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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zehn Jahre danach Wie 9/11 die Welt verändert hat

 ·  Das Jahrzehnt des Antiterrorkampfes, das am 11. September 2001 begann und am 2. Mai 2011 mit der Tötung des Al- Qaida-Anführers Bin Ladin endete, war für die Vereinigten Staaten ein verlorenes Jahrzehnt. Amerika hat seine militärischen Kräfte stark beansprucht, vielleicht sogar überdehnt.

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Al Qaida beziehungsweise dessen Vorläufer hatten ihr Terrorunwesen schon früher getrieben, im Jemen, in Ostafrika, wo amerikanische Einrichtungen das Ziel waren, und natürlich in Afghanistan und in Pakistan. Und tatsächlich gab es bereits 1993 einen Anschlag auf das World Trade Center in New York, bei dem Menschen zu Tode kamen. Aber es war der monströse Massenmord an einem sonnigen Spätsommermorgen, der sogenannte „Angriff auf Amerika“, welcher der ganzen Welt im Allgemeinen und der amerikanischen Bevölkerung im Besonderen die scheinbar neue Gefahr des islamistischen Terrorismus vom einen auf den anderen Augenblick auf verheerend-spektakuläre Weise vor Augen führte. Nach dem 11. September 2001 wurde nicht alles anders, aber vieles. Auf einigen Feldern der Politik blieb kein Stein mehr auf dem anderen; das gilt insbesondere für die Vereinigten Staaten.

Seit jenem Tag sind der islamistisch inspirierte Terrorismus und seine Bekämpfung Gegenstand internationaler und innerstaatlicher Politik, zumal es in dem folgenden Jahren zu weiteren schweren Anschlägen von Al Qaida oder von mit diesem Netzwerk verbundenen Gruppen gekommen ist: zum Beispiel am 12. Oktober 2002 auf Bali, am 11. März 2004 in Madrid, am 7. Juli 2005 in London. Hunderte Menschen kamen dabei um, Tausende starben bei Anschlägen in der muslimischen Welt - und sterben noch heute.

Als Konsequenz aus institutioneller Rivalität und bürokratischer Immobilität wurden die Sicherheitsapparate in westlichen Ländern neu organisiert, ganz besonders in den Vereinigten Staaten. Dort wurde eine Behörde mit umfangreichen Zuständigkeiten für „Homeland security“ geschaffen. Die Sicherheitsbehörden wurden mit neuen Kompetenzen und mit vergleichsweise üppigen Ressourcen ausgestattet nach dem Motto „Sicherheit geht vor“. Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus - der Begriff wurde immer wieder kritisiert, weil man nicht gegen „Methoden“ kämpfen könne - rückte auf der politischen Prioritätenleiter westlicher und nichtwestlicher Staaten ganz nach oben. Das bedeutete aber auch, dass dem Islam, genauer: dem politischen Islam und den Formen seiner islamistischen Radikalisierung, und seiner politisch-gesellschaftlichen Prägekraft eine weitaus größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde als in der Vergangenheit; das hat auch zu Übertreibungen, etwa was den Eingriff in die Privatsphäre der Bürger und in ihre Rechte anbelangt, geführt.

Slideshow: 11. September - Und plötzlich herrscht Stille

Waren die Taten am 11. September 2001 ungeheuerlich, so waren die Folgen des „Angriffs auf Amerika“ nicht weniger dramatisch. Unter Präsident George W. Bush intervenierten die Vereinigten Staaten militärisch in Afghanistan und stürzten das Regime der Taliban binnen weniger Wochen. Im März 2003 marschierten amerikanische (und britische Streitkräfte) im Irak ein. Selbst wenn der Krieg gegen den Irak damit begründet und gerechtfertigt wurde, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge - demokratie- und modernisierungspolitische Argumente wurden nachgereicht -, so hätte es ihn nicht ohne das Geschehen des „11. September“ gegeben, den direkten Angriff auf das kommerzielle und politisch-militärische Herz Amerikas.

Der Irak-Krieg, bei dem die Vereinigten Staaten ihre große militärische und militärtechnologische Überlegenheit demonstrierten, führte zu einem beispiellosen innerwestlichen Zerwürfnis; europäische Regierungen, zum Beispiel die Bundesregierung, die gut eineinhalb Jahre zuvor noch uneingeschränkte Solidarität bekundet hatte, verweigerten die Gefolgschaft und bildeten ein Widerlager im UN-Sicherheitsrat.

