Es vergeht bis kein Tag, an dem Ken George nicht an den 11. September 2001 erinnert wird. Dafür sorgt schon der Cocktail von 33 Pillen, den er täglich einnimmt. Ein halbes Dutzend Antidepressiva, dazu ein Arsenal von Medikamenten für sein angeschlagenes Herz und seine kranke Lunge. Die Leiden führt George auf seinen Einsatz als Helfer bei den Aufräumarbeiten am „Ground Zero“ zurück. „Ohne die Pillen wäre ich bald tot“, sagt der 47 Jahre alte Mann. Nicht, dass er nun damit rechnet, alt zu werden: „Wenn ich Glück habe, schaffe ich es bis 55.“ Oder ist „Glück“ das falsche Wort? Manchmal fragt sich George, ob es anstelle seiner langen Krankengeschichte besser gewesen wäre, schnell zu sterben, so wie die vielen Menschen, deren Leichenteile er damals eingesammelt hat.
Auch für Carolyn Brown ist 9/11 ein täglicher Begleiter. Sie hat an dem Tag ihren Bruder Patrick verloren. Er war als Feuerwehrmann im World Trade Center. Nach allem, was man weiß, befand er sich im vierzigsten Stock des Nordturms, als der einstürzte. Carolyn vermisst ihren „großen, coolen Bruder“, der 48 Jahre alt geworden ist. Sie hält die Erinnerung mit einer nach ihm benannten Stiftung aufrecht, mit der sie Geld für Militärangehörige sammelt. So kämpft sie gegen das Vergessenwerden. Sie fürchtet, dass der zehnte Jahrestag eine Zäsur wird. Dass die Leute nun geneigt sind, die Schreckensereignisse von damals in ihren Köpfen abzuhaken. „Deshalb rede ich jetzt mit jedem, der etwas über meinen Bruder wissen will. Ich habe Angst, dass bald keine Fragen mehr kommen.“
Zwischen Alltag und Erinnerung
Natürlich ist New York schon lange zum Alltag zurückgekehrt. Aus der Erstarrung nach den Angriffen hat sich die pulsierende Metropole längst gelöst. Der wirtschaftliche Schock wurde überwunden, jedenfalls bis 2008 die Finanzkrise einen neuen Rückschlag brachte. Als Touristenziel ist New York beliebter als je zuvor. Der geschundene Südteil von Manhattan ist als Wohnviertel im Kommen. Im lange klaffenden Loch am „Ground Zero“ gibt es Fortschritte, der Nachfolger für die Zwillingstürme des World Trade Center nimmt rasant Gestalt an. New York hat sich erholt, in vielerlei Hinsicht herrscht Normalität. Es ist „business as usual“. Oder vielleicht doch nicht?
Der 11. September 2001 hat nämlich Spuren hinterlassen, bis heute. Nicht nur bei Ken George, Carolyn Brown und den vielen anderen unmittelbar Betroffenen. Nicht wenige Einheimische sind überzeugt, dass der Angriff die Stadt auf Dauer verändert habe. Die Sorglosigkeit, die New York in den neunziger Jahren gekennzeichnet hat, kam nach den Anschlägen nie wieder zurück. Es herrscht eine latente Alarmbereitschaft, die sich vor allem in Extremsituationen zeigt, wie beim Stromausfall 2003 oder unlängst bei dem Erdbeben. Die neue, nüchterne Realität lässt sich an den seit 2001 verschärften Sicherheitsvorkehrungen ablesen, von den allgegenwärtigen Überwachungskameras bis zu gelegentlichen Taschenkontrollen in der U-Bahn.
„Die Wunde ist für viele New Yorker bis heute nicht verheilt. Selbst wer nicht direkt betroffen war, kennt Geschichten von anderen, die ihn berührt haben“, sagt Susan Olupitan. Für die Büroangestellte ist die Erinnerung noch frisch. Am Abend des 11. September 2001 stand sie an der Brooklyn Promenade, so wie viele andere New Yorker, die von hier einen direkten Blick auf das Unfassbare haben wollten. „Es sah aus wie ein Feuerball in der Nacht“, sagt sie. Frau Olupitan vermisst die gefallenen Türme: „Ich habe sie noch immer vor meinem geistigen Auge, wenn ich in die Richtung schaue.“ Ihr Lebensgefährte Clayton Broomes ist mit den Türmen aufgewachsen: „Ich habe sie als Kind immer durchs Fenster gesehen, zu Hause und in der Schule. Sie waren vielleicht nicht hübsch, aber sie kamen mir immer spektakulär vor.“ Für ihn bleibt bis heute eine Lücke. „Bevor der Schmerz in der Stadt wirklich nachlässt, muss erst einmal eine Generation nachwachsen, die die Türme gar nicht mehr gekannt hat.“
Betroffene sind heute andere Menschen
Für Menschen, die wie Ken George mit den psychischen und physischen Spätfolgen kämpfen, bestimmt der Tag, an dem Amerika angegriffen wurden, bis heute das Leben. George, damals ein Angestellter des städtischen Verkehrsamts, ging am folgenden Tag als einer von vielen freiwilligen Helfern zum Ground Zero. Seine Aufgabe war es, sterbliche Überreste von Opfern zu bergen, die er dann in eine provisorische Leichenhalle brachte. Angehörige drückten ihm Fotos von Vermissten in die Hand, aber er konnte niemanden lebend herausholen. Er hätte auch kaum Tote identifizieren können, denn er fand hauptsächlich einzelne Körperteile. Wochenlang roch er Verwesung. Bis heute klingt ihm der penetrante Piepton in den Ohren, der von den Alarmgeräten der toten Feuerwehrleute kam. Der Ton wird aktiviert, wenn der Träger des Geräts sich nicht mehr bewegt. Zirpende Grillen erinnern George an diese Geräuschkulisse. „Wenn ich auf meiner Terrasse Grillen höre, muss ich ins Haus gehen.“
Wie viele andere Helfer arbeitete auch George lange Zeit ohne Atemschutzmasken, setzte sich Rauch und giftigen Substanzen aus. Bald hatte er den „9/11-Husten“, so wie viele Kollegen und manche Anwohner. Der Husten hörte nicht auf, als George im Februar 2002 seinen Einsatz beendete. Im Lauf der Zeit wurde daraus eine schwere Erkrankung der Atemwege, die irgendwann sein Herz in Mitleidenschaft zog. 2006 musste er in Rente gehen, der Zustand von Herz und Lunge hat sich weiter verschlechtert. Aussichten auf Heilung hat er nicht.
