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Afghanistan Aufgestauter Haß

26.10.2006 ·  Die Skandal-Fotos mit deutschen Soldaten geben jenen Afghanen neue Nahrung, die die Präsenz der internationalen Truppen ohnehin für ein Übel halten. Der Haß begrenzt sich dabei längst nicht mehr nur auf Amerikaner.

Von Jochen Buchsteiner
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Am Mittwoch berichtete zunächst nur ein afghanischer Radiosender von den Fotos der deutschen Soldaten. Aber bald schon dürften auch die Bilder verbreitet werden. Jenen Afghanen, die die Präsenz der internationalen Soldaten ohnehin für ein Übel halten, wird das neue Nahrung geben. Manches Mal in den vergangenen fünf Jahren genügten weniger eindeutige und abstoßende Ereignisse, um Unruhen heraufzubeschwören. Daß sich der Haß dabei überwiegend auf die amerikanisch geführte Kampftruppe konzentriere, gehört zu den Legenden von gestern.

Spätestens seit die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) das Kommando im unruhigen Süden des Landes übernommen hat, unterscheiden die meisten Afghanen nicht mehr zwischen „guten“ und „bösen“ Soldaten, also - wie es bei der Bundeswehr gerne dargestellt wird - zwischen jenen Truppen, die kämpfen, und denen, die den Wiederaufbau begleiten. Mit der territorialen Ausweitung ihres Mandats mußte die multinationale Truppe, die unter Nato-Befehl steht, nicht nur zahlreiche Angriffe abwehren, sondern auch offensiv tätig werden. Hunderte Rebellen kamen seit dem Sommer während solcher Kämpfe um, auch Zivilisten. Erst in der vergangenen Woche kamen zwanzig Zivilisten ums Leben. Ob bei den jüngsten Gefechten zwischen der Isaf und den Taliban tatsächlich 90 Zivilisten getötet wurden, wie am Mittwoch eine afghanische Nachrichtenagentur unter Berufung auf Augenzeugen berichtete, wird wohl Gegenstand von Untersuchungen sein.

Unmut und Hoffnungslosigkeit

Auch wenn die Deutschen, die mit 2800 Mann nach Amerikanern und Briten das drittgrößte Isaf-Kontingent stellen, im Süden (noch) nicht offiziell aktiv sind, tragen sie doch dasselbe Banner an der Uniform. In ihrem Einsatzgebiet im Norden Afghanistans, aber auch in der Hauptstadt Kabul sind mehrere Angehörige der Bundeswehr Opfer von Anschlägen geworden. Sechs der 18 in Afghanistan gestorbenen Bundeswehrsoldaten kamen gewaltsam ums Leben; Dutzende wurden verletzt.

Wie schnell sich aufgestauter Unmut und Hoffnungslosigkeit in Gewalt entladen können, zeigte sich auf drastische Weise im Mai dieses Jahres, als nach einem tödlichen Unfall mit einem Lastwagen der amerikanischen Truppe tagelange Unruhen die Hauptstadt erschütterten. Im vergangenen Februar protestierten Afghanen gegen die in Europa veröffentlichten „Mohammed-Karikaturen“ und riefen Tumulte hervor, in deren Gefolge neun Menschen starben. Im Mai vergangenen Jahres genügte sogar ein - später umstrittener - Bericht in der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“, in dem von Koran-Schändungen im Gefangenenlager Guantánamo die Rede war, um Demonstranten derart aufzubringen, daß bei Unruhen 15 Personen umkamen.

„Mangelnde Friedensdividende“

Unterfüttert sind solche Exzesse nicht allein von allgemeinen Ressentiments radikaler Muslime gegenüber dem Westen und seinen uniformierten Repräsentanten. Insbesondere das Vorgehen der amerikanisch geführten Kampftruppen, die unter dem Mandat „Enduring Freedom“ stationiert sind, schadete immer wieder dem Ansehen der ausländischen Soldaten. Wiederholt zählten Zivilisten zu den Opfern von Gefechten und Razzien, und allzuoft wurden die Vorwürfe nicht zufriedenstellend aufgeklärt. Auch häuften sich im Laufe der Jahre Berichte aus dem Gefängnis am amerikanischen Stützpunkt Bagram, die denen aus der berüchtigten Haftanstalt Abu Ghraib im Irak nur geringfügig nachstehen. Die Untersuchungen vermochten es bisher nicht, die Kritik in Afghanistan verstummen zu lassen.

Wohlmeinende Beobachter in Kabul führen die wachsenden Feindseligkeiten gegenüber den Ausländern auch auf die „mangelnde Friedensdividende“ zurück. In vielen Teilen des Landes, selbst in manchen Hauptstadtbezirken, hat sich die Situation seit dem Sturz der Taliban nicht spürbar verbessert. Trotz mittlerweile 40.000 entsandter Soldaten - davon 30.000 unter Nato-Befehl - hat sich die Sicherheitslage landesweit verschlechtert. Die Milliarden Euro, die in Form von Hilfsgeldern ins Land gepumpt wurden, hinterließen erstaunlich wenig Spuren. Gerade in den umkämpften Gebieten sahen sich die meisten Hilfsorganisationen gezwungen, ihre Arbeit einzustellen.

Quelle: F.A.Z., 26.10.2006, Nr. 249 / Seite 3
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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