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Al Qaida Der Glanz ist erloschen

10.09.2011 ·  Repression hat Al Qaida geschwächt, die Arabellion hat die Terroristen marginalisiert. Heute spricht die Organisation keine Massen mehr an. Sie gehört zu den Verlierern des Jahrzehnts.

Von Rainer Hermann
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Al Qaida hatte am 11. September 2001 den Zenit erreicht. Zwar verübte das Terrornetz weitere Anschläge. Seine Anziehungskraft in der arabischen Welt ließ jedoch in drei Etappen nach. Heute spricht Al Qaida keine Massen mehr an, sondern operiert nur noch in Rückzugsgebieten, vor allem im Jemen. Im vergangenen Jahrzehnt war es für militante islamistische Bewegungen in der arabischen Welt zunehmend schwierig geworden, Nachwuchs zu rekrutieren: Gewaltfrei Politik zu betreiben, erwies sich wirksamer als das Ermorden von Menschen und das Sprengen von Gebäuden.

Drei Rückschläge

Ein erster Rückschlag für Al Qaida und ihre Anhänger war, dass die Anschläge nicht den Aufbau einer politischen Ordnung nach ihren radikalislamischen Vorstellungen einleiteten. Im Gegenteil: Die Muslime nahmen die Folgen des Terrors als eine Katastrophe für ihre Welt wahr. Erst wurde Afghanistan besetzt, dann der Irak. In der arabischen Welt geriet – außer Saddam Hussein – kein Despot ins Wanken, und die Lage der Palästinenser verbesserte sich nicht.

Zweitens konnte Al Qaida das ideologische Vakuum in der arabischen Welt nicht füllen. Die beiden säkularen Leitideologien – der arabische Nationalismus und der arabische Sozialismus – mobilisierten schon lange nicht mehr; lediglich der politische Islam hatte mit einer Bandbreite, die von der sozialen Gerechtigkeit bei Gemäßigten bis zur Errichtung eines islamischen Staats bei Fundamentalisten reicht, einen konstruktiven ideologischen Diskurs entwickelt. Die Rhetorik der Al-Qaida-Führer beschränkte sich indes auf Hass gegenüber dem Westen, besonders gegen die Vereinigten Staaten. „Al Qaida ist lediglich eine Stimme des Protests und der Rache gegen den Westen geblieben“, sagt daher der ägyptische Politikwissenschaftler Amr Elchoubaki.

Aus einem dritten Grund gehört Al Qaida zu den Verlierern des vergangenen Jahrzehnts. Die amerikanische Kriegspolitik schwächte Al Qaida spürbar – die Arabellion machte das Terrornetz und andere militante islamistische Gruppen nahezu irrelevant. Nichts hatte sich in Ägypten verändert, nachdem 1981 islamistische Extremisten, aus deren Umfeld Al Qaida entstand, in Kairo Staatspräsident Sadat getötet hatten. Das Regime blieb intakt, an Sadats Stelle trat Mubarak. 2011 indes stürzten friedliche Demonstranten Mubarak in nur 18 Tagen. Die Lektion lautete, dass man durch gewaltfreien Widerstand und politischen Aktivismus mehr erreichen könne als mit Terror. „Die Demonstranten erkannten, dass sie das System gewaltfrei ändern können“, sagt Elchoubaki. Den Rache-Dschihadisten entzogen sie den Boden.

Vielfalt der islamistischen Bewegung

Die jungen Aktivisten hätten erkannt, so der Politologe, „dass sie mit ihrem neuen Ansatz gegenüber den Vereinigten Staaten nicht länger als Erfüllungsgehilfen aufzutreten brauchen und gegenüber Israel kritisch sein können, ohne einen Krieg anzuzetteln“. Die Änderungen führen dazu, dass selbst extremistische Gruppen wie die Gamaat al Islamiyya, die in den neunziger Jahren viele blutige Terroranschläge in Ägypten verübt hatten, in dem neuen Umfeld erstmals politische Parteien gründen und sich an der politischen Debatte beteiligen. Die Gamaat al Islamiyya äußern sich heute über die politische „Partei des Friedens und der Entwicklung“. Die zwar weniger gewaltbereiten, aber ebenso radikalen Salafisten haben in Ägypten bereits zwei politische Parteien gegründet. Nach Mubaraks Sturz wenden sich die extremistischen Islamisten also nicht wieder dem Dschihad zu, sondern gründen Parteien und werden zu Akteuren einer demokratischen Öffnung.

Natürlich stellen sie eine Gefahr für eine Demokratie dar, die Freiheiten und Menschenrechte sichern will. Nun können sie aber mit demokratischen Mitteln bekämpft werden. Elchoubaki glaubt daher nicht, dass sie Wahlen als Hintertür für die Errichtung eines autoritären Staates nutzen könnten. Das sei so unwahrscheinlich wie eine Machtübernahme der extremen Rechten in Europa.

Die sich abzeichnende Demokratie lässt bereits die Bandbreite der vielfältigen islamistischen Bewegung sichtbar werden. „In autoritären Regimen werden alle als Islamisten zusammengefasst“, berichtet Gamal Abdalgawad Soltan, der Direktor des Ahram-Zentrums für politische und strategische Studien in Kairo. Das Spektrum in Ägypten reicht aber von der gemäßigten Wasat-Partei, die sich die türkische AKP zum Vorbild nimmt, über die Muslimbrüder bis hin zu den Salafisten, die von Saudi-Arabien inspiriert werden, und der Gamaat al Islamiyya, die dem Terror abgeschworen hat.

Wirtschaftlicher Aufschwung und demokratische Erfahrungen

Nur wenige Fachleute nehmen die Behauptungen des Libyers Gaddafi (vor seinem Sturz) und des Syrers Assad ernst, dass Al Qaida oder andere Formen des extremistischen Islams nach ihrem Sturz das Vakuum füllen würden. In Syrien werden die Muslimbrüder eine politische Rolle spielen, Al Qaida aber nicht. Zwar war der frühere Dschihadist Abdulhakim Belhadsch einer der militärischen Führer bei der Eroberung von Tripolis. Aber amnestiert wurde er von einem Sohn Gaddafis. Im Jemen profitiert Al Qaida vom politischen Vakuum als Folge des Machtkampfs und von der großen Armut. Trotz der Schwäche des Staats kann aber die Armee Al Qaida und anderen Dschihadistengruppen schmerzliche Schläge versetzen. Al Qaida verübt im Jemen sogar weniger Anschläge als noch vor einigen Jahren, als der jemenitische Staat weitgehend intakt war.

Der Krieg gegen den Terror war ein Faktor, der zur Mäßigung des Islamismus beitrug, das Vorbild der Türkei ist ein weiterer. Eine arabische AKP ist zwar, bis auf die Wasat-Partei in Ägypten, nirgends entstanden. Denn der türkische Islam konnte sich im Rahmen einer demokratischen Ordnung mit einer Trennung von Religion und Politik entwickeln. Selbst die Verfassung Ägyptens unter Mubarak hatte aber die Scharia als „die Hauptquelle für die Gesetzgebung“ genannt. Aber der Erfolg der Türkei, die seit einem Jahrzehnt von einer Partei regiert wird, die sich auch über den Islam definiert, strahlt in die arabische Welt aus. Attraktiv sind die demokratischen Erfahrungen und der wirtschaftliche Aufschwung. In dem Maße, wie im vergangenen Jahrzehnt Al Qaida Prägekraft über die arabischen Muslime verloren, ist daher die Türkei zu einem neuen Maßstab geworden.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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