25.09.2009 · Die Volksrepublik China präsentiert zu ihrem 60. Gründungstag ein sehr unvollständiges Bild ihrer Geschichte: Eine Debatte über die historische Bilanz findet höchstens hinter verschlossenen Türen statt.
Von Till Fähnders, PekingDie Volksrepublik China feiert am 1. Oktober das 60. Jubiläum ihrer Gründung mit einer Parade, Pomp und ohne selbstkritische Töne. Eine Debatte über die historische Bilanz findet höchstens hinter verschlossenen Türen statt. Unangenehme Ereignisse bleiben unerwähnt.
Stattdessen stellt die herrschende Kommunistische Partei die 60 Jahre als eine kontinuierliche Aufstiegsgeschichte dar, um damit ihre Herrschaft zu legitimieren. Im Vordergrund stehen Patriotismus, die Einheit des Landes und nicht die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Lobhudelei über Errungenschaften seit 1949
In diesen Tagen strömen viele Pekinger in eine Ausstellung über „Die glorreichen 60 Jahre“, in der Chinas Errungenschaften seit der Staatsgründung glorifiziert werden. Vor dem im sowjetischen Stil gebauten Pekinger Ausstellungszentrum stehen die Menschen Schlange, drinnen drängeln sich Schulkinder und Marinesoldaten zwischen den Ausstellungsstücken hindurch. Wie überall in Peking vor dem Jahrestag sind die Sicherheitsvorkehrungen auch hier scharf. Schwer bewaffnete Polizisten bewachen die Eingänge, Besucher müssen sich mit Ausweis registrieren, bevor sie eine kostenlose Eintrittskarte bekommen.
In den Hallen wird eine Lobhudelei über das geboten, was China seit 1949 erreicht hat. Eine Leuchttafel illustriert den Anstieg beim Bruttoinlandsprodukt, dem Außenhandel und den Devisenreserven. Nebenan zeigen Modelle von Kampflugzeugen und Panzern die Entwicklung der chinesischen Landesverteidigung. Es gibt Ausstellungen zu Ressourcen und Umwelt, nationalen Minderheiten, Landwirtschaft und Infrastruktur. Dabei werden die vergangenen 60 Jahre stets als eine historische Einheit dargestellt. Die Brüche in der Entwicklung werden überspielt.
Die Schau folgt damit streng den Vorgaben der offiziellen Geschichtspolitik. Während zuletzt vor allem die vergangenen 30 Jahre der Reform- und Öffnungspolitik den Stolz der Chinesen auf den Aufstieg ihres Landes befeuerten, sollen die weniger glanzvollen ersten 30 Jahre unter Mao Tse-tung nun in die moderne Erfolgsgeschichte einbezogen werden. In einem Aufsatz hatte der Vizepräsident der Pekinger Parteischule, Li Junru, diese Richtung vorgegeben. Die Parteischule ist Chinas Kaderschmiede, an der die Funktionäre ideologisch geschult werden. „Wir dürfen nicht die zweiten 30 Jahre benutzen, um die ersten 30 Jahre zu negieren“, schrieb ihr Vizepräsident.
Revolution angeblich Garant für Wirtschaftsaufschwung
Chinas heutige Bedeutung als drittgrößte Wirtschaftsmacht der Erde und politisches Schwergewicht wird als Folge der „Befreiung“ durch die Kommunisten im Jahr 1949 erklärt. „Es ist in China immer noch so, dass die Gründung der Volksrepublik als große Errungenschaft gesehen wird“, sagt der deutsche Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer. Die vergangenen 60 Jahre seien aber auch eine Leidens- und Trauma-Geschichte. Es habe „katastrophale Aufbaukosten“ gegeben, wie Maos „Großen Sprung nach vorn“, die „Kulturrevolution“ und die Hinrichtung vieler Angehöriger der alten Grundbesitzerklasse.
ber diese Traumata werde zwar am Küchentisch oder unter Freunden gesprochen. Die öffentliche Debatte werde aber nicht zugelassen. Es sei jedoch eine Frage der Zeit, bis sich China mit seiner neuesten Geschichte auseinandersetzen müsse, sagt der Sinologe. Schon heute gibt es vereinzelte liberale Stimmen und Historiker, die ein Umdenken wünschen, im staatlich kontrollierten Verlagswesen aber untergehen.
Viele der historischen Tabus gelten weiter. Am Eingang der Pekinger Ausstellung sind auf Tafeln ausgewählte Ereignisse seit 1949 vermerkt. Die Geschichte der Volksrepublik erscheint darin vor allem als eine Abfolge von Parteikongressen der Kommunisten. Die Jahre 1956 bis 1966 werden als Phase des „sozialistischen Aufbaus“ zusammengefasst. Kein Wort davon, dass in diese Zeit auch die brutale Verfolgung sogenannter Rechtsabweichler fällt. Auch die Hungerkatastrophe Ende der fünfziger Jahre wird nicht erwähnt. Nur die unleugbaren Greuel der Kulturrevolution werden als „schwere Katastrophe“ verurteilt.
