Eine Oase, in der weitflächig Baumwolle angebaut wurde, die sich durch ihr buntes Angebot an Textilien einen Namen machte, überdies ihre engere und weitere Nachbarschaft mit Nahrungsgütern versorgte und daher zu einem regionalen Wirtschaftszentrum gediehen war: so stellte sich die Stadt Kundus als Kapitale der gleichnamigen Provinz im Norden Afghanistans zu jenen Zeiten dar, als das Land noch ein Königreich war. Da diese Provinz zudem an den tadschikischen Teil der damaligen Sowjetunion grenzte, herrschte in der scharf kontrollierten Gegend auch weitgehend Ruhe.
Das änderte sich jedoch, als nach dem Sturz des Monarchen Zahir Schah vor genau drei Jahrzehnten durch seinen "republikanischen" Vetter Mohammed Daud und nach dessen Ermordung durch prosowjetische Offiziere fünf Jahre später Kommunisten die Macht ergriffen und schließlich die Rote Armee in Afghanistan einmarschierte. Fortan sollte im Norden des Landes neben Masar-i-Scharif vor allem Kundus immer wieder zum Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen nicht nur zwischen Afghanen und Russen, sondern auch zwischen widerstreitenden Stämmen und Volksgruppen werden.
Usbeken und Turkmenen
Lange Zeit war die Provinz Kundus, die gegenwärtig etwa eine halbe Million Einwohner zählt, mehrheitlich von Usbeken und Turkmenen besiedelt gewesen. Nicht wenige Angehörige dieser beiden Ethnien hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf der Flucht vor den Bolschewiken in Afghanistan eine neue Heimat gefunden.
Zugleich zog die wirtschaftlich vergleichsweise prosperierende Gegend in und um Kundus auch viele Paschtunen aus dem ärmeren Süden und Osten des Landes an. Und vor allem diese Zuwanderer übten in ihrem neuen Siedlungsgebiet bald wachsenden Einfluß aus, weil sie nun einmal die Bevölkerungsmehrheit in Afghanistan stellten und neben dem Königshaus in Kabul auch die politische Elite des Landes vornehmlich paschtunischer Herkunft war.
Heiliger Krieg gegen Ungläubige
Unter den Nachfahren der nach Kundus eingewanderten Paschtunen gab es einen Mann, der dem Land später schlimmsten Schaden zufügen sollte und bis auf den heutigen Tag von seinem islamistischen Zerstörungstrieb nicht lassen kann: Gulbuddin Hekmatyar. Vor gut fünfzig Jahren in dem Marktflecken Imam Saheb unweit der Stadt Kundus geboren - nach anderen Quellen soll er in der Nachbarprovinz Baghlan zur Welt gekommen sein -, war Hekmatyar als Student in Kabul bereits gegen den König zu Felde gezogen.
Anschließend hatte er sich mit westlicher Unterstützung im "heiligen Krieg" gegen die sowjetische Besatzungsmacht, aber auch als politischer Intrigant sondergleichen hervorgetan. Nach dem Abzug der Roten Armee war er in dem sich anschließenden Machtkampf der vermeintlichen Glaubenskrieger dann maßgeblich daran beteiligt gewesen, die afghanische Hauptstadt in Schutt und Asche zu legen.
Als Mitte der neunziger Jahre die Taliban die Herrschaft übernahmen, setzte sich Hekmatyar ins Exil nach Teheran ab. Nach deren Entmachtung durch die amerikanischen Streitkräfte kehrte er indes sogleich mit dem erklärten Ziel zurück, die neue Regierung in Kabul zu stürzen und neben den Amerikanern auch alle anderen "Nichtgläubigen" aus Afghanistan zu vertreiben.
Paschtunische Bevölkerung
Gerade Kundus aber wurde von alledem nicht zuletzt deswegen in Mitleidenschaft gezogen, weil Hekmatyar mit seiner "Islamischen Partei Afghanistans" (Hezb-i-Islami-yi Afghanistan) unter den dortigen seiner paschtunischen Landsleute besonders großen Anklang fand. Darunter mußten andere Volksgruppen in der Provinz, in diesem Fall vornehmlich die Tadschiken, um so mehr leiden. Das sollte sich insbesondere 1988 zeigen, als die Sowjets ihren Rückzug aus Afghanistan vorbereiteten und die nachrückenden Anhänger Hekmatyars durch Plünderung und Brandschatzung in Kundus Angst und Schrecken verbreiteten.
