechte. Oft folgt der Zündung einer Bombe der Beschuss mit Maschinenwaffen und den wegen ihrer Durchschlagskraft und verheerenden Wirkung gefürchteten Panzerfäusten russischen und chinesischen Typs. „Aber jeder Angriff ist anders“, sagt ein Kompaniechef von den Fallschirmjägern, dessen Bataillon auch schon in Somalia und in Kongo war; wenigstens in diesem Jahrhundert können deutsche Offiziere schon mit der Einsatzgeschichte britischer Traditionsregimenter mithalten.

Der Unberechenbarkeit der feindlichen Angriffe meinen Truppenführer in Kundus nur mit ebensolcher Unberechenbarkeit entgegenwirken zu können. „Wir müssten öfter draußen sein“, sagt ein Offizier. Auch die afghanische Bevölkerung wolle das, nur bei größerer Präsenz der ausländischen Soldaten fühle sie sich sicher. Die Einsatzkompanien, die mit dem gepanzerten „Fuchs“ und „Dingo“ auf Patrouille gehen, nehmen gewöhnlich Wasser und Verpflegung für vier Tage mit; meistens bewegen sie sich nicht viel weiter als zwanzig Kilometer vom Lager weg. Doch auch Patrouillen von zehn Tagen Dauer und solche, die bis zur tadschikischen Grenze reichen, gibt es.

Manche Soldaten sind schon zum dritten Mal in Afghanistan

Mit drei Kampfkompanien in der Stärke von jeweils 125 Mann lässt sich viel mehr nicht machen, schließlich muss auch noch das eigene Lager geschützt werden, das früher regelmäßig aus den „Raketendörfern“ im Westen beschossen wurde. Die schon vor Guttenbergs Besuch getroffene Entscheidung, das „regionale Wiederaufbauteam“ Kundus - so heißt die Festung dort offiziell - mit einer Infanteriekompanie zu verstärken, freut die Soldaten noch mehr als der Grillabend mit dem Minister. Manche von ihnen sind schon zum dritten Mal in Afghanistan, manche wurden nicht nur einmal dabei verwundet. Die Nachricht, dass die Verstärkung auch einen Panzergrenadierzug mit vier Schützenpanzern des Typs „Marder“ einschließen wird, bedauert daher keiner. Der auch schon betagte, aber immer noch zu den besten Panzern seiner Art zählende „Marder“ steht in Kundus bisher nur der Kompanie zur Verfügung, die zur Schnellen Eingreiftruppe gehört. Die anderen Panzergrenadiere, die in Kundus auf „Dingo“ und „Fuchs“ umsteigen mussten, vermissen ihren „Marder“ wegen seiner starken Panzerung und der Feuerkraft seiner 20-Millimeter-Kanone sehr. Den 33-Tonner wirft so schnell nichts um, nicht einmal ein „i.e.d.“ (“improvised explosive device“, improvisierter Sprengsatz).

In Berlin aber hat man lange gezögert, weitere Schützenpanzer zu verschiffen; deren Einsatz war den Politikern zu nahe am Krieg. Den besten Tank, den Deutschland aufbieten kann, den schweren Kampfpanzer „Leopard“, findet man in Kundus daher auch nur in der Bergepanzer-Variante.

Lieber aber noch hätte jeder deutsche Offizier in Afghanistan, mit dem man spricht, mehr Hubschrauber zur Verfügung, am besten gepanzerte Kampfhubschrauber. Die aber besitzt die Bundeswehr nicht. Der „Tiger“ wurde zwar schon vor 25 Jahren bestellt, bis heute fliegen aber nur immer noch auf die Panzerbekämpfung ausgerichtete Prototypen. Die Franzosen haben den Hubschrauber in einer umgerüsteten Version seit Sommer am Hindukusch im Einsatz und können mit ihm wirkungsvoll ihre Patrouillen schützen. Die deutschen Soldaten aber müssen ausgerechnet im unwegsamen Gelände Afghanistans auf eigene Luftunterstützung verzichten. Die „Tornado“-Jagdbomber der Luftwaffe könnten diese Aufgabe wenigstens in Teilen übernehmen, doch dürfen sie nur Aufklärungsmissionen fliegen. Schon mit diesem Mandat quälte sich der Bundestag herum. Bombardieren, das wäre den Politikern auch wieder viel zu nahe am Krieg.

