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Zehn Jahre nach 9/11 Stückwerk am Hindukusch

09.09.2011 ·  Das Problem hinter Al Qaida war Afghanistan. Das Problem hinter Afghanistan ist Pakistan. Das Epizentrum des Terrorismus ist nicht kleiner geworden, sondern hat sich verbreitert.

Von Jochen Buchsteiner
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Stationen einer Augustwoche im Jahr 2011: Am 14. des Monats vereitelte die indische Marine einen Piratenangriff und stellte dabei Material sicher, das einen Verdacht bestätigt: Somalische Piraten sind in Pakistan von der Terrorgruppe „Lashkar-e Taiba“ trainiert worden. Fünf Tage später sprengte sich ein Selbstmordattentäter vor dem schwer gesicherten Eingang des britischen Kulturinstituts in Kabul in die Luft; danach stürmten mehrere Taliban auf das Gelände und feuerten auf alles, was sich bewegte. Drei Tage danach flog eine amerikanische Drohne über Nord-Wasiristan und schoss eine Rakete ab, die den Operationschef von Al Qaida, Atiyah Abd al Rahman, tödlich traf.

Vordergründig haben die drei Ereignisse nichts miteinander zu tun, aber zusammengenommen geben sie eine Antwort auf die Frage, ob sich die Bedrohung aus der Region nach zehn Jahren Krieg vermindert hat: In der Region werden noch immer Terroristen und Kriminelle für den „Kampf gegen den Westen“ ausgebildet. Die Anschläge in der Region haben exorbitant zugenommen und sind professioneller geworden. Die Drahtzieher des transnationalen Terrorismus halten sich weiterhin in der Region auf.

Minimalziel erreicht

Seit sich abzeichnet, dass die Pläne für ein modernes, demokratisches Afghanistan zu scheitern drohen, sagen westliche Politiker, Diplomaten und Militärs, dass der Einsatz der Schutztruppe Isaf wenigstens sein Minimalziel erreicht habe: ein Afghanistan, das nicht mehr Brutstätte und Zufluchtsort für Terroristen ist. Als Beleg dienen der Erfolg beim Ausschalten von Extremisten und die Tatsache, dass es Al Qaida in den vergangenen sechs Jahren nicht mehr gelungen ist, einen spektakulären Anschlag in Amerika oder Europa zu verüben.

Das Argument steht auf schwachen Füßen. Die Stationierung von bis zu 130.000 Soldaten und der Aufbau einer Nationalarmee haben Afghanistan zweifellos verändert. Der Schutz, den Terroristen unter dem Taliban-Regime genossen und der im Oktober 2001 den internationalen Militäreinsatz rechtfertigte, ist nicht mehr gegeben. Die meisten ausländischen Terroristen sind aus Afghanistan geflohen und unterstützen den Kampf der Taliban überwiegend aus der Nachbarschaft. Als Erfolg lässt sich das kaum bezeichnen. Das Epizentrum des transnationalen Terrorismus hat sich nur verlagert – es ist nun weiter ostwärts zu Hause, vor allem in den pakistanischen Stammesgebieten.

Brennpunkt Pakistan

Allen Beteuerungen Islamabads zum Trotz leben heute nirgendwo so viele Terroristen wie in Pakistan. Fast alle bedeutenden Kommandeure von Al Qaida sind auf pakistanischem Boden gefasst oder getötet worden, vom Kuweiter Khalid Scheich Mohammed und dem Briten Scheich Omar über den Indonesier Umar Patek bis hin zu Usama Bin Ladin und zum Libyer Atiyah Abd al Rahman. Der neue Anführer von Al Qaida, der Ägypter Ayman al Zawahiri, wird ebenfalls in Pakistan vermutet, so wie die Anführer der großen pakistanischen Terrororganisationen mit internationaler Agenda, von der Lashkar-e-Taiba (LeT) bis zur Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Selbst die Führung der afghanischen Taliban ist irgendwo zwischen Quetta und Karachi untergetaucht – schon fast zehn Jahre lang. Die einzigen, die bestreiten, dass in Pakistan Terroristen unterschlüpfen, sind die Politiker und Generäle, die das Land führen.

Die frühere amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice begründete die Schwierigkeiten der Terrorbekämpfung einmal in zwei Sätzen: „Amerikas Strategie gegenüber Al Qaida funktionierte nicht, weil unsere Strategie gegenüber Afghanistan nicht funktionierte. Und unsere Strategie gegenüber Afghanistan funktionierte nicht, weil unsere Strategie gegenüber Pakistan nicht funktionierte.“ Dieser Aphorismus, den Frau Rice vor sieben Jahren zu Protokoll gab, hat die Zeit überdauert.