Erst unter Obama gelang die Aussöhnung

Der amerikanische Unilateralismus, das völkerrechtlich höchst kontroverse Vorgehen im Irak sowie das Beharren auf dem Recht zur Präemption auf der einen Seite und der offene Widerspruch und der Versuch der Gegenmachtbildung, zu dem sich Nato-Partner mit Russland zusammentaten, auf der anderen hinterließen eine große Bitterkeit. In der Folge sahen sich die Vereinigten Staaten in der arabisch-muslimischen Welt zunehmend diskreditiert; die politisch-kulturelle Entfremdung im Verhältnis zu den europäischen Bündnispartnern war, gut ein Jahrzehnt nach Ende des Kalten Kriegs, offenkundig und nicht zu leugnen. Die intensive Zusammenarbeit der Geheimdienste blieb von diesem Zerwürfnis der Regierungen aber ausgenommen. Erst unter Bushs Nachfolger Barack Obama gelang zumindest mit den Europäern die Aussöhnung. Dessen Sprache und Stil unterscheiden sich erheblich von der seines Vorgängers; in der Substanz hat Obama vielfach die Politik fortgesetzt, die George W. Bush während seiner zweiten Amtszeit verfolgt hatte. Der - mehr atmosphärische - Neuanfang mit Europa ändert(e) aber nichts an der grundlegenden Änderung in der Ausrichtung der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik: weg von Europa, hin zum Mittleren Osten und zum asiatischen Raum.

Zu den unmittelbaren Folgen des „11. September“ gehört die Intervention in Afghanistan mit dem Ziel, dem Al Qaida-Netzwerk die Operations- und Trainingsbasis zu nehmen durch den Sturz des Taliban-Regimes. Dieses Ziel, den Sturz der Taliban in Kabul, wurde binnen weniger Wochen erreicht. Aber wer hätte gedacht, dass westliche Truppen auch zehn Jahre später noch in großer Zahl am Hindukusch präsent sein würden, unter Hinnahme großer Opfer und mit dem Eingeständnis, dass die Taliban nicht ausgeschaltet sind und beachtliche Teile des Landes noch immer nicht befriedet? Kein verantwortlicher Politiker im Westen hätte sich am 10. September 2001 vorstellen können, dass der erste große Kriegseinsatz der Atlantischen Allianz unter Einschluss von Bodentruppen das Bündnis nach Afghanistan führen würde. „Out of area“ und das gleich am Hindukusch - das war und ist letztlich die Akzeptanz der Tatsache, dass die Abwehr der Bedrohung westlicher Sicherheitsinteressen nicht mehr den alten politischen und mentalen Beschränkungen des Kalten Kriegs unterliegt, sondern dass den Gefahren dort entgegengetreten wird, wo sie entstehen.

Engagement in Afghanistan wird fortgesetzt

Der Abzug der Kampftruppen aus Afghanistan soll Ende 2014 weitgehend abgeschlossen sein. Aber anders als im Fall des Irak, den die Amerikaner nach einer Übereinkunft mit der Regierung in Bagdad von 2008 Ende dieses Jahres vollständig verlassen haben werden, wird das Engagement in Afghanistan über das Jahr 2014 hinaus fortgesetzt - politisch, entwicklungspolitisch und auch militärisch. Die Nato will sicherstellen, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage sind, eine militärische Rückkehr der Taliban zu verhindern. Das ist eine Aufgabe und eine Hinterlassenschaft, von der man sich nicht dispensieren darf. Diese Lektion haben die Nato-Staaten mutmaßlich gelernt, selbst wenn ihre Bevölkerungen das skeptisch sehen: Afghanistan radikalen Kräften zu überlassen, kann tödlich sein.

Diese Lektion trifft im Grund auch auf Pakistan zu, das sich radikaler islamistischer Kräfte erwehren muss. Vor allem die Vereinigten Staaten hatten das Nachbarland Afghanistans verstärkt in den Fokus genommen. Bush stellte den damaligen Machthaber Musharraf vor die Alternative, mit den militanten Kräften zu brechen oder von Washington auf eine Stufe mit Al Qaida und Taliban gestellt zu werden. Bushs Nachfolger Obama weitete insbesondere den Einsatz von Drohnen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aus. Das amerikanisch-pakistanischen Verhältnis ist noch komplizierter und noch schlechter als vor zehn Jahren, auch deshalb, weil Teile des pakistanischen Sicherheitsapparates entgegen aller Beteuerungen eben nicht mit den radikalen Islamisten gebrochen haben. Dass Usama bin Ladin bis zu seiner Tötung Anfang Mai dieses Jahres offenbar unbehelligt in der Garnisonsstadt Abbottabad leben konnte, wurde in den Vereinigten Staaten mit ungläubiger Empörung aufgenommen. Den Einsatz eines Sonderkommandos hatte die Regierung Obama dem pakistanischen Partner vorsichtshalber nicht mitgeteilt. Ein vertrauensvolles Verhältnis unter Partnern mit den gleichen strategischen Zielen sieht anders aus. Pakistan bleibt ein „Verbündeter“, der mindestens so sehr Teil des Problems ist wie ein Teil der Lösung. Die Attraktivität des Islamismus scheint dort, anders als in den Ländern der sogenannten „Arabellion“, jedenfalls noch zuzunehmen.

