13.10.2009 · Der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo hat den Niqab, den Vollschleier, als unislamisch verboten. Ägypten steckt nun in einer religiösen Kontroverse. Zuvor waren solche Verbote fast immer gescheitert.
Von Rainer Hermann, KairoSeine Kritiker beschimpfen ihn als „Herr des Okay“ in Diensten des ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak. Seine Anhänger preisen ihn als fortschrittlichen muslimischen Theologen. Der von Mubarak ernannte Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Muhammad Sayyid Tantawi, ist die höchste religiöse Autorität im sunnitischen Islam. Und er hat schon oft Aufregung verursacht: zum Beispiel, als er das Recht des französischen Staates bekräftigte, ein Kopftuchverbot für staatliche Schulen zu erlassen, oder als er erklärte, Gewalt sei in keinem Fall durch den Islam zu rechtfertigen. Die jüngste Kontroverse rief Tantawi zu Beginn der Woche hervor. Beim Besuch einer Schule in Kairo forderte er ein Mädchen auf, den Niqab abzulegen, den schwarzen Schleier, der nur einen schmalen Augenschlitz freilässt. Denn der Niqab sei eine bloße Tradition ohne Bezug zum Islam und zum Koran. Stattdessen solle das Mädchen doch lieber Schuluniform tragen.
Das Ereignis hatte sich noch nicht herumgesprochen, da erklärte Tantawi, er werde das Tragen des Niqab auf dem Gelände seiner Universität und ihren Institutionen, also auch in den Wohnheimen der Studentinnen, per Erlass verbieten. Dem schloss sich umgehend der Rektor der Universität Kairo an und verbot den Niqab auch für die Wohnheime seiner Hochschule. Dem Großscheich applaudierten hernach auch die Rektoren der Universitäten Ain Shams und Helwan, bislang allerdings ohne entsprechende eigene Anordnungen. Dafür meldete sich Ägyptens Erziehungsminister Halal Hani zu Wort, der die Ganzverschleierung in allen Wohnheimen von Studentinnen aus Sicherheitsgründen verbieten will. Denn jüngst seien unter dem Niqab wieder einmal 15 junge Männer entdeckt worden.
Die ägyptischen Gesellschaft ist gespalten
Da hatte der Glaubenskrieg um diese Form der Verschleierung, die in die vorislamische Zeit zurückreicht, bereits eingesetzt. Viele Ägypter führen den Niqab auf den Einfluss des strengen Islams auf der Arabischen Halbinsel und insbesondere in Saudi-Arabien zurück. So warf der stellvertretende Minister für religiöse Angelegenheiten, Salim Abdalgelil, den strengen „salafitischen Satellitensendern“ vom Golf vor, die Mär vom Niqab als religiöser Pflicht zu verbreiten. Entschieden widersprach der bekannte konservative Prediger Yusuf al Badri. Er empfahl dem Großscheich, sich doch jenen Frauen zuzuwenden, die „ihre Haare, Hälse und Brüste“ zeigten und damit „Zwietracht“ säten. Der wortgewaltige Prediger glaubt, den Frauen zumuten zu können, dass sie durch den schmalen Schlitz nur wenig von der Welt um sich wahrnehmen können und dass sie, um essen zu können, den Niqab anheben müssen.
Die jüngste Kontroverse, die Tantawi nun angestoßen hat, ist wohl ein weiterer Versuch der ägyptischen Regierung, der Ausbreitung eines radikalen Islams Einhalt zu gebieten. Sie lässt aber auch erkennen, wie stark die ägyptische Gesellschaft gespalten ist. Seither demonstrieren tief verschleierte Frauen vor ihren Wohnheimen. Die Sicherheitskräfte vor den Toren der Azhar-Universität haben indes die Order, keine Frauen im Niqab mehr passieren zu lassen. Einige Studentinnen sagten bereits, sie hätten aufgrund ihrer Vollverschleierung ihren Platz im Wohnheim verloren. Bei früheren Versuchen, der Ausbreitung des Niqab Einhalt zu gebieten, ist die Regierung jeweils eingeknickt. Nicht durchsetzen konnte sie in den vergangenen Jahren etwa ihre Verbote, dass Predigerinnen und Krankenschwestern nicht voll verschleiert sein dürften.
Ohne Bezug zu den Lehren des Islam
Überraschend viele Theologen unterstützen diesmal Großscheich Tantawi und bezeichnen den Niqab als Relikt vorislamischer Beduinenkultur. Abdulhamid al Atrash vom „Zentrum für Islamische Studien“ etwa verteidigt die Maßnahme des Großscheichs, weil sie Missbrauch vorbeuge und damit Schaden von der Gemeinschaft fernhalte. Der an der Azhar-Universität tätige Theologe Abdulmuati Bayumi assoziiert den Niqab mit den Taliban, nicht aber mit den Lehren des Islams. In Ägypten ist der Niqab wie in anderen arabischen Gesellschaften zwar auf dem Vormarsch. Noch immer aber tragen die meisten Frauen in der Öffentlichkeit das einfache Kopftuch.
Viele Männer können sich die Frau nicht anders als mit Niqab vorstellen, beispielweise der Prediger Safwat Hidschasi. Er wetterte, dass er jeden verklagen werde, der seine Frau und seine Tochter am Tragen des Niqab versuche zu hindern, und sei es in staatlichen Gebäuden. Wer Frauen daran hindere, das zu tragen, was sie wollten, begehe ein Verbrechen, so der Scheich. Dabei stützt er sich auf ein Urteil des ägyptischen Verfassungsgerichts. Dieses hatte sich mit der Klage einer voll verschleierten Forscherin zu befassen, die 2001 am Betreten der Bibliothek der American University of Cairo gehindert worden war. Ein Verbot des Niqab sei mit der Verfassung nicht vereinbar, urteilten die Richter. Es gebe ja weibliches Sicherheitspersonal, das diese Trägerinnen kontrollieren könnten.
Im Internet verläuft die Debatte unter arabischen Muslimen erheblich erregter. Die Burka degradiere Frauen doch zu Sexobjekten, findet ein „säkularer Kuweiter“. Dem hält eine gewisse Chadidscha entgegen, sie finde es verabscheuungswürdig, wenn Männer Frauen vorschreiben, was sie zu tragen hätten. Ein Ali wirft den „korrupten arabischen Regimen“ vor, sie wollten ja nur, dass die Frauen nackt seien, um einen Job zu bekommen und um so zu sein wie im Westen. Die Aufregung um Scheich Tantawi dürfte sich so bald nicht legen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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