Washingtons Versuche, Pakistan zum Partner im Antiterrorkampf zu machen, scheitern bis heute. Schon Präsident Musharraf zeigte stets nur so viel Solidarität, dass Amerika sein Land nicht zum „Feindstaat“ erklärte. Trotz der fortschreitenden islamistischen Militanz, die längst die Grundfeste des Staates gefährdet, herrscht im politischen Islamabad – und mehr noch im Armeehauptquartier in Rawalpindi – die Auffassung vor, dass ein Bruch mit dem religiösen Extremismus den nationalen Interessen zuwiderliefe. Inzwischen ist die Militanz in Pakistan derart aus dem Ruder gelaufen, dass sie möglicherweise nicht einmal mehr mit gutem Willen eingedämmt werden könnte. Allein in der größten Stadt des Landes, Karachi, sind seit Anfang dieses Jahres mehr als 1000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen. Selbstmordanschläge nehmen Jahr für Jahr zu; mehr als 35 000 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren Opfer des Terrorismus geworden. Nicht einmal international gesuchte Terroristen müssen in Pakistan Verfolgung durch den Staat fürchten; Männer wie Hafis Said, der Gründer der „Tehrik-e-Taliban“, treten als gefeierte Prediger auf.

Mehr als 290 Drohnenangriffe

Präsident Obama hat die Politik gegenüber Islamabad schrittweise verschärft. Während das Verständnis für pakistanische Ausflüchte geschrumpft ist, wächst die Zahl der militärischen Operationen Washingtons – oft ohne Absprache. Die spektakulärste war die Kommandoaktion in Abbottabad, die am 2. Mai zur Tötung Usama Bin Ladins führte. Zu einem kriegerischen Grundrauschen sind die mehr als 290 Drohnenangriffe angeschwollen, die der amerikanische Geheimdienst seit 2004 geflogen hat. Sie haben sich zu einem umstrittenen, aber wirkungsvollen Instrument gegen die Terroristen entwickelt. Nur 52 Angriffe sind in den vier letzten Bush-Jahren angeordnet worden – nun bombardiert durchschnittlich alle vier Tage eine Drohne Ziele in den Stammesgebieten.

Wie viele Zivilisten unter den rund 2300 Drohnen-Toten seit 2004 gewesen sind, lässt sich schwer sagen. Als sicher gilt, dass 126 namentlich bekannte Kommandeure von Al Qaida sowie der pakistanischen und afghanischen Taliban von Drohnen ausgeschaltet wurden. Nach Angaben der amerikanischen Regierung sollen in den vergangenen Jahren insgesamt mehr als 2000 militante Extremisten durch Drohnen getötet worden sein.

Terror gegen die Isaf und die afghanische Armee

Der Einsatz moderner Kriegstechnik in Pakistan sowie das Truppenengagement in Afghanistan haben den Druck auf die Terroristen erhöht. Zugleich erkennen Fachleute aber auch einen Rekrutierungseffekt. Die Zahl gewaltbereiter Islamisten ist in den vergangenen zehn Jahren trotz der hohen Verluste gestiegen. Viele von ihnen sind derzeit im Kampf gegen die Isaf und die afghanische Armee gebunden. Dass sie nach dem Abzug der Nato die Waffen niederlegen, ist nicht mehr als eine Hoffnung.

In Pakistan machen Extremisten-Gruppen wie die TTP keinen Hehl daraus, dass sie die Errichtung eines nationalen Gottesstaates nur als Etappe verstehen. Danach will die Organisation mit Sitz in den Stammesgebieten das Nachbarland Indien ins Visier nehmen. Die im Punjab beheimatete LeT versucht Indien schon seit Jahren mit Terror zu destabilisieren. Sollte der militärische Druck auf die Extremisten nachlassen, ist zu befürchten, dass wieder kampfeswillige Dschihadisten in die Region strömen. Die Infrastruktur der pakistanischen Ausbildungslager ist weitgehend intakt geblieben.

Auszuschließen ist auch nicht, dass Afghanistan seine verlorengegangene Funktion als sicherer Hafen für Terroristen wiedererlangt. Forscher halten nach dem Abzug der Nato einen abermaligen Bürgerkrieg für möglich. Sollten die Taliban daraus wie schon in den neunziger Jahren als Sieger hervorgehen, könnten sie für jene, die ihren Sieg mit herbeigebombt haben, wieder ein Zelt aufschlagen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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