01.05.2005 · Ist Al Qaida-Führer Usama Bin Ladin tot oder sterbenskrank? Diese Gerüchte verbreiten islamistische Websites. Die jüngsten Anschläge in Kairo könnten auf einen Versuch seines ägyptischen Stellvertreters Zawahiri hindeuten, bestehende Terrorzellen wiederzubeleben.
Bei zwei Selbstmordanschlägen in Kairo kamen am Samstag drei Attentäter ums Leben. Verletzt wurden neun Personen, unter ihnen zwei Urlauber aus Israel, ein Schwede und eine Italienerin.
Der erste Anschlag ereignete sich vor dem Ägyptischen Museum. Dort sprang der von der Polizei verfolgte Attentäter von der Brücke des 6. Oktober auf den weitläufigen Platz Abdel Munim Riad vor dem Museum. Der Sprengsatz detonierte noch in seinen Armen. Zwei Stunden später schossen zwei verschleierte Frauen im Viertel Sajjida Aischa nahe der historischen Zitadelle auf einen Touristenbus. Keiner der Insassen wurde verletzt.
Frauen als Attentäter
Zwei weibliche Attentäter beschossen am gleichen Tag einen Reisebus, der mit 40 israelischen Touristen besetzt war. Dies bestätigte der Fahrer nach Angaben der Staatsanwaltschaft. Die Urlauber hätten eine Tour zu Kairos Kirchen und zur Zitadelle gebucht. Nahe der Zitadelle war der Bus von zwei Frauen unter Feuer genommen worden. Die Urlauber blieben unverletzt, die Angreiferinnen starben. Unklar ist, ob die beiden Attentäterinnen Selbstmord begingen oder von der Polizei erschossen wurden.
Unterdessen hat die Polizei zweihundert Personen zu Verhören ins Gewahrsam genommen. Die Polizei habe sie bei einer Razzia nördlich von Kairo in einem Arbeiterbezirk abgeführt, aus dem die Attentäter vom Samstag stammten. Die Ermittler untersuchten, ob noch weitere Mitglieder zu einer Gruppe gehörten, die hinter den Anschlägen vom Vortag und einem Angriff auf einen Basar Anfang April stecken soll.
Eine ganze Familie löscht sich aus
Bislang hatten lediglich die palästinensischen Al-Aqsa-Brigaden und die Hamas sowie tschetschenische Terroristen Frauen als Selbstmordattentäter eingesetzt. Neu war bei diesem Doppelanschlag vom Samstag ebenfalls, daß erstmals eine Familie einen Selbstmordanschlag ausführte. Der erste Attentäter war der Bruder der einen und der Verlobte der anderen Täterin des zweiten Anschlags. Das Innenministerium identifizierte die beiden Frauen als Nagat Yusri Yassin und Iman Ibrahim Chamis.
Mutmaßlich stehen die Selbstmordanschläge vom Samstag in einer Kette mit den Attentaten vom vergangenen Oktober auf ein Hotel in der Stadt Taba auf dem Sinai, bei dem 34 Urlauber getötet worden waren, und vom 7. April 2005 im Bazar Chan al Chalili in Kairo, bei dem vier Personen umkamen.
Beteiligt auch am Anschlag vom 7. April
Das Innenministerium in Kairo teilte mit, bei dem Attentäter vor dem Ägyptischen Museum habe man seinen Personalausweis gefunden, der ihn als Ihab Yusri Yassin identifiziere. Die Polizei hatte ihn mit zwei anderen wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung am Anschlag vom 7. April gesucht. Diese beiden, deren Namen die halbamtliche Zeitung al Ahram mit Ashraf Said Yusuf und Gamal Ahmad Abdel Al angibt, waren am vergangenen Donnerstag verhaftet worden. Unbestätigten Medienberichten zufolge starb einer der beiden in Polizeigewahrsam am Freitag an den Folgen von Folter.
Der Attentäter vor dem Ägyptischen Museum verwendete eine einfach gebaute Nagelbombe, wie sie auch am 7. April benutzt worden war.
Rückkehr islamistischer Gewalt?
Ministerpräsident Nazif sagte, der Doppelanschlag könne nicht als Indiz für die Rückkehr islamistischer Gewalt interpretiert werden. Er sei zuversichtlich, daß die Sicherheitsdienste Ägyptens die Sicherheit gewährleisten könnten. Kein Ägypter billige solche Vorfälle, die eine wichtige Einkommensquelle der Bevölkerung, den Tourismus, gefährdeten. Nach dem Doppelanschlag vom Samstag mehren sich indes die Zweifel an der Aussage von Innenminister al Adli, daß der Anschlag vom 7. April ein isolierter Vorfall gewesen sei und in Ägypten keine Terrornetze existierten.
In den vergangenen sieben Monaten ereigneten sich in Ägypten vier Terroranschläge. Zu den beiden am Samstag bekannten sich zwei islamistische Gruppen. Eine nennt sich "Die Brigaden Abdallah Azam". Der aus Jordanien stammende palästinensische Theologe Abdallah Azzam hatte gefordert, einen Dschihad der Gewalt zu führen, bis alle Muslime vereinigt seien. Er war Mitbegründer der Hamas und der theologische Lehrer von Bin Ladin. In Afghanistan war er einer der ersten, die arabische Freiwillige für den Kampf gegen die Rote Armee anwarben. 1989 wurde er in Pakistan ermordet.
Übernimmt Zawahiri Bin Ladins Erbe?
Am 28. April hatte es auf einer Webseite, die Al Qaida nahesteht, geheißen, Bin Ladin sei tot oder lebe möglicherweise nicht mehr lange. Die neuen Angriffe könnten daher auf eine Wiederbelebung bestehender Terrorzellen durch Bin Ladins Stellvertreter, den Ägypter Zawahiri, hindeuten. Zawahiri hatte, bevor er sich in Afghanistan Bin Ladin anschloß, in Ägypten an der Spitze der Terrorgruppe "Islamischer Dschihad" gestanden.
Die "Brigaden Abdallah Azzam" gaben an, die Anschläge vom Samstag seien Racheaktionen für den Tod der Islamisten, die im Oktober 2004 das Hotel von Taba angegriffen hätten. Mit den mutmaßlichen Attentätern von Taba hatten sich im Februar die ägyptischen Sicherheitskreise nahe der Stadt Ras al Sadr Gefechte geliefert. Danach teilten sie mit, alle Gesuchten seien entweder getötet oder inhaftiert worden. Damals sollen mehr als 300 verdächtige Beduinen und Palästinenser festgenommen worden sein. Dennoch war es der ägyptischen Polizei nicht gelungen, die Zelle auszuheben, die die Anschläge vom Samstag verübt hat.
Ungewiß ist damit geworden, ob Staatspräsident Mubarak nun den 1981 verhängten Ausnahmezustand aufhebt. Das hatten Oppositionskreise gefordert, bevor im September die Präsidentenwahl stattfinde. Möglicherweise werden die Sicherheitskreise nun wieder härter gegen Demonstrationen der säkularen Opposition und der Muslimbrüder durchgreifen. Bereits in den vergangenen Wochen hatten sie Demonstrationen gewaltsam aufgelöst und mehr als hundert Demonstranten verhaftet.