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50 Jahre Aufstand in Tibet Es begann mit einer sonderbar intimen Einladung

09.03.2009 ·  Mao hatte den strategischen Wert Tibets früh erkannt - und ließ dem Dalai Lama eine vergiftete Einladung zukommen. Der „Große Vorsitzende“ sah den Aufstand der Tibeter vor 50 Jahren weniger als Bedrohung denn als Chance. So ließen sich die politischen Verhältnisse grundlegend umwerfen.

Von Till Fähnders, Peking
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Ein Gerücht trieb die Tibeter auf die Straßen: „Die Chinesen wollen den Dalai Lama entführen!“ Die Nachricht hatte sich in Windeseile in jeden Winkel der tibetischen Hauptstadt verbreitet. Es stehe sogar schon ein Flugzeug bereit, mit dem die Chinesen den Dalai Lama aus Tibet wegschaffen wollten, munkelte die aufgebrachte Menge. Aus Sorge um ihren geistlichen und weltlichen Führer strömten die Einwohner Lhasas am Morgen des 10. März 1959 zum Nordbulinka-Palast, der Sommerresidenz des höchsten Mönchs im tibetischen Buddhismus. Sie wollten ihr Yeshe Norbu, ihr „kostbares Juwel“, vor den Besatzern beschützen.

In kürzester Zeit versammelten sich mehrere tausend Tibeter zu einem menschlichen Schutzschild. Sie wollten den erst 23 Jahre alten Dalai Lama daran hindern, einer „sonderbar intimen Einladung“ der Chinesen zu folgen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung seinerzeit schrieb. Das chinesische Militär hatte den Dalai Lama zu einer Tanz-Vorführung in ihr Hauptquartier gebeten. Den Berichten nach verlangte sie aber, dass er ohne seine Leibwächter, die ihn ständig begleiteten, zu der Vorstellung kommen sollte.

„Tibet gehört den Tibetern“

In kurzer Zeit hatte sich die Versammlung zu einem Aufstand ausgeweitet. Bald füllten sich die Straßen mit Spruchbändern und den verzweifelten Rufen der Tibeter: „Unabhängigkeit für Tibet“, „Tibet gehört den Tibetern“ und „Chinesen raus“. Die wütende Menge griff chinesische Funktionäre und ihre tibetischen Helfer an. Einen tibetischen Beamten der Militärkommission schlug sie mit Steinen zu Tode. Mitglieder der Leibwache des Dalai Lamas legten ihre chinesischen Uniformen ab und zeigten sich wieder in tibetischer Tracht. Waffen tauchten auf und wurden an die Menge ausgegeben. Ein Zusammenstoßen des chinesischen Militärs mit den Aufständischen schien unausweichlich.

Vor 50 Jahren begann der Aufstand der Tibeter

Doch die chinesische Führung des in vielen Kämpfen geschulten „Großen Steuermanns“ Mao Tse-tung ließ sich Zeit. Sie verstärkte die in Tibet stationierten Truppen und ließ die Soldaten ihre Geschütze und Maschinengewehre in Position bringen. Der Dalai Lama schrieb in seinen Erinnerungen später, er habe das Gefühl gehabt, zwischen zwei Vulkanen zu stehen, die jeden Augenblick ausbrechen könnten.

Am 17. März schlugen zwei Geschosse im Garten des Sommerpalastes ein, wo der Dalai Lama zu diesem Zeitpunkt festsaß. Er entschloss sich zur Flucht. Am Abend verließ er mit einer kleinen Schar von Begleitern, darunter einigen Mitgliedern seiner Familie, im Schutz der Nacht eilig den Palast. In einem Boot setzte die Gruppe im Dunkeln über den Fluss.

Die dramatische Reise führte über fast 3000 Meter hohe Pässe durch unwegsames Gelände in Richtung der indischen Grenze. Ende März schickte der Dalai Lama zwei Gesandte nach Indien, um dort um Aufnahme zu bitten. Denn in Lhasa hatten die chinesischen Truppen inzwischen ein Blutbad unter den Aufständischen angerichtet. Am 20. März waren die Kämpfe überall in der tibetischen Hauptstadt ausgebrochen.

Die Tibeter bauten Barrikaden, schaufelten Schützengräben und verschanzten sich in ihren Häusern. Doch sie hatten den chinesischen Truppen mit ihren modernen Haubitzen nichts entgegenzusetzen. Die Kanonen der Tibeter wurden damals noch von Mauleseln in Position gebracht.
Chinas Soldaten nahmen den Sommerpalast unter Beschuss, ihre Granaten legten Schulen, Häuser und Klöster in Schutt und Asche. Tausende verloren binnen weniger Tage ihre Leben. Mehr als 80.000 Tibeter sollen nach Angaben der Exilregierung, die bis heute im nordindischen Dharamsala ihren Sitz hat, bei den Kämpfen von chinesischen Truppen getötet worden sein.

