Home
http://www.faz.net/-gq5-15b14
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Afghanische Bürgerwehr Der Talib in der Nachbarschaft

27.03.2009 ·  In der afghanischen Provinz Wardak erprobt Amerika neue Konzepte im Kampf gegen die Aufständischen - auch mit zivilen Schutzkräften. Doch die Trennung der Bevölkerung von den Taliban ist schwierig: Denn sie sind Nachbarn, Freunde oder Verwandte.

Von Friederike Böge, Wardak
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (8)

Vor dem Büro von Mohammad Hazrat Janan, dem Provinzratschef von Wardak, haben sich schon am frühen Morgen zwei Dutzend alte Männer versammelt. Sie kommen aus jenen sechs Distrikten, in die sich Ausländer und Regierungsmitarbeiter nur noch mit bewaffnetem Begleitschutz trauen. Das Gebiet, in dem die Taliban das Sagen haben, beginnt eine knappe Autostunde südlich von Kabul. Einzig die Provinzhauptstadt Maidan Shahr gilt als sicher, und auch hier nur die Innenstadt mit ihren frisch gestrichenen Verwaltungsgebäuden. Die Namen der Behörden stehen auf trotzig großen Straßenschildern, wie es sie sonst in ganz Afghanistan nicht gibt. Der Staat ist merklich um Sichtbarkeit bemüht.

Die Stammesführer sind gekommen, um mit dem Chef des Provinzrates über die neue Bürgerwehr zu sprechen, die auf Dringen der amerikanischen Armee derzeit in Wardak getestet wird. „Am Anfang wollten die Amerikaner Arbakai einführen, aber das haben die Leute abgelehnt“, sagt Provinzratschef Janan.

Arbakai ist die Bezeichnung für Stammesmilizen, die von lokalen Ältestenräten kontrolliert werden. Im Südosten des Landes - wo viele amerikanische Soldaten operieren - genießen sie einen guten Ruf. In Wardak aber sind die Stammesstrukturen im Bürgerkrieg durch Warlords unterwandert worden. Hier weckt das Konzept negative Erinnerungen an Willkür und marodierende Banden.

Schulen und Behörden werden bewacht

Die Bürgerwehren sollen dörfliche Gemeinschaften dabei unterstützen, sich gegen ein Einsickern von Taliban-Kämpfern zu wehren. Gleichzeitig sollen so Arbeitsplätze für junge Männer geschaffen werden, damit sie sich nicht von den Taliban kaufen lassen. Kritiker argumentieren, dass die Schaffung weiterer informeller Strukturen die nötige Reform der regulären Sicherheitskräfte weiter verzögern könnte.

Nach öffentlichen Protesten wurde das Konzept allerdings stark verändert. Die Bürgerwehren, die nun den Namen „Öffentliche Schutzkräfte“ tragen, dürfen nicht patrouillieren, sondern nur Schulen und Behörden bewachen. Sie unterstehen dem Distriktpolizeichef, während die Stammesführer lediglich ein Vorschlagsrecht bei der Rekrutierung haben. Die ersten 400 Schutzkräfte werden in diesen Tagen in einem dreiwöchigen Lehrgang von amerikanischen Trainern geschult und bewaffnet.

„Vielleicht ist es gut, lokale Sicherheitskräfte zu haben“, sagt Provinzratschef Janan. Sie kenne sich mit den örtlichen Sitten und Gepflogenheiten aus. Viel dringender als weitere Waffenträger sei jedoch eine bessere Regierungsführung. „Wenn die Regierung ihre eigenen Gesetze einhalten würde, würden die Menschen ihr auch vertrauen.“

„Taliban sind unsere Cousins, unsere Onkel und unsere Söhne“

Seit drei Jahren ist der Einfluss der Taliban in Wardak kontinuierlich gestiegen. Sie brachten immer größere Teile der Provinz unter ihre Kontrolle, setzten eigene Untergrundgouverneure und eigene Gerichte ein. Wardak liegt an der strategisch wichtigen Straße zwischen Kabul und Kandahar. Die Provinz ist ein Einfallstor in die Hauptstadt. Zwar gehen Sicherheitsexperten davon aus, dass die Taliban Kabul nicht einnehmen können, solange ausländische Truppen im Land sind. Doch von hier aus können sie leicht in die Hauptstadt einsickern, um Anschläge zu verüben.

Die amerikanischen Streitkräfte, die hier gerade um 3000 Mann verstärkt wurden, nutzen Wardak als Testprovinz für neue Strategien der Aufstandsbekämpfung. Kommandeur David McKiernan hat mehrmals bekräftigt, dass die Stammesführer in den Problemdistrikten künftig eine wichtige Rolle spielen sollen.

Die Islamisten haben in Wardak ein enges Netzwerk von Informanten gespannt, die Angst und Terror verbreiten. „Im vergangenen Jahr waren die Taliban Terroristen aus Pakistan, in diesem Jahr sind es unsere Cousins, unsere Onkel und unsere Söhne“, sagt Habib Wisal vom Distriktrat in Chak. Seit sechs Monaten beziehen mehr als 300 Mitglieder von neugeschaffenen Distrikträten ein Gehalt von 125 Dollar. Das Ziel ist, die lokale Bevölkerung auf die Seite der Regierung zu ziehen und zu verhindern, dass sie den Taliban Unterschlupf gewährt.

