05.05.2008 · Die Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren war eine schlichte Zeremonie. Ein einig Volk hat er bis heute nicht
Von Michael Borgstede, Tel AvivEines war den Staatsgründern klar: Sofort nach der Unabhängigkeitserklärung würden die arabischen Nachbarstaaten dem neugeborenen Staat Israel den Krieg erklären. Da schien es eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme, die Zeremonie in den Saal des Kunstmuseums von Tel Aviv zu legen, der sich halb unter der Erde befand und deshalb bei Luftangriffen zumindest ein wenig Schutz geboten hätte.
Dass es ausgerechnet ein Museum war, wo an diesem Mainachmittag des Jahres 1948 der erste jüdische Staat seit 2000 Jahren gegründet werden sollte, barg allerdings unvorhergesehene Probleme: In letzter Minute mussten die Aktgemälde an den Wänden verhängt werden. Auch wollte man den noch ungeborenen Staat nicht gleich ruinieren: Das Budget für die Dekoration des Festsaals betrug genau 200 Dollar. Ein Teppichhändler aus der Nachbarschaft erklärte sich bereit, das eilig zusammen gezimmerte Podium kostenlos zu polstern. Hinter einem langen Tisch, an dem die Mitglieder der provisorischen Regierung sitzen sollten, hingen zwei israelische Flaggen von der Decke, dazwischen wurde ein Bild Theodor Herzls plaziert.
Der Charme des Provisoriums
So sah der Saal an diesem denkwürdigen Tag des Jahres 1948 aus, und genauso findet der Besucher ihn heute noch vor. Die Stühle der Staatsgründer stehen unverändert an ihrem Platz und sind mit Namensschildern versehen worden. Auf dem Tisch liegt der hölzerne Hammer, mit dem David Ben Gurion die Versammlung eröffnete, an dem Mikrofon vor seinem Platz hängt noch immer das Werbeschild des Tontechnikers, der ohne Bezahlung zwei riesige Aufnahmeapparate ins Museum gebracht hatte, um das Ereignis für die Nachwelt festzuhalten.
Hinter Glas kann man auch eine Kopie jener Schriftrolle mit den Unterschriften der Staatsgründer bewundern, deren Text Ben Gurion damals verlas. Den wenigsten Besuchern fällt auf, dass das handgeschriebene Dokument aus zwei Teilen besteht. Aus Zeitgründen konnte die Originalrolle nicht rechtzeitig zur Staatsgründung fertig gestellt werden. So verlas Ben Gurion die vorbereitete Erklärung von seinen handschriftlichen Notizen, unterschreiben mussten die Staatsgründer auf dem unteren Teil der Rolle. Nachdem auch der Text der Erklärung in Reinschrift fertig war, wurden die zwei Teile zusammengenäht. Der Charme des Provisoriums verlieh der Staatsgründung ein eigentümliches Pathos.
Am 14. Mai um 13. 50 Uhr trafen sich die Mitglieder des Staatsrates, um den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung zu beschließen. Ihnen blieben zwei Stunden bis zur Gründungszeremonie. Da brach in letzter Minute ein Konflikt zwischen den religiösen und säkularen Mitgliedern des Nationalrates aus. Denn während die Vertreter der religiösen Parteien darauf bestanden, Gott in dem Dokument zumindest zu erwähnen, sahen die sozialistisch-säkularen Zionisten dadurch ihr Recht auf Nichtgläubigkeit gefährdet. Mosche Schapira, ein gläubiger Realpolitiker, machte schließlich den rettenden Vorschlag: Man solle die Formulierung „Gott Israels“ einfach durch „Fels Israels“ ersetzen und jeder könne sich darunter vorstellen, was er wolle.
Kompromiss zwischen Säkularen und Religiösen
In absichtlicher Zweideutigkeit heißt es also in der israelischen Unabhängigkeitserklärung: „Mit Zuversicht auf den Fels Israels setzen wir unsere Namen zum Zeugnis unter diese Erklärung.“ Die Staatsgründung war gerettet - und eine bis heute andauernde Auseinandersetzung um den Charakter des jüdischen Staates zwischen säkularen und religiösen Juden hatte ihren ersten kuriosen Höhepunkt gefunden.