Chinas „demokratische Reformen“

Nach der Niederschlagung des Aufstands rief die chinesische Militärführung die Auflösung der tibetischen Regierung aus.
Die damaligen Kommentatoren in Europa verglichen die Ereignisse mit dem Aufstand der Ungarn im Jahr 1956: „Von neuem wird die freie Welt Zeuge der unbändigen Kräfte, die in einem unterjochten Volk schlummern“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung.

Die Wut der Tibeter hatte sich gegen die Besatzungsmacht unter Mao Tse-tung gerichtet, die erstmals Ende 1950 aus der Provinz Sichuan in den Osten Tibets einmarschiert war. Mao hatte den strategischen Wert der Grenzregion zu Indien, Nepal und Bhutan früh erkannt. Der „Große Vorsitzende“ sah den Aufstand nun weniger als Bedrohung denn als Chance, die politischen Verhältnisse in Tibet grundlegend und womöglich schneller als geplant umwerfen zu können. In einem 1951 geschlossenen 17-Punkte-Abkommen, das auf den militärischen und politischen Druck hin von den Gesandten des Dalai Lamas in Peking unterzeichnet worden war, hatte die chinesische Führung die Landverteilung in Tibet zunächst noch aufgeschoben. Nun bot sich die Gelegenheit, die „demokratischen Reformen“ auch in Tibet voranzubringen. Die Chinesen fühlten sich außerdem als rechtmäßige Herren über das tibetische Hochland „seit uralten Zeiten“.

Doch das Gebiet im Himalaja war spätestens seit dem Ende des chinesischen Kaiserreiches 1911 de facto unabhängig gewesen. Schon wenige Jahre nach dem Einmarsch wuchs der Volkszorn gegen die chinesischen Besatzer, auch wenn einige Tibeter den Kommunisten zu Beginn durchaus positiv gegenüber gestanden hatten. Mitte der fünfziger Jahre waren nach exiltibetischen Angaben Hunderttausende Soldaten der Volksbefreiungsarmee in Tibet stationiert. Die örtliche Landwirtschaft war überfordert und die Lebensmittelpreise stiegen zum Leid der ansässigen Bevölkerung.

„Lächelnd und glücklich winkend“

1956 hatte Mao ein „Vorbereitungskomitee für die Autonome Region Tibet“ eingesetzt und in einigen Gebieten Osttibets wurden schon Landreformen durchgeführt. Im gleichen Jahr begannen Rebellen in Osttibet, sich gegen die Chinesen aufzulehnen. Tausende Tibeter flohen vor den Kämpfen und errichteten Camps vor den Toren der Hauptstadt Lhasa. Ende 1958 wuchsen auch dort und in den anderen tibetischen Regionen die Spannungen. Mao teilte mit, er halte den Ausbruch einer breit gefächerten Rebellion für möglich. Diese sollte für die Durchsetzung der Reformen genutzt werden.

Dem strategischen Kalkül des KP-Vorsitzenden mag geschuldet sein, dass dem Dalai Lama die Flucht aus Lhasa an den chinesischen Truppen vorbei bis nach Indien gelang. Jüngeren Interpretationen nach kam den Kommunisten das Verschwinden des Dalai Lamas nicht ungelegen. Krank und geschwächt erreichte der 14. Dalai Lama Ende März die Grenze zu Indien. Etwas später nahmen ihn dort hunderte Journalisten in Empfang.

„Lächelnd und glücklich winkend fuhr er an den wartenden Journalisten vorbei und stellte sich dann, über das ganze Gesicht lachend, den Fotografen, die die Polizeiabsperrungen durchbrachen, um möglichst nahe an seinen Wagen heranzukommen“, schrieb die F.A.Z. am 20. April. Bis heute wird das Bild des Dalai Lamas von der spektakulären Flucht aus Lhasa geprägt. Seither sind ihm Zehntausende Tibeter über die Berge in das indische Exil gefolgt.

Mehr über die Geschichte Tibets und Chinas erfahren Sie in unserer Zeitreise durch die chinesisch-tibetische Geschichte.

Näheres über das politische System Chinas finden Sie hier: Interaktive Grafik: Das politische System der Volksrepublik.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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