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Afghane tötet vier Franzosen Sarkozy setzt Militäroperationen in Afghanistan aus

20.01.2012 ·  Frankreich stellt seinen Beitrag am Afghanistan-Einsatz in Frage: Nach dem Tod von vier französischen Soldaten hat Präsident Sarkozy alle Militäroperationen ausgesetzt. Auch einen vorzeitigen Abzug schloss er nicht aus.

Von Michaela Wiegel, Nikolas Busse und Stephan Löwenstein
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Nach dem Tod von vier französischen Soldaten in Afghanistan hat Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Freitag in Paris den weiteren Einsatz der französischen Armee am Hindukusch in Frage gestellt. Er ordnete die Aussetzung aller Militäroperationen an. Afghanischen Soldaten wird bis auf weiteres der Zugang zu französischen Stützpunkten verboten, gemeinsame Patrouillen und Ausbildungsprogramme sind vorläufig eingestellt.

Zudem erwägt er einen vorzeitigen Abzug aller französischen Soldaten aus Afghanistan. „Die französische Armee ist nicht in Afghanistan, um sich von afghanischen Soldaten beschießen zu lassen“, sagte der Präsident beim Neujahrsempfang für das diplomatische Korps im Elysée-Palast.

Ein Mann in Uniform der afghanischen Armee hatte um 8 Uhr morgens das Feuer auf eine Gruppe französischer Soldaten bei einer Sportübung auf einem gemeinsam genutzten Stützpunkt in Tagab in der Provinz Kapisa eröffnet. Vier Franzosen wurden getötet, 16 weitere Soldaten wurden teils schwer verletzt. „Die französischen Soldaten waren unbewaffnet“, sagte Verteidigungsminister Gérard Longuet.

Er brach noch am Freitag gemeinsam mit Generalstabschef Edouard Guillaud zu einer Inspektionsreise nach Afghanistan auf. Der Todesschütze sei festgenommen worden, teilte die Internationale Schutztruppe Isaf mit. In Paris hieß es, es seit bestätigt, dass es sich bei dem Täter um einen Soldaten der afghanischen Armee handle.

Paris hat schon vergangenen Herbst begonnen, Truppen vom Hindukusch abzuziehen. 400 Soldaten sind seit Oktober nach Frankreich zurückgekehrt. Ursprünglich war geplant, die Truppen schrittweise bis Ende 2014 abzuziehen. Präsident Sarkozy will nun mit dem afghanischen Präsidenten Karzai über einen neuen Zeitplan sprechen, wenn dieser kommenden Freitag nach Paris kommt. Frankreich und Afghanistan wollten während des Besuchs eine Sicherheitsvereinbarung für die Zeit nach 2014 abschließen. Jetzt verlangt Paris neue Sicherheitsgarantien von der afghanischen Führung: Bei der Rekrutierung von Soldaten für die afghanische Armee müssten strenge und überprüfbare Auswahlkriterien angelegt werden.

Die Unterstützung für den Einsatz schwindet

In Frankreich schwindet die Unterstützung für den Einsatz in Afghanistan zusehends. Wenn das Parlament der Verlängerung der Auslandsoperation auch stets zustimmt, mehren sich die kritischen Stimmen. Die Präsidentschaftskandidaten aller Linksparteien haben sich für einen beschleunigten Abzug ausgesprochen. So wiederholte der in Umfragen führende sozialistische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande am Freitag seine Forderung, alle französischen Soldaten schon bis Jahresende aus Afghanistan zurückzuholen.

Auch Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National wirbt für eine Ende des „sinnlosen Abenteuers“, das Frankreich viele Opfer und Geld koste. 82 französische Soldaten sind seit Beginn des Afghanistaneinsatzes 2001 gefallen. Das zurückliegende Jahr forderte mit 26 gefallenen Soldaten bei weitem den höchsten Blutzoll. Präsident Sarkozy hatte noch Anfang Januar ein vorzeitiges Ende des Einsatzes ausgeschlossen. Bei den Neujahrswünschen an die Armee auf dem Marinestützpunkt Lanvéoc-Poulmic am 3. Januar sagte er, Frankreich werde so lange bleiben, wie es notwendig sei.

Er ging dabei auch auf den Tod zweier französischer Fremdenlegionäre ein, die am 29. Dezember von einem afghanischen Soldaten erschossenen worden waren: „Sie sind gestorben, damit kleine Mädchen zur Schule gehen können und nicht mit zwölf Jahren zwangsverheiratet werden. Sie sind gestorben damit mit Frauen nicht wie mit Waren gehandelt wird. Sie sind gestorben, damit Frankreich stolz darauf sein kann, seine Verpflichtungen erfüllt zu haben“, sagte Sarkozy Anfang Januar. Bei dem Vorfall Ende Dezember war der Todesschütze erschossen worden.

