25.06.2010 · Vor sechzig Jahren brach der Korea-Krieg aus. Er forderte mehr als drei Millionen Menschenleben und legte Städte in Schutt und Asche. Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag. Und das Regime im Norden der Halbinsel besitzt sogar Atomwaffen.
Von Petra Kolonko, TokioAls der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-il im Konflikt um das Kriegsschiff Cheonan vor wenigen Wochen drohte, er werde die südkoreanische Hauptstadt Seoul in ein Flammenmeer verwandeln, ließ dies die Mehrheit der Südkoreaner unbeeindruckt. Nur einige ältere Koreaner erinnerten daran, dass ganz Korea schon einmal ein Flammenmeer war und die Aggressivität des kommunistischen Nordens die Halbinsel schon einmal in einen Krieg geführt hat, der mehr als drei Millionen Menschenleben forderte und Koreas Städte in Schutt und Asche legte.
Am 25. Juni 1950 überquerten Truppen des kommunistischen Nordkorea den 38. Breitengrad und begannen einen Eroberungszug in Südkorea. Bereits drei Monate später hatten sie fast die gesamte koreanische Halbinsel unter ihre Kontrolle gebracht. Der Einfall der kommunistischen Truppen war der Beginn des Korea-Krieges. In drei schrecklichen Kriegsjahren kamen 50.0000 koreanische, 36.000 amerikanische und 40.0000 chinesische Soldaten ums Leben. Insgesamt wird die Zahl der Kriegsopfer auf drei Millionen geschätzt. Als am 27. Juli 1953 in Panmunjom das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde, stellte man den Status quo vor dem Kriege wieder her. Die Teilung des Landes war zementiert.
Der 38. Breitengrad als Grenzlinie in Ostasien
Bis heute gibt es noch immer keinen Friedensvertrag, befinden sich Nord- und Südkorea immer noch im Kriegszustand. Bis heute existiert nördlich der Demarkationslinie am 38. Breitengrad eine kommunistische Volksrepublik, im Süden eine demokratische Republik. Bis heute ist die koreanische Halbinsel ein Krisenherd. Aber das Flammenmeer, mit dem Nordkorea heute wieder droht, könnte ein noch schrecklicheres werden: Denn das Regime im Norden besitzt Atomwaffen.
Der Korea-Krieg war vor allem das Werk zweier skrupelloser Diktatoren. Der nordkoreanische Führer Kim Il-sung wollte ganz Korea unter seine Gewalt bringen und unter kommunistischen Vorzeichen wiedervereinigen. Einen mächtigen, wenn auch nicht uneigennützigen Unterstützer fand Kim Il-sung im chinesischen Machthaber Mao Tse-tung, der von einem Sieg über die ihm verhassten Amerikaner träumte und gleichzeitig die militärische Macht und den Einfluss Chinas in Asien ausbauen wollte.
Korea war nach dem Zweiten Weltkrieg, wie Deutschland, ein geteiltes Land. Nach der Kapitulation Japans im Jahre 1945 hatten die Siegermächte Korea, das seit 1911 eine Kolonie Japans war, entlang dem 38. Breitengrad geteilt. Der 38. Breitengrad wurde damit zu einer Grenzlinie des Kalten Krieges in Ostasien, an der die amerikanischen und die sowjetischen Einflusszonen aneinanderstießen. Im Jahr 1948 wurde nach Wahlen in Südkorea die Republik Korea ausgerufen, der Norden reagierte darauf mit der Gründung einer „Demokratischen Volksrepublik“.
Kim Il-sung wollte Südkorea erobern, fand aber bei der Schutzmacht Sowjetunion zunächst keine Begeisterung für seinen Plan. Stalin fürchtete eine Konfrontation mit den Amerikanern. Auf weitaus bessere Aufnahme stieß der Plan bei Nordkoreas Nachbar China. Mao Tse-tung sicherte Kim Il-sung zu, er werde Truppen zu Hilfe schicken. Kim Il-sung spielte China und die Sowjetunion gegeneinander aus und konnte sich so der Zustimmung Stalins für eine Invasion Südkoreas versichern.
Drei Millionen „Freiwillige“ wurden in den Krieg geschickt
Nach dem Vorstoß der Nordkoreaner über den 38. Breitengrad nach Süden genehmigte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein militärisches Eingreifen auf Seiten Südkoreas. 16 Mitgliedsländer schickten Truppen und Helfer nach Korea. Die Hauptlast der Verteidigung lag bei den Vereinigten Staaten. Von den 40.000 UN-Soldaten waren 36.000 Amerikaner. Sie konnten die Nordkoreaner zurückdrängen, und südkoreanische Truppen überschritten nun ihrerseits den 38. Breitengrad nach Norden.
Zu diesem Zeitpunkt griff China ein. Gegen den Willen seines Politbüros und gegen den Rat seiner Generäle schickte Mao Tse-tung, um Opfer nie besorgt, drei Millionen sogenannte „Freiwillige“ in den Krieg. Im Januar 1951 begannen 10.0000 nordkoreanische und 40.0000 chinesische Soldaten eine Offensive. Maos Generäle schickten Menschenwellen gegen den amerikanischen Feind. Der amerikanische Oberbefehlshaber, General MacArthur, forderte öffentlich eine Ausweitung des Krieges nach China und den Einsatz von Atombomben gegen das Land und wurde dafür von Präsident Truman entlassen.