Auch sein 15 Jahre alter Sohn sei von den Extremisten telefonisch kontaktiert worden und habe sich einige Male mit ihnen getroffen, sagt Habib Wisal. Möglicherweise habe der Schuldirektor die Verbindung hergestellt. Sie sei erst abgebrochen, als er seinen Sohn zur Rede stellte - vor Gästen, wie er hervorhebt. Doch viele Eltern seien machtlos, sagt Wisal: „Heutzutage sind die Söhne älter als die Väter.“

Niemand ist bisher zurückgetreten

Wie zu erwarten hält Habib Wisal das neue Distriktratsprogramm für sinnvoll, auch wenn ihm sein Gehalt zu gering erscheint. „Wir können sowohl mit der Regierung als auch mit der bewaffneten Opposition sprechen, weil wir von beiden Seiten respektiert werden“, sagt der ehemalige Direktor einer Mädchenschule. Allerdings sei seine Arbeit gefährlich. Einmal seien bewaffnete Kämpfer mit Motorrädern vor seinem Haus vorgefahren und hätten ihn als „Vertreter Jesu“ beschimpft.

Dass bislang trotzdem keiner der Ältesten seinen Posten wieder aufgegeben hat, kann wohl als Erfolg gewertet werden. Wisal hielte eine andere Strategie allerdings für wirksamer: „Wenn Obama heute sagen würde, wann die amerikanischen Truppen abziehen, wäre morgen der Krieg zu Ende.“

„Ein Huhn kann man nicht so leich töten, wie einen Menschen“

Die Parlamentarierin Roshanak Wardak sieht nur eine Möglichkeit, die Sicherheitslage in Wardak zu verbessern: „Wir brauchen eine professionelle Polizei.“ Die Taliban seien gar nicht das Hauptproblem in Wardak, sagt die resolute Frau. „In meiner Stadt Shaikhabad gibt es genau 17 davon.“ Darüber hinaus gebe es aber viele Diebe, Mörder und Entführer, die sich als Taliban ausgäben. Die Polizei, sagt Frau Roshanak, nutze dies als Rechtfertigung, um nichts gegen sie zu unternehmen.

Um ihre These zu beweisen, hat die Parlamentarierin acht Monate lang alle Morde und Entführungen in ihrem Distrikt dokumentiert. Am Ende standen 72 Fälle auf ihrer Liste. Mit dem Papier ging sie zur Polizei und zum Innenministerium, um zu erfahren, ob Ermittlungen eingeleitet worden seien. Nach Wochen erhielt sie ihren Zettel zurück. Nein, Ermittlungsergebnisse gebe es nicht. Stattdessen hatte jemand hinter alle Namen auf der Liste das gleiche Wort geschrieben: Talib.

Frau Roshanak ist empört über einen solchen Generalverdacht. Einige der Opfer seien zum Beispiel von einer afghanischen privaten Sicherheitsfirma erschossen worden, nachdem aus ihrem Dorf ein Konvoi der Schutztruppe Isas angegriffen wurde. „Ein Huhn kann man nicht so leicht töten wie diese Menschen“, sagt Roshanak. „Denn ein Huhn hat einen Besitzer, der es verteidigen würde.“

Angst vor der „unreinen Ausländerin“

Je länger die Parlamentarierin erzählt, desto komplexer wird das Bild der Taliban-Bewegung - eine wirre Mischung aus kriminellen Nachbarssöhnen, bezahlten Söldnern, ideologisch verbrämten Mullahs und alten Mudschaheddin, die nie etwas anderes als Kämpfen gelernt haben. Viele junge Männer in Wardak werden von den Taliban eingeladen, sich in einer pakistanischen Koranschule fortzubilden. Dort wird ihnen eingetrichtert, dass ihr Land von Ungläubigen besetzt sei, die ihnen ihre Religion nehmen wollten.

Junge Männer wie Qari Afzali zum Beispiel. Der 27-Jährige ist angeblich ein großer Kommandeur in Wardak mit 180 Männern unter Waffen. Trotzdem hat er Angst. Er fürchtet sich davor, dass die unreine Ausländerin versuchen könnte, ihm die Hand zu geben. Das war seine einzige Bedingung für das Gespräch: kein Körperkontakt. Ein Bauunternehmer aus Kabul hat das Treffen organisiert und den Kommandeur in die Hauptstadt gebracht. Kommandeur Afzali steht stocksteif im Raum. Er vermeidet jeden Blickkontakt und starrt geradeaus zum Übersetzer. Der erklärt ihm unaufgefordert, dass die Ausländerin keine Amerikanerin sei, sondern Deutsche. Das sei ein großer Unterschied, belehrt er den Talib.

Der junge Mann sagt, er kämpfe für die Freiheit seines Landes. So wie seine Vorväter, die die Engländer und die Russen vertrieben hätten. Dass dabei auch Tausende von Zivilisten getötet würden, täte ihm leid. Aber es sei nicht zu vermeiden, wenn sie die Ausländer gegen Angriffe abschirmen würden.

Qari Afzali wohnt nicht weit von Shaikhabad. Vielleicht ist er einer der 17 Taliban, die Frau Roshanak in ihrer Umgebung gezählt hat. Obwohl sie die Extremisten kennt, würde die Parlamentarierin sie niemals bei der Polizei anzeigen. „Das sind meine Nachbarn“, sagt sie. „Mit denen muss ich auch die nächsten Jahre noch auskommen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Entscheidungsrecht

Von Georg Paul Hefty

Der Gesetzgeber festigt mit dem neuen Organspenderecht die Autonomie des Einzelnen: Er kann seine Bereitschaft wie seine Ablehnung erklären oder sich gar nicht äußern. Außerdem befreit es die Angehörigen von drängenden Fragen der Ärzte. Mehr 9 4