Ernste Belastungsprobe für das amerikanisch-saudische Verhältnis

Die Anschläge vom „11. September“ haben auch das amerikanisch-saudische Verhältnis auf eine ernste Belastungsprobe gestellt - auch, aber nicht nur, weil viele der Attentäter saudische Staatsbürger waren und Bin Ladin saudischer Herkunft ist. Die Terrorangriffe rückten vielmehr das Islamismus-Mäzenatentum Saudi-Arabiens insgesamt in das Blickfeld. Saudi-Arabien, der wichtigste Ölexporteur und „eigentlich“ amerikanischer Sicherheitsklient am Persischen Golf, war eines der wenigen Länder, die diplomatische Beziehungen zu den Taliban in Afghanistan unterhielten. Der Export und die Förderung des strengen saudischen Wahhabismus - und die Finanzierung radikaler Islamisten - rächten sich auf furchtbare Weise. Aber erst als sich der militante Islamismus in Saudi-Arabien selbst entlud und die herrschende Familie der Al Saud wegen ihrer Verbindungen zu den Vereinigten Staaten von Al Qaida zum legitimen Ziel des Terrors erklärt wurde, begriff die Führung den Ernst der Lage und ergriff drastische innenpolitische Maßnahmen.

Was für Pakistan gilt, gilt in gewisser Weise auch für das Wüsten-Königreich: Es ist Teil des Problems und Teil der Lösung. Während die amerikanische Öffentlichkeit verstört bis wütend auf die Beteiligung saudischer Staatsbürger an den Anschlägen reagierte, hielt sich die Regierung Bush mit öffentlicher Verurteilung zurück. Druck wurde eher hinter den Kulissen ausgeübt. Immerhin konnte Saudi-Arabien die Demokratie- und Freiheitsbegeisterung Bushs und seiner Außenministerin Rice als Misstrauenserklärung deuten: Amerika habe während vieler Jahrzehnte um der Stabilität in der Region willen auf die Förderung von Demokratie verzichtet, bekommen habe es weder das eine noch das andere, hatte Frau Rice 2005 in Kairo gesagt. Das war der rhetorische Höhepunkt der „Greater Middle East Initiative“ Bushs, aus der nicht viel geworden ist. Erst Aufruhr und Erhebung gegen Autokraten und Despoten in der arabischen Welt zu Beginn dieses Jahres haben das Thema „wiederbelebt“.

Am 11. September 2001 wurde Amerika direkt angegriffen; die politische und psychologische Wirkung war vergleichbar mit dem Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941. Die Konsequenzen waren gravierend, aber denn doch nicht so, wie es die Wortwahl vom neuen „Dritten Weltkrieg“ gegen den islamistischen Terrorismus suggeriert. Immerhin haben die Vereinigten Staaten in den folgenden Jahren Hunderttausende Soldaten in den Krieg geschickt, nach Afghanistan und in den Irak. Im Innern wurde eine neue Sicherheitsarchitektur entwickelt. Die amerikanischen Sicherheitsbehörden können es sich als Erfolg anrechnen, dass es keine Anschläge mehr von außen gab - Fälle von „Home grown terrorism“ gab es allerdings - und dass die Attentatsversuche, die bekannt geworden sind, dank optimierter polizeilicher und geheimdienstlicher Zusammenarbeit vereitelt wurden.

Multipolare Welt ist empirische Realität

Es bleibt das ungute Gefühl, dass das Jahrzehnt des Antiterrorkampfes das am 11. September 2001 begann und am 2. Mai 2011 mit der Tötung des Al Qaida Anführers Bin Ladin endete, für die Vereinigten Staaten ein verlorenes Jahrzehnt war. Der unipolare Moment und die imperiale Machtentfaltung endeten im irakischen Wüstensand und in den Schluchten des Hindukusch. Amerika hat seine militärischen Kräfte stark beansprucht, vielleicht sogar überdehnt.

Zusammengenommen, hat der Kampf gegen den Terror und die Kriege, die dem Land aufgezwungen worden sind und die es selbst gewählt hat, bis heute Unsummen verschlungen und tiefe Löcher in die Staatskassen gerissen. In der Zwischenzeit ist China, der große Rivale der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert, der größte Gläubiger Amerikas geworden und zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Die multipolare Welt ist heute viel mehr empirische Realität als vor zehn Jahren. Heute ringt Amerika vor allem damit, die Kontrolle über seine Staatsfinanzen wiederzugewinnen.

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Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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