Die Regierung kämpft seit 9/11 gegen den Terror. Helfer wie George kämpfen um ihre Gesundheit – und um Geld. Erst Ende 2010 hat der Kongress nach langem Streit der Parteien ein Gesetz verabschiedet, das finanzielle Entschädigung und die Übernahme von Behandlungskosten für erkrankte Helfer vorsieht. Nicht jedem ist damit geholfen. Krebskranke blieben unberücksichtigt. Obwohl es eine verdächtige Häufung von Krebsfällen unter Helfern gibt, sieht die Regierung bislang den Zusammenhang nicht als erwiesen an.
„Ich war auf Dutzenden Begräbnissen“
Für John Feal, der eine Stiftung zur finanziellen Unterstützung von erkrankten Helfern mit dem Namen „Fealgood Foundation“ gegründet hat, ist das ein Rätsel. „Ich war auf 51 Beerdingungen von Helfern, die an Krebs gestorben sind.“ Mehr als ein Dutzend dieser Begräbnisse hat seine Stiftung bezahlt.
Auch für Carolyn Brown dreht sich seit dem Tod ihres Bruders das Leben um den 11. September, wahrscheinlich mehr als gut für sie ist, wie sie sagt. Jedes Jahr hat sie seither auf zwei Großereignisse hingelebt: den Jahrestag am 11. September und die Spendenparty ihrer Stiftung im November. Es sind tröstliche Tage für sie, an denen sie mit Angehörigen anderer Opfer und Feuerwehrkollegen von Patrick zusammenkommt. Sie freut sich auf das Ritual der Begegnung mit Menschen, die verstehen, was man durchgemacht hat: „Die Doppelumarmung zum Beispiel. Man umarmt sich, und dann umarmt man sich ein zweites Mal ein bisschen fester.“ Aber nach der Party im November kommt jedes Mal ein Kater: „Dann sind alle weg, und ich weine wie ein Baby“, sagt die 47 Jahre alte Frau. Sie nimmt sich vor, vom nächsten Jahr an mehr an sich selbst zu denken. Sie würde gerne einen Catering-Service gründen.
Misstrauen und Stolz
Die Terroranschläge haben in den New Yorkern gute und schlechte Seiten geweckt, die sich bis heute zeigen. Sie haben die Stadt zusammengeschweißt. New Yorker sind stolz darauf, dass es während des Stromausfalls 2003 kaum zu Plünderungen kam, und sie sehen das als Loyalitätsbeweis nach dem gemeinsam erlebten Schrecken. „Der 11. September hat New York zu einem Dorf gemacht. Die Leute halten zusammen, wenn Not am Mann ist“, sagt Anne Edris, die im East Village eine Pension betreibt. Sie erzählt, wie ihr kürzlich mehrere Nachbarn vor Ankunft des Hurrikans „Irene“ Pumpen angeboten haben, falls ihr Keller überschwemmt werden sollte. Umgekehrt hat Edris Lebensmittel vom Restaurant nebenan in ihrem Gefrierschrank gelagert, für den Fall eines Stromausfalls. „Das hätte es so vor dem 11. September nicht gegeben.“
Zugleich haben die Anschläge Misstrauen gegenüber Bürgern gesät, die keinerlei Schuld an dem Geschehen tragen. „Viele Leute hassen jetzt einfach pauschal alle Muslime“, sagt die Wirtin Edris. Ihr komme es manchmal vor, als müsste sie die Muslime in ihrem Viertel in Schutz nehmen. Auch Susan Olupitan stellt weit verbreitete Vorurteile fest: „Ich höre oft, wie über Araber gesagt wird: Der sieht ja aus wie ein Terrorist.“
Ein Kapitel zum 11. September schloss sich für die New Yorker in diesem Jahr, als Usama Bin Ladin getötet wurde. Es war Sonntagabend, als die Nachricht über Amerika hereinbrach. Spontan strömten Menschen zum Feiern auf den Times Square und natürlich zum Ground Zero. Eigentlich ist Carolyn Brown froh, dass der Drahtzieher des Angriffs, der ihr den Bruder nahm, tot ist. Trotzdem war es für sie ein trauriger Moment: „Eigentlich kam damit bloß der ganze Schmerz wieder hoch.“ Den Jubel auf den Straßen fand sie abstoßend: „Das ließ uns genauso aussehen wie die.“ Roland Lindner
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