06.05.2008 · David Ben Gurion - "Übervater" der israelischen Unabhängigkeit / Von Wolfgang Günter Lerch
Von Wolfgang Günter LerchDie Weltgeschichte kennt viele berühmte Gründerväter - von George Washington bis zu Kemal Atatürk. Auch David Ben Gurion war ein solcher. Doch anders als die beiden Vorgenannten hatte er immer ein wenig die Aura des religiösen Patriarchen an sich. Dies war umso erstaunlicher, als er selbst - als ziemlich linker, stark marxistisch beeinflusster Zionist - überhaupt nicht religiös war.
Wer Ben Gurions einfaches Wohnhaus im Kibbuz von Sde Boqer in der Wüste Negev besucht, wer vor seiner großen Bücherwand verweilt, wer diesen im Grunde einfachen Lebenszuschnitt auf sich wirken lässt, weiß, dass hier ein Mann lebte, der zwei Haltungen miteinander zu verbinden wusste; er war Geistmensch und "Realpolitiker", Liebhaber Platons, der alttestamentlich-jüdischen Propheten und Tatmensch in einer Person; eine nicht einfache, manchmal sogar gefährliche Mischung. Auch sein bescheidenes, kastenförmiges Wohnhaus in Tel Aviv, an jenem Boulevard gelegen, der heute seinen Namen trägt, atmet diesen Geist.
Herzls Erbe
Als er am 14. Mai 1948 in einer improvisierten Sitzung im alten Museum Israels Unabhängigkeit ausrief, bekräftigte er formal, was ein anderer jüdischer Visionär, Theodor Herzl, ein halbes Jahrhundert zuvor im Geist geschaut hatte: die Schaffung von "Altneuland". Herzls Bild hing während der Proklamation fast überlebensgroß hinter ihm. Die Szene ist längst in die Geschichtsbücher eingegangen, keineswegs nur in die israelischen.
Wie so viele bedeutende Israelis der Gründergeneration stammte auch David Grün aus Osteuropa, aus der zu jener Zeit zu Russland gehörenden polnischen Kleinstadt Plonsk, wo er am 16. Oktober 1886 geboren wurde. Mit zwanzig, im Jahre 1906, kam der Zionist erstmals nach Palästina, arbeitete in der Pioniersiedlung Sejara (einem Vorläufer der Kibbuzim) und wurde später Redakteur des Parteiorgans Achdut der Arbeiterorganisation Poale Zion. 1909 war in Galiläa Degania A, der erste Kibbuz, entstanden; es gibt ihn noch heute.
Im Jahre 1910 schon änderte David Grün seinen Namen - nach David Ben Gurion, einem Juden, der im Jahre 70 n. Chr. zu den letzten verzweifelten Verteidigern Jerusalems gegen die Römer unter Kaiser Titus gehört hatte. Der Jurist Ben Gurion, der seit 1912 in Konstantinopel Rechtswissenschaften studiert hatte, besuchte zu Bildungszwecken und aus politischen Gründen mehrfach die alte europäische Heimat, bevor er sich endgültig in Palästina niederließ. Er freundete sich mit dem jungen Jetzhak Ben Zwi an, welcher der zweite Staatspräsident des unabhängigen Israel werden sollte.
Balfour-Deklaration für eine „jüdische Heimstätte“
Seit 1920 war Palästina britisches Mandatsgebiet; den östlichen Teil, jenseits des Jordan-Flusses gelegen (und deshalb Transjordanien genannt), ließen die Briten ihrem arabischen Verbündeten im Ersten Weltkrieg, dem Haus der Haschemiten von Mekka, zukommen, denn diese hatten an ihrer Seite gegen die Türken gekämpft. Emir Abdullah wurde erster Herrscher Transjordaniens, aus dem später Jordanien werden sollte.
1917 hatte London bereits in der Balfour-Deklaration versichert, es wolle sich für eine „jüdische Heimstätte“ in Palästina einsetzen. Bis heute betrachtet Israel dies als einen wichtigen völkerrechtlichen Schritt auf dem Wege seiner Staatwerdung, während die arabische Seite die Nichteinhaltung britischer Versprechungen aus derselben Zeit als Verrat kritisiert und die Deklaration als imperialistische Machenschaft ablehnt.