Nach dem Fall des kommunistischen Regimes in Kabul setzte sich in den Nordprovinzen dann zwar der mit Hekmatyar zutiefst verfeindete Tadschikenführer Ahmed Schah Massud durch, der wie kein anderer den Sowjets die Stirn geboten hatte. Doch als die hauptsächlich aus Paschtunen bestehenden Taliban schließlich die Macht übernahmen, gelang es ihnen, dank des beträchtlichen paschtunischen Teils der dortigen Bevölkerung, Kundus zu einem ihrer Hauptstützpunkte im Norden des Landes zu machen.
In Kundus war es denn auch, wo sich die Taliban nach dem militärischen Eingreifen der Amerikaner im Oktober 2001 in großer Zahl mitsamt arabischen und pakistanischen Helfershelfern verschanzten und sich gegen die fast ausschließlich aus Tadschiken bestehende sogenannte Nordallianz zur Wehr setzten, die sich mit den Vereinigten Staaten verbündet hatte. Führer dieser Allianz war lange Zeit der Kriegsheld Massud gewesen.
Tadschikische Oberherrschaft
Als er zwei Tage vor dem 11. September 2001 angeblich auf Geheiß Usama Bin Ladins, eines nachweislich Verbündeten Hekmatyars, ermordet wurde, trat Massuds damaliger Geheimdienstchef Mohammed Fahim die Nachfolge als Chef der Nordallianz an. Mit Hilfe eines anderen Kriegsfürsten, des Usbeken Raschid Abdul Dostum, wurde den Taliban in ihrer nördlichen Bastion eine vernichtende, mit der Ermordung zahlloser Gefangener einhergehende Niederlage bereitet.
Dostum, an List und Tücke dem Paschtunen Hekmatyar ebenbürtig, zog sich danach wieder in seine Hochburg Masar-i-Scharif zurück, während Fahims tadschikische Gefolgsleute ihre Macht in Kundus festigten. Fahim selbst aber avancierte nach dem militärischen Sieg der Amerikaner in Kabul zum Verteidigungsminister. Inzwischen mit den Insignien eines Marschalls ausgestattet, übt er augenscheinlich weitaus mehr Macht aus als der Paschtune Hamid Karzai an der Spitze der afghanischen Übergangsregierung.
Das mag zugleich erklären, warum in Kundus nach vielen Jahren wechselnder Kriegsfronten und Kriegsleiden die Lage mittlerweile sicherer zu sein scheint als in der afghanischen Hauptstadt, zumal da Verteidigungsminister Fahim in jenem Herrschaftsgebiet so etwas wie eine Privatarmee unterhält. Allerdings sollte nicht übersehen werden - und einige Bombenanschläge sowie das Niederbrennen einer Mädchenschule in diesem Sommer machen das deutlich -, daß Kundus noch keineswegs wieder zu einer Oase geworden ist. Die tadschikische Oberherrschaft dort birgt vielmehr immer noch kaum weniger Unwägbarkeiten als in Afghanistan insgesamt.
Abneigung gegen Zentralregierung
Genau darauf hat die angesehene "International Crisis Group" (ICG) soeben in ihrer jüngsten Einschätzung der Lage noch einmal aufmerksam gemacht und dabei auf einen Umstand verwiesen, dem bisher zuwenig internationale Beachtung geschenkt worden ist. Nicht ohne Grund herrsche unter vielen Paschtunen der Eindruck vor, so die ICG, daß sie in der Zentralregierung im allgemeinen und in den Sicherheitsorganen im besonderen nicht hinreichend vertreten seien.
Die Abneigung gegen den Machtanspruch der Tadschiken und damit gegen die Zentralregierung insgesamt werde zusätzlich durch "Gewaltanwendung gegen Paschtunen durch nichtpaschtunische Milizen besonders in den Provinzen Herat und Badghis" verstärkt. Daß die Taliban im Süden und Osten Afghanistans wieder auf alarmierende Weise von sich reden machen und in der Bevölkerung offenbar Unterstützung finden, führt die ICG nicht zuletzt darauf zurück, daß den Paschtunen ungeachtet ihrer Mehrheit "nur ein bescheidener Anteil am politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbauprozeß" zugestanden werde.
Allerdings ließen es nicht nur die von den Amerikanern zum Sieg über die Taliban geführten Tadschiken der Nordallianz an Fingerspitzengefühl fehlen. Auch den Amerikanern selbst wird von der ICG geraten, bei ihrem militärischen Vorgehen gegen terroristische Elemente mehr Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen und von einer allzu engen Zusammenarbeit mit diskreditierten Kriegsfürsten abzusehen.
