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Abu Musab al Zarqawi Von Haß getrieben

08.06.2006 ·  Er galt als skrupellos und war der meistgesuchte Terrorist im Irak. Wegen seiner Brutalität war Abu Musab al Zarqawi selbst unter Terroristen umstritten. Seine Familie hatte sich längst von ihm losgesagt - „bis zum Tag des jüngsten Gerichts“. Ein Porträt.

Von Hans-Christian Rößler
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Der Tod von Abu Musab al Zarqawi brachte im Irak am Donnerstag nicht einmal eine von vielen erhoffte Pause der Gewalt: Es dauerte nur wenige Stunden, dann explodierte in Bagdad der nächste Sprengsatz. Dreizehn Menschen wurden dabei getötet. Bewegung brachte die Nachricht aber in die irakische Politik: Kurz nachdem der neue irakische Ministerpräsident Maliki am Morgen in Bagdad stolz den Tod des Terroristenführers verkündet hatte, wurden die neuen Minister für die drei Schlüsselressorts vereidigt. Monatelang hatten Schiiten und Sunniten zuvor erbittert über die Besetzung dieser einflußreichen Ämter gestritten.

Diesen Konflikt zwischen der jahrzehntelang den Irak dominierenden sunnitischen Minderheit und der schiitischen Mehrheit hatte Zarqawi zuletzt geschürt. Auch die Bildung der neuen Regierung versuchte er mit aller Gewalt zu verhindern. Erst vor einer Woche war im Internet eine Tonbotschaft aufgetaucht, in der eine ihm zugeschriebene Stimme die Sunniten zu neuer Gewalt gegen „ungläubige“ Schiiten aufrief. „Bereitet euch darauf vor, diese ungläubigen Schlangen und ihr Gift loszuwerden“, hieß es in der vielleicht letzten bekannt gewordenen Äußerung des jordanischen Sunniten Zarqawi.

Streit um die Führung im Irak

Mit seinem offenen Haß auf die Schiiten hatte er sich auch in den eigenen Reihen Feinde gemacht. Zuletzt wurde von Debatten unter den Terroristen berichtet: Während einige die schiitisch dominierte Regierung wegen deren Nähe zu Iran und wegen der Morde offiziell geduldeter schiitischer Todesschwadrone als das wichtigste Ziel weiterer Anschläge sahen, wollten andere ihren Kampf auf die Besatzungstruppen konzentrieren.

Auch Anschläge auf arabische Sunniten waren von einigen Terrorgruppen, zum Beispiel in Ramadi, kritisiert worden. Al-Qaida-Kenner sahen in diesen Unstimmigkeiten einen Streit um die Führung im Irak. Zarqawi mußte in den vergangenen Monaten anscheinend um seine Position kämpfen. In diesem Sinn deuteten einige Fachleute das Video, das Ende April mit Bildern Zarqawis verbreitet worden war.

Die bis dato letzten Bilder von ihm stammten aus den neunziger Jahren aus Afghanistan. Vermutlich war es aber auch Zarqawi, der im Mai vor zwei Jahren auf einem Video die amerikanische Geisel Nicholas Berg enthauptete. Trotz früherer Berichte über angeblich schwere Verletzungen wirkte Zarqawi auf den Aufnahmen gesund. Man sah ihn im Kreis seiner Kämpfer oder wie er in der Wüste mit einer Maschinenpistole feuerte.

Loyalitätsbekundungen an den „Emir“

Zarqawi lobte Al-Qaida-Gründer Usama Bin Ladin und bezeichnete ihn als seinen „Emir“. Diese Loyalitätsbekundung kam, nachdem es Spekulationen darüber gegeben hatte, Bin Ladin sei von dem Jordanier abgerückt, der immer eigenständiger aufgetreten war und wegen seiner Grausamkeit auch in der arabischen Welt an Beliebtheit eingebüßt hatte.

Mehrfach war Zarqawi davor von Bin Ladins Stellvertreter Zawahiri wegen seiner Angriffe auf Zivilisten, Schiiten und Religionsgelehrte gemaßregelt worden. Im Irak hatte Zarqawi wohl seit dem Anfang des Jahres einen Teil militärischer und politischer Kompetenzen an Iraker abgeben müssen. Ihm war vorgeworfen worden, sich angemaßt zu haben, für das irakische Volk zu sprechen, eine unabhängige Organisation gegründet und im Ausland Anschläge verübt zu haben.

Selbst unter den Sympathisanten Zarqawis war die von ihm veranlaßte Serie von Anschlägen auf drei Hotels in der jordanischen Hauptstadt Amman auf Kritik gestoßen, bei denen 60 Menschen getötet wurden, darunter Gäste einer Hochzeitsfeier. Seitdem haben auch die jordanischen Sicherheitskräfte ihre Ermittlungen gegen Zarqawi und sein Netz intensiviert. Viermal wurde der aus der jordanischen Stadt Zarqa (daher sein Name) stammende Terroristenführer wegen früherer Attentatsversuche zum Tode verurteilt.

Seine Familie hatte sich von ihm losgesagt

Bis 1999 verbüßte er wegen terroristischer Aktivitäten in Jordanien eine mehrjährige Haftstrafe, bevor er dann ein zweites Mal nach Afghanistan ging. Seine Familie hatte sich deshalb schon von ihm „bis zum Tag des jüngsten Gerichts“ losgesagt.

Jetzt wollen auch jordanische Geheimdienste an der Aufspürung Zarqawis beteiligt gewesen sein. Es habe „in einem früheren Stadium“ einen Austausch von Informationen mit den Amerikanern gegeben, zitieren Nachrichtenagenturen einen jordanischen Regierungssprecher. Der irakische Ministerpräsident Maliki führte dagegen den Erfolg auf Hinweise aus der irakischen Bevölkerung zurück. Auf Informationen, die zur Ergreifung Zarqawis führten, hatten die Amerikaner eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt.

In Düsseldorf „mit auf der Anklagebank“

Geboren wurde Zarqawi am 20. Oktober 1966 als Ahmad Fadhil Nassal al Khalajleh in kleinen Verhältnissen. Internationale Bekanntheit erlangte er spätestens, als ihn der damalige amerikanische Außenminister Powell Anfang 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat als ein Beispiel dafür erwähnte, daß Saddam Hussein mit Terroristen gemeinsame Sache mache. Wohl im Jahr 2002 reiste Zarqawi aus Afghanistan kommend über Iran ins kurdisch-iranische Bergland, wo er bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen mit den „Ansar al Islam“ aktiv war. Zugleich gründete er seine eigene Organisation „Al Tawhid wa al Dschihad“ (Einheit und Heiliger Krieg). Im Frühjahr 2003 ließ sich Zarqawi in der irakischen Provinz Anbar nieder, von wo aus er angeblich wiederholt nach Syrien reiste. In der von Sunniten bewohnten Region nördlich von Bagdad, wo auch Baquba liegt, bewegte er sich wohl bis zu seinem Tod.

Gleichzeitig bemühte er sich aber längst darum, seinen Einfluß über den Irak hinaus auszudehnen. Zuletzt hatte er wohl den Sinai und letztlich Israel im Visier, zuvor auch Deutschland. Als im vergangenen Herbst mehrere Mitglieder einer Tawhid-Terrorzelle in Düsseldorf zu Haftstrafen verurteilt wurden, sagte der Vorsitzende Richter, daß der abwesende Zarqawi als Anstifter „mit auf der Anklagebank“ gesessen habe.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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