Die Amerikaner führten schließlich einen Bombenkrieg gegen Nordkorea, der das Land verwüstete und nach Schätzungen 500.000 bis eine Million Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte. 450.000 Tonnen Bomben, auch Napalm, wurden über Nordkorea abgeworfen. Im Jahr 1951 begannen auf Vorschlag der Sowjetunion erste Waffenstillstandsverhandlungen. Dass der Krieg sich weiter hinzog, war vor allem die Schuld Mao Tse-tungs, der im Streit über die Repatriierung von Kriegsgefangenen partout nicht nachgeben wollte.
Große Hungersnot zu Beginn der neunziger Jahre
Nach dem Korea-Krieg etablierte sich in Südkorea eine autokratische Regierung unter amerikanischem Schutz. Militärdiktatoren legten die Grundlagen zu einem wirtschaftlichen Aufbau des Landes. Südkorea stieg in den neunziger Jahren zu einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt auf. Doch zu einer echten Demokratie fand das Land erst Ende der achtziger Jahre.
In Nordkorea etablierte Kim Il-sung nach dem Ende des Krieges einen kommunistischen Staat nach sowjetischem Muster. Als sich die beiden Schutzmächte Nordkoreas, China und die Sowjetunion, über ideologischen Fragen entzweiten, nahm Kim Il-sung eine neutrale Position ein und propagierte seine „Juche-Ideologie“ der Unabhängigkeit. Gleichzeitig begann ein Personenkult um Kim Il-sung, der den um Stalin noch übertraf.
„Militär zuerst“
Dank der Verankerung im sozialistischen Wirtschaftssystem und Hilfsleistungen aus der Sowjetunion und auch aus der DDR ging es Nordkorea in den ersten Jahrzehnten nicht schlecht. Doch als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Gelder ausblieben und Märkte verfielen, begann der Niedergang des strikt planwirtschaftlich geführten Staates. Eine Naturkatastrophe endete zu Beginn der neunziger Jahre in einer großen Hungersnot. Seither leben die Nordkoreaner am Rand des Existenzminimums.
Nach dem Tod von Staatsgründer Kim Il-sung baute sein Sohn Kim Jong-il Nordkorea zu einem vom Militär beherrschten Staat aus. „Militär zuerst“ lautet die Devise, unter der Kim Jong-il regiert. Unter Hinweis auf eine angebliche Bedrohung Nordkoreas durch die Vereinigten Staaten werden der Bevölkerung weiterhin größte Opfer abverlangt, während alle Ressourcen in Militär und Rüstungsindustrie investiert wurden. Wichtigstes Pfand zum Überleben des isolierten Staates wurde das 1989 begonnene Atomprogramm Kim Jong-ils.
Die Bedrohung aus dem Norden ist nicht vergessen
Den Aufstieg Nordkoreas zur Atommacht sah auch der letzte Verbündete des Regimes, die Volksrepublik China, mit Unbehagen. Doch blieb Pekings offiziell bekundete Verpflichtung zu einer atomaren Abrüstung Koreas halbherzig. Zwar fungierte auf amerikanischen Druck hin Peking endlich als Gastgeber und Vermittler bei den Sechser-Gesprächen über Nordkoreas Atomprogramm, doch hält China das kommunistische Regime und Land weiterhin am Leben und weigert sich, wirksamen Druck auszuüben, auch wenn Nordkorea seinen Verpflichtungen nicht nachkommt oder, wie in diesem Jahr, mit Provokationen Spannungen schürt. China fürchtet einen Kollaps des Regimes und Instabilität, die zu Flüchtlingsströmen in China führen könnten. Eine Wiedervereinigung unter demokratischen Vorzeichen, die dann das amerikanische Einflussgebiet bis an die Landgrenze Chinas ausdehnt, will die chinesische Regierung vermeiden.
Vor dem 60. Jahrestag des Ausbruchs des Krieges war es vor allem Nordkorea, das daran erinnert hat, dass ein Friedensvertrag noch aussteht. Nordkoreas jüngste Bedingung für eine Rückkehr zu den Sechser-Gesprächen über sein Atomprogramm war im vergangenen Jahr ein Friedensvertrag mit den Vereinigten Staaten. Die amerikanische Regierung will solch einen Vertrag erst abschließen, wenn Nordkorea sein Atomprogramm beendet.
Von Seiten der südkoreanischen Regierung verpflichtete man sich zuletzt bei dem innerkoreanischen Gipfeltreffen des Jahres 2007 zu einer umfassenden Friedensvereinbarung. Doch seit Präsident Lee Myung-bak an der Regierung ist und die Entspannungspolitik beendet hat, ist davon nicht mehr die Rede. Präsident Lee hat die Bedrohung aus dem Norden nicht vergessen. Seine Rede an die Nation nach dem nordkoreanischen Angriff auf das südkoreanische Kriegsschiff Cheonan hielt er vor dem Mahnmal für die Opfer des Korea-Kriegs.
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