Berichte über Feindseligkeit von Verbündeten

Angriffe afghanischer Soldaten auf Isaf-Soldaten hatte es auch zuvor immer wieder gegeben. In der französischen Armeeführung wird zunehmend vor der Feindseligkeit der angeblich „verbündeten Kräfte“ der afghanischen Nationalarmee gewarnt. In einem geheimen amerikanischen Militärbericht wird die Zahl der bei Angriffen afghanischer Soldaten getöteten Nato-Soldaten laut „New York Times“ auf sechs Prozent aller gefallenen Soldaten beziffert.

Nato-Generalsekretär Rasmussen, der von einem „sehr traurigen Tag für unsere Truppe in Afghanistan“ sprach und sein Beileid zum Ausdruck brachte, äußerte hingegen, dass solche Vorfälle „isoliert“ seien. „Die Wirklichkeit ist, dass jeden Tag 130.000 Isaf-Soldaten aus 50 Nationen mit mehr als 300.000 afghanischen Soldaten kämpfen und sie ausbilden. Das erfordert viel Vertrauen zwischen den Soldaten.“ Rasmussen hob hervor, dass die Nato weiterhin dem Ziel verpflichtet sei, den Afghanen die Verantwortung für ihre Sicherheit zu übertragen. Im Bündnis wurde der Vorfall als einer der bisher schwersten seiner Art gewertet, zugleich aber darauf hingewiesen, dass das Risiko von Anschlägen bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte leider in Kauf genommen werden müsse. Nur so sei es möglich, die afghanische Armee auf einen Ausbildungsstand zu bringen, der eine Verringerung westlicher Truppen gestatte.

Deutschland zunächst nicht im Bilde

Deutschland war zunächst nicht von Paris über seine Absichten ins Bild gesetzt worden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte, man versuche über die Botschaft herauszubekommen, wie die Äußerungen des französischen Staatspräsidenten gemeint seien; außerdem werde Verteidigungsminister de Maizière mit seinem Amtskollegen in Paris telefonieren, um ihm sein Beileid auszusprechen. Die französische Entscheidung, vorerst die Zusammenarbeit mit den afghanischen Kräften einzustellen, mochte die Bundesregierung nicht kommentieren. Doch wies das Verteidigungsministerium darauf hin, dass auch die Bundeswehr vor einem Jahr drei Tote und mehrere teils schwer Verletzte zu beklagen hatte, als ein Mann in afghanischer Uniform hinterrücks auf Soldaten schoss. „Wie wir damals vorgegangen sind, ist bekannt: Dass wir das Partnering keinerlei Restriktionen unterworfen haben.“

Dass die Taliban versuchen, Leute in die afghanischen Sicherheitskräfte einzuschleusen, ist bei der Nato seit langem bekannt. Um Verdächtige auszusortieren, werden unter anderem die biometrischen Daten sämtlicher Rekruten erhoben. Die Taliban gewinnen ihre Leute offenbar damit, dass sie besser zahlen als die afghanische Armee und sich um die Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern kümmern. Die Schwere der Vorfälle ist unterschiedlich, es kommt aber ungefähr einmal im Monat zu einem solchen Anschlagsversuch.

Frankreichs Beitrag

Frankreich stellt derzeit etwa 2800 Mann der Nato-geführten Schutztruppe Isaf in Afghanistan. Das französische Verteidigungsministerium zählt auch die zur logistischen Unterstützung entsendeten Truppen in Tadschikistan und auf Schiffen im Indischen Ozean mit und kommt auf insgesamt 3600 Mann. Frankreich hat im vergangenen Oktober mit dem von Präsident Sarkozy bei einem Besuch in Kabul im Juli 2011 angekündigten Truppenrückzug begonnen.

400 Soldaten sind bereits nach Frankreich zurückgekehrt. „Man muss einen Krieg auch beenden können“, hatte Sarkozy in Kabul gesagt. Bis 2012 sollen weitere 600 Soldaten abgezogen werden. Spätestens Ende 2014 will Frankreich den Einsatz am Hindukusch vollständig beenden.

Seit 2001 beteiligt sich Frankreich an der internationalen Schutztruppe Isaf sowie an der Operation „Enduring Freedom“. Staatspräsident Chirac wachte in den Anfangsjahren darüber, dass der französische Einsatz sich im Wesentlichen auf die Hauptstadt Kabul begrenzte. Staatspräsident Sarkozy versprach den NatoVerbündeten hingegen eine Truppenverstärkung. Im Sommer 2008 stockte Sarkozy den französischen Beitrag um 700 Mann auf.

Die französischen Truppen wurden im Osten Kabuls, in der Provinz Kapisa und im Distrikt Saroubi zusammengelegt. Die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group wie in einem Bericht darauf hin, dass diese Zone im Osten der Hauptstadt schon während der sowjetischen Besatzungszeit eine der schwierigsten Zonen für die Rote Armee gewesen sei. (mic.)

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