23.05.2011 · Wenn die Kämpfe nachlassen, kommt die Putzkolonne der Kriegswirtschaft. Wie die Kinder in Kandahar Geschäfte machen.
Von Nasrat ShoaibAls vor einiger Zeit das Polizeihauptquartier von Kandahar angegriffen wurde und zwei Stunden lang schwere Kämpfe zwischen der Polizei und den Taliban tobten, schien die Stadt wie erstarrt. In den meisten Geschäften waren die Rollläden heruntergelassen, und auf den Straßen war weit und breit kaum ein Auto zu sehen. Umso mehr fiel die große Schar an Kindern auf, die sich vor dem Polizeiquartier versammelt hatte und ungeduldig auf das Ende der Kämpfe wartete.
Die Jungen, manche kaum älter als sechs Jahre, warteten auf ihre Chance, den Metallschrott aufzusammeln, den die heftigen Explosionen hinterlassen hatten - abgesprengte Teile von Militärfahrzeugen und anderen Autos. Denn die Kinder sind so etwas wie die Putzkolonne der Kriegswirtschaft. Sie tragen große Säcke über den Schultern, wenn sie abrücken.
Der neun Jahre alte Ahmad war einer der ersten am Ort des Geschehens. Er beobachtete erst, wie amerikanische Soldaten nach den Kämpfen das Gelände um den Anschlagsort absperrten, um Spuren zu sichern. Als die Amerikaner ihre beschädigten Fahrzeuge dann abtransportiert hatten, schlug die Stunde der Kinder. Für Ahmad war das der Augenblick, in dem er über sein Vorrecht zu wachen hatte. Denn bei den Metallsammlern gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Auch der zwölfjährige Mohammadullah war zur Stelle. Er führt eine Gruppe von acht Jungen an. „Wir können die Metallteile für viel Geld verkaufen“, sagt er. Zwischen 25 und 35 Kilo Schrott sammeln er und sein sechsjähriger Bruder durchschnittlich nach einem Anschlag auf einen Konvoi. Pro Kilo erhalten sie von den Schrotthändlern zwischen 15 und 20 Afghani (zwischen 25 und 30 Cent). Insgesamt können so pro Bombenanschlag umgerechnet gut neun Euro zusammenkommen. Das ist mehr, als Mohammadullahs Vater als Tagelöhner verdient.
Der Schrotthändler Attiqullah schätzt, dass er von rund sechzig Kindern mit Kriegsmüll beliefert wird. „In den vergangenen drei Jahren ist die Nachfrage nach Kriegsschrott in Pakistan deutlich gestiegen“, sagt er. Der Händler zahlt bis zu 17 Afghani für ein Kilo Altmetall und verkauft es für 44 Afghani weiter.
Für die Kinder, das erste Glied in der Lieferkette, ist das ein riskantes Geschäft. Oft werden an einem Anschlagsort gleich mehrere Bomben gezündet. Im vergangenen Oktober waren in Kandahar Dutzende Kinder getötet oder verletzt worden, weil sie nach der ersten Explosion an den Ort des Geschehens eilten. Manchmal sind es auch Kinder, die die Sprengsätze im Auftrag von Aufständischen vergraben. Sicherheitskräfte in Kandahar und anderen Provinzen berichten von zahlreichen Fällen, in denen kleine Jungen beim Bombenlegen festgenommen wurden. Sie vermuten, dass die Taliban sie einsetzen, weil sie leicht unbeachtet durch Polizeisperren kommen. In einem Fall habe ein Junge nach der Festnahme gegen seinen eigenen Vater ausgesagt, der ihn gezwungen habe, eine Bombe aus 20 Kilo Sprengstoff neben einer Straße zu vergraben, sagt Kandahars Geheimdienstchef Fazel Mohammad Khan Shirzad.
Manche Sicherheitskräfte fragen sich gar, ob es einen Zusammenhang geben könnte zwischen den Bombenlegerkindern und den jungen Kriegsschrottsammlern, die oft auffällig früh am Tatort sind - oft noch vor der Polizei. Ein solcher Verdacht lässt sich nur schwer erhärten, aber ehemalige Mudschahedin-Kämpfer berichten, dass sie im Kampf gegen die sowjetischen Truppen in den achtziger Jahren eine ähnliche Taktik angewandt haben. „Damals haben wir Leute mit allen erforderlichen Mitteln ausgestattet, um russische Panzer in die Luft zu sprengen“, sagt der ehemalige Kämpfer Fedah Mohammad Khan. „Und die gleichen Leute hatten dann das Privileg, die von den Panzern abgesprengten Teile aufzusammeln und zu verkaufen.“