Pünktlich um 16 Uhr konnte Ben Gurion die „außerordentliche Sitzung“ eröffnen. Er brauchte 16 Minuten, um die 979 Wörter der Erklärung zu verlesen, ein Rabbiner rezitierte einen Segen. Dann unterzeichneten die 24 anwesenden Mitglieder des Staatsrates den Teil der Rolle, die der Kalligraph rechtzeitig fertigstellen konnte. Nach nur 33 Minuten erklärte Ben Gurion lapidar: „Der Staat Israel ist gegründet. Die Versammlung ist beendet.“ In siebeneinhalb Stunden, um Mitternacht, werde das britische Mandat offiziell enden.
Am nächsten Morgen ging ein alter Mann namens Samuel Brand in Israel an Land. Golda Meir beschreibt seine Ankunft in ihren Memoiren. Brand hatte das Konzentrationslager Buchenwald überlebt. Erschöpft nach der langen Seereise, betrat er das israelische Festland, einen zerknüllten Zettel in der Hand, darauf die Worte: „Das Recht, in Israel zu siedeln, ist hiermit erteilt.“
Einen israelische Prototyp gibt es nicht
Es war das erste Visum, das der neue Staat ausgestellt hatte; zahllose Einwanderer sollten Samuel Brand folgen; 100.000 Menschen kamen allein in den ersten sechs Monaten der Unabhängigkeit. Bis zum Ende des Jahres 1949 war die Bevölkerung um etwa 50 Prozent gewachsen. Drei Jahre nach der Unabhängigkeit waren doppelt so viele Neueinwanderer im Land wie vor der Staatsgründung. Heute leben mehr als sieben Millionen Menschen in Israel.
Diese Zahlen legen Zeugnis ab von einer einmaligen Erfolgsgeschichte, deuten aber zugleich auf das große Konfliktpotential dieses Staates hin. Denn die Einwanderer waren zwar alle Juden - doch damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Wie aus dem Menschengemisch ein israelisches Volk werden sollte, ist eine bis heute nur schwer zu beantwortende Frage. 60 Jahre nach seiner Gründung ist Israel so heterogen wie eh und je. Der Versuch, die verschiedenen jüdischen Bevölkerungsgruppen zu einer Einheit zu verschmelzen, ist fehlgeschlagen. Man könne eben nicht „zwei Marokkaner, zwei Russen und zwei Äthiopier“ einmal „gut durchschütteln“, um einen „israelischen Prototyp“ zu schaffen, sagt der ehemalige Arbeitspolitiker und frühere Vorsitzende der „Jewish Agency“, Abraham Burg.
Mosaik, nicht Schmelztiegel
Burg sieht in Israel keine Schmelztiegelgesellschaft, sondern eine Mosaikgesellschaft. Jeder ethnische Mosaikstein habe seine kulturelle Identität bewahrt. Das aber verursacht eine Menge ethnischer und sozialer Spannungen. Was passiert, wenn religiös motivierte Gesetzgebung die Rechte anderer beschneidet, fragen säkulare Juden seit langem und wehren sich gegen den Einfluss der Orthodoxen auf viele Bereiche des öffentlichen Lebens. Schwarze Juden aus Äthiopien, Siedler und Friedensaktivisten, Überlebende des Holocaust und nichtjüdische Einwanderer aus Russland - bei einer solchen kulturellen Vielfalt ist es vielleicht nur natürlich, dass die einen Juden den anderen Juden zu säkular sind oder zu orthodox, zu dunkelhäutig oder zu hell, zu araberfreundlich oder zu zionistisch.
Wenn Israel ein Mosaik ist, dann eines, in dem die einzelnen Steinchen sich ordentlich aneinander reiben. Das Bild, das sie gemeinsam formen, ist dann vielleicht kein besonders idyllisches, aber jedenfalls sehr lebendig und gerade deshalb ur-israelisch.
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