Als der schon bald (zusammen mit Chaim Weizmann) maßgebliche Mann im Jischuw, in der jüdischen Gemeinde in Palästina vor der Staatsgründung, musste sich Ben Gurion mit dem insbesondere seit 1926 anschwellenden arabischen Widerstand, mit der britischen Mandatsmacht, mehr und mehr jedoch auch mit zionistischen Gegnern herumschlagen. Angesichts der anwachsenden Gewalt, vor allem als Folge des arabischen Aufstandes von 1936-1939, wurde Londons Haltung zur Einwanderung von Juden zudem immer restriktiver. Dies ausgerechnet zu jener Zeit, da die Massenverfolgung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland zur Massenvernichtung zu werden begann.
Hoffen auf Einvernehmen mit den Arabern
Schon 1931 hatte Ben Gurions Auseinandersetzung mit Wladimir (Zeev) Jabotinsky, dem charismatischen Schöpfer des rechtszionistischen Revisonismus, der auf die Erlangung des gesamten Mandatsgebietes Palästina für den jüdischen Staat aus war und dafür den Kampf mit den Arabern in Kauf nahm, begonnen. Ben Gurion hingegen hoffte immer auf ein Einvernehmen mit der arabischen Seite. Jabotinsky, der den moderaten Zionisten immer „Unehrlichkeit“ vorwarf, starb schon 1940, fand jedoch in Menachem Begin und Avraham Stern, den Terrororganisationen Irgun Zwai Leumi und Lehi (von den Engländern als „Stern Gang“ bezeichnet), die in den vierziger Jahren blutige Attentate gegen Araber und Briten verübten, schärfere, brutalere Nachfolger, denen Ben Gurion sich freilich politisch stellte.
Der Fall „Altalena“ zeigte, wie sehr er gewillt war, sich mit den Radikalen im eigenen Lager anzulegen. Der Humanist in ihm lehnte deren bewaffnete Gewalttaten entschieden ab, doch der Tatmensch wusste, dass der Terror nicht ohne Auswirkungen bleiben konnte. Die britische Mandatsmacht gab 1947 entnervt auf. Der Weg für die Gründung des Staates Israel war frei, nachdem die Araber den Teilungsplan der Vereinten Nationen verworfen, der Jischuw ihn hingegen angenommen hatte.
Als erster Ministerpräsident des unabhängigen Israel und Führer der linken Arbeiterpartei preschte David Ben Gurion weit vor, als er zusammen mit dem ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer nach dem Jahrhundertverbrechen der Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten die Keime für eine Versöhnung mit der Bundesrepublik Deutschland und den Deutschen pflanzte. Ein nicht geringer Teil der Israelis konnte ihm damals nicht folgen, heute freilich zählt Deutschland zu den engsten Freunden Israels. Schimon Peres, ebenfalls aus Osteuropa stammend und nun greiser Staatspräsident des Landes, assistierte dem „Übervater“ in den Gründerjahren bei allen Plänen, das Land militärisch abzusichern.
Grundlagen gelegt für Israels Aufstieg
Unter Ben Gurions politischer Führung wurden jene Grundlagen gelegt, die das moderne Israel zu einer einzigen Erfolgsgeschichte gemacht haben; doch auch Kriege (Unabhängigkeitskrieg, die Suez-Krise) wurden geführt. Vor dem Sechstagekrieg warnte Ben Gurion, nicht mehr im Amt, eindringlich. Ben Gurions Vorstellung von einem vertraglich befriedeten Zusammenleben mit den Palästinensern ist nicht Wirklichkeit geworden. Eine Lösung des eigentlichen Konflikts liegt noch immer in weiter Ferne. Viele Araber sehen in ihm den Mit-, wenn nicht Haupturheber der „Nakba“, jener Katastrophe von Flucht und Vertreibung, die mehr als 700 000 Araber während des ersten arabisch-israelischen Krieges ihre Heimat kostete.
Die fortdauernde israelische Besatzung sowie die Siedlungspolitik haben den Konfliktknoten noch verfestigt. Seinen Lebensabend verbrachte der Staatsgründer zusammen mit seiner Frau Paula im Negev, wo er dem Geist der Wüste auf der Spur war, dem Geist der Patriarchen und Propheten. Am 1. Dezember 1973 ist David Ben Gurion im Patriarchen-Alter von 87 Jahren gestorben.