„Haben die denn immer noch keine Ahnung davon, was hier los ist?“

Wie wichtig eine nicht nur politischen Vorgaben folgende, sondern der Gefährdung der kämpfenden Einheiten der Bundeswehr in Afghanistan angemessene Ausrüstung wäre, zeigte nicht zuletzt der 4. September. Das war der Tag, an dem der Kommandeur des Feldlagers von Kundus zwei Tanklastzüge bombardieren ließ, die von Taliban gekapert worden waren. Ein solcher Tanker war zuvor schon an anderer Stelle als rollende Bombe eingesetzt worden. Bei dem Luftangriff mitten in der Nacht kamen viele Menschen ums Leben, darunter offenbar auch Zivilisten. Bei der Verurteilung des Obersts Klein waren viele sehr schnell, nicht nur die Teilzeitstrategen in Deutschland. Auch der Isaf-Oberkommandierende McChrystal nahm sich seinen deutschen Untergebenen in einer unerhörten Weise vor. Noch heute kann mancher Offizier in Kundus seine Empörung darüber nur mühsam unterdrücken. Der Luftschlag passte nicht in das von den Amerikanern neu entdeckte, von der Bundeswehr aber von Anfang an praktizierte Konzept, bei der Bekämpfung der Taliban die Bevölkerung so weit wie nur irgend möglich zu schonen.

Der deutsche Oberst in Kundus hatte sich in jener Nacht für den Luftschlag entschieden, weil die Bedrohung nach allen vorliegenden Informationen und den Ereignissen der Vortage hoch und das Risiko, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen könnten, gering zu sein schien. Jene, die hinterher im sicheren Berlin meinten, der Offizier hätte Grenadiere zur Aufklärung schicken sollen, sollten sich noch einmal in die militärische und geographische Lage des Raumes Kundus einweisen lassen. „Ich hätte Hubschrauber geschickt - wenn wir welche hätten“, sagt ein Offizier auf die Frage, wie er in jener Nacht an Stelle Kleins gehandelt hätte. Sonst habe man als Kommandeur in solchen Fällen nur noch den (von Klein nicht gewählten) Ausweg, die Lage dem vorgesetzen General zu melden: „Melden macht frei.“ Dann muss der die Entscheidung fällen und verantworten, aber auch mit den (nicht) zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln auskommen.

Der Staatsanwalt fährt auf Patrouille immer mit

Über die Belehrungen aus Deutschland nach dem Luftangriff schütteln die Soldaten in Kundus noch immer den Kopf. „Haben die denn immer noch keine Ahnung davon, was hier los ist?“, fragt ein Fallschirmjäger. Wenigstens die Bundeswehrführung und der neue Verteidigungsminister haben eine Ahnung - und mehr als die. Von 2008 auf 2009 haben die Feindseligkeiten der Aufständischen in Afghanistan um mehr als sechzig Prozent zugenommen. Die Bundeswehr rechnet damit, dass sich die Bedrohung auch im von ihr geführten Nordsektor „stetig weiter erhöhen“ werde. Die Verstärkung des vorgeschobenen Postens Kundus zum Jahresanfang um eine Kompanie mutet da wie ein Tropfen auf einem heißen Stein an.

Kurzfristig lassen Guttenberg und sein Generalinspekteur Schneiderhan auch noch einmal die Ausbildung intensivieren. Besonders das Zusammenspiel mit den Amerikanern in Sachen Luftunterstützung soll verbessert werden. Offenbar haben die Nato-Verbündeten erst beim Einsatz in Afghanistan entdeckt, dass nun nicht gerade selten gebrauchte Begriffe wie „unmittelbare Bedrohung“ unterschiedliche Interpretationen zulassen. Auch will Guttenberg die Rechtssicherheit der Soldaten vergrößern, denen der Paragraphendschungel aus allgemeinem Strafrecht, Völkerstrafgesetzbuch und Soldatengesetz seit dem Fall Klein mitunter bedrohlicher erscheint als die Schluchtenlandschaft des Hindukusch. Der Staatsanwalt, das hört man oft von den Soldaten, fahre auf Patrouille immer mit.

Langfristig denkt der neue Verteidigungsminister freilich auch über anderes nach als nur über die Verbesserung der Einsatzbedingungen für seine Truppe. „Afghanistan wird Sie noch eine Weile fordern“, sagt er den deutschen Soldaten in Mazar-i-Sharif, die dort in einer Art befestigtem Industriegebiet für den Nachschub sorgen. Aber irgendwann werde Afghanistan „auch auf Sie verzichten können müssen“. Nichts hört man in den Feldlagern am Hindukusch, wo die deutschen Soldaten jeden Morgen mit der Bedrohung durch den Tod, die Verwundung und die Verurteilung in Deutschland aufstehen, lieber als diesen einen schlichten Satz.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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