Lücken in der Geschichte
Auch die Studentenbewegung von 1989 und ihre Niederschlagung werden verheimlicht. Alle Versuche zu einer „Neubewertung“ der Ereignisse zu kommen, werden in China abgeschmettert. Denn damit würden auch die Grundlagen der gegenwärtigen Politik und des Systems in Frage gestellt. „1989 ist auch mit Deng Xiaoping verbunden“, sagt der Sinologe Schmidt-Glintzer. Das Bild von Chinas „Reform-Architekten“ sei aber bis heute positiv besetzt - selbst im Westen. Auch die dieses Jahr im Ausland veröffentlichten Memoiren des 1989 abgesetzten Parteichefs Zhao Ziyang dürfen in China deshalb nicht erscheinen.
In den vor seinem Tod auf Tonband gesprochenen Erinnerungen verurteilt der Altkader den Militäreinsatz. Er kommt sogar zu dem Schluss, dass China ein Mehrparteiensystem braucht. Ein ähnlich schwerer Angriff auf das offizielle Geschichtsbild der Partei stammt angeblich ebenfalls von einem „alten Genossen“. Das Dokument wird seit einigen Wochen im chinesischen Internet verbreitet - der rigorosen Zensur zum Trotz. Darin greift ein anonymer früherer Funktionär die Parteiführung wegen ihres mangelnden „Respekts vor der Geschichte“ und fehlenden Reformwillens an. „Eine Partei, die seit sechzig Jahren regiert, sollte schließlich den Mut aufbringen, Dinge zu überdenken“, heißt es darin. Nun wird viel gerätselt, wer dahinter steckt. Selbst wenn es sich als Fälschung herausstellen sollte, hat das Dokument der Regierung schon eine Peinlichkeit beschert.
Geschichtsschreibung zur Herstellung nationaler Einheit
Die Lücken in der Geschichte sind umso auffälliger, als die Arbeit der Historiker für Chinas Selbstverständnis seit jeher eine zentrale Rolle gespielt hat. Kaum ein anderes Land hat eine so kontinuierliche Geschichtsschreibung hervorgebracht, die fast 3000 Jahre abdeckt. Seit Beginn der offiziellen Dynastiehistoriker kommt der Geschichtsschreibung immer wieder eine die Herrschaft legitimierende und eine molarisch-belehrende Funktion zu. Seit die Kommunisten an der Macht sind, hat China den historischen Materialismus entdeckt. Geschichte wird als Weg in eine bessere - kommunistische - Zukunft verstanden.
Die offizielle Geschichtsschreibung in China dient heute aber vor allem der Begründung der nationalen Einheit. Es gibt nach wie vor eine große Angst vor einem Auseinanderfallen des Staates. Regionale Unruhen und gesellschaftliche Umbrüche setzen die Führung unter Druck. Deshalb traut sich die Regierung auch nicht, von ihrem Verdikt abzurücken, wonach die Grenzgebiete Tibet und Xinjiang schon „seit alters her“ ein Teil Chinas seien, auch wenn es über Jahrhunderte hinweg zumindest komplexe Wechselbeziehungen zwischen den Regionen gegeben hat. Sogar die Archäologie ist darum bemüht, die Existenz einer „chinesischen“ Identität auf 5000 Jahre zurück zu datieren. Damit soll das Gefühl einer einheitlichen chinesischen Nation gestärkt werden.
In der Geschichts- und Schulbüchern Chinas wird auch der Schmach, die China aus seiner Sicht im 19. Jahrhundert von den Kolonialmächten zugefügt worden war, eine herausragende Stellung eingeräumt. Der Abstieg Chinas in die Bedeutungslosigkeit zum Ende der Kaiserzeit wird auf diese Weise als historischer Unfall dargestellt, der korrigiert werden muss. Die Entwicklung führt nach diesem Geschichtsbild darauf hinaus, dass China wieder seinen „angemessenen“ Platz in der Welt bekommt. Für kritische Reflektion ist dabei kein Platz. Der Mangel an Vergangenheitsbewältigung führt aber dazu, dass der chinesische Kalender heutzutage mit historisch „heiklen“ Daten nur so gespickt ist. Regelmäßig wird die Staatsmacht deshalb nervös, wenn sich so ein Datum nähert, wie jetzt vor dem 1. Oktober. In China ist Geschichte zu einem Problem geworden.