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70 Jahre Israel : Ein gespaltenes Land

In der Altstadt feiern Juden den Jerusalem-Tag, der dieses Jahr auf den 13. Mai fiel. Bild: Reuters

Israel ist militärisch stark und wirtschaftlich sehr erfolgreich. Im Innern aber ist es zerbrechlich. Die fehlende gemeinsame Identität nimmt den Raum für eine Lösung des Palästinakonflikts. Ein Kommentar.

          Siebzig Jahre nach seiner Gründung ist Israel militärisch stärker als je zuvor. Weder ein arabischer Staat noch Iran können es in seiner Existenz bedrohen. Daran ändert auch die gegenwärtige Aufregung nichts. Doch im Innern des Landes wächst eine Gefahr, die größer ist als die der iranischen Führung. Israel ist gesellschaftlich gespalten wie noch nie. Die einzelnen Bevölkerungsteile treiben in verschiedene Richtungen, und die Regierung tut wenig dagegen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          David Ben Gurion wollte, dass das Land ein Schmelztiegel werde. Als der Staatsgründer am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit erklärte, schwebte ihm der „neue Jude“ vor, eine Art säkularer sozialistischer Pionier, der sich durch körperliche Arbeit das Land zu eigen macht. Aber dieses Bild hatte mit der Wirklichkeit der verschiedenen jüdischen Völker, die sich im Staat Israel trafen, wenig zu tun.

          Die europäischen Juden planten und regierten das Land. Die Elite schuf die Grundlage einer Unternehmerkultur, die auf dem Hochtechnologiesektor heute zur Weltspitze gehört. Und die nichteuropäischen Juden, die hinzukamen, ließen sie auf Lastwagen in die Peripherie bringen – in die Negev-Wüste, wo viele bis heute in tristen „Entwicklungsstädten“ leben. Diese mizrahische Bevölkerung – jemenitische, marokkanische, irakische oder persische Juden – stellt mittlerweile die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels dar. Aber ihre Geschichte und Kultur sowie ihr Beitrag bestimmen nicht die Geschichtsschreibung des Landes. Die wird über die Europäer erzählt: Kibbutzim prägen das Bild, aber von den Entwicklungsstädten in der Nähe wissen wenige, auch wenn dort Hunderttausende leben. Zwar gibt es Aufstiegsgeschichten. Mizrahische Juden wurden Unternehmer und Minister, wenn auch nie Ministerpräsidenten. Aber die Regierung wendet für die (europäischstämmigen) Siedler im Westjordanland, die sich illegal dort aufhalten, mittlerweile dreimal so viel Geld pro Kopf auf wie für die Bewohner im Negev.

          Die Schattenseite des erfolgreichen israelischen Staatsaufbaus war die Vertreibung der Palästinenser. Zu dieser Schattenseite gehört jedoch auch, dass die jüdische Bevölkerung aus der außereuropäischen Welt systematisch schlechter behandelt worden ist. Die säkulare Bevölkerung in den Wirtschaftszentren wie Tel Aviv oder Haifa hat heute weder mit den Entwicklungsstädten noch mit ultraorthodoxen Juden viel gemein. Die Ultraorthodoxie bestimmt nicht nur das religiöse Leben in Israel, sie wird politisch immer einflussreicher. Forderungen nehmen zu, am Schabbat auch in säkularen Gegenden das öffentliche Leben quasi einzustellen. Schon heute fahren am Schabbat und an religiösen Feiertagen landesweit weder Busse noch Bahnen. Wegen ihrer hohen Geburtenrate werden die Ultraorthodoxen bald ein Drittel der Israelis bilden – eine Schicht, die mehrheitlich in Armut lebt, nicht zur Armee geht und wenig zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Dies werden auch die viel gelobten Start-ups nicht ausgleichen können. Denn in diesem Sektor finden weniger als zehn Prozent der Erwerbstätigen Arbeit. Diese „Lokomotive“ der israelischen Wirtschaftskraft ziehe „marode Eisenbahnwagen“, sagte kürzlich die Zentralbankchefin.

          Nicht nur die ultraorthodoxe, auch die arabisch-palästinensische Bevölkerung in Israel wächst schnell. Trotz früherer Integrationsbemühungen der Regierung sind (und haben sich) diese Israelis bis heute nicht vollständig integriert. Verschärft wird die Trennung auch durch eine zunehmend national-religiös motivierte Politik. Ein in diesem Jahr vom Likud und der Siedlerpartei getragener Gesetzentwurf sieht vor, „rein jüdische“ Gemeinden zu erlauben. Was früher radikale Außenseiterpositionen waren, bestimmt jetzt die Debatten in der Knesset.

          Beschädigung der Demokratie

          Das entfremdet die liberalere Bevölkerung in den Wirtschaftszentren, die aber gleichwohl mit der arabisch-israelischen Bevölkerung wenig gemein hat. Jedes Lager hat seine eigene politische Partei. Wer der „neue Jude“ ist, das ist heute so wenig klar wie vor siebzig Jahren.

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          Die fehlende gemeinsame Identitätsrichtung nimmt den Raum für eine Lösung des Palästinakonflikts, der in Israel freilich wenige kümmert. Militärisch sind die Palästinenser unter Kontrolle. Aber das dauerhafte Besatzungsregime, dem die Palästinenser unterworfen sind, beschädigt nicht nur den demokratischen Charakter des Landes, sondern es führt zu noch einer weiteren Spaltung: Die junge Generation liberaler jüdischer Amerikaner entfernt sich von Israel. Auch dagegen unternimmt die Regierung wenig. Vielmehr bezichtigt sie die jüdisch-amerikanischen Kritiker des Selbsthasses. Das ist kurzsichtig: Die Vereinigten Staaten sind immer noch Israels wichtigster Verbündeter.

          Noch bestimmt Iran die innenpolitische Diskussion; das verbindet alle Lager der Gesellschaft. Ministerpräsident Netanjahu spielt mit der Angst und hat Erfolg damit. Aber auf die demografische Bombe in Israel hat seine Regierung keine Antwort. Wenn Netanjahu früher oder später abtritt, dann hinterlässt er nicht nur ein militärisch vor Kraft strotzendes Land, sondern auch eine zerbrechliche innere Ordnung.

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