Hat eine Weltanschauung Anders Behring Breivik zum Massenmörder gemacht? Oder hat sich der geständige Attentäter nur ein passendes ideologisches Gehäuse zur Rechtfertigung seiner Gewalttaten gesucht? Das Gutachten der Gerichtspsychologen, die seit dieser Woche die Zurechnungsfähigkeit des 32 Jahre alten Norwegers zu ergründen versuchen, wird womöglich auch auf diese Frage eine Antwort enthalten.
Unabhängig davon steht nach Ansicht von Fachleuten aber schon jetzt fest, dass Skandinavien neben Großbritannien und den Niederlanden in den vergangenen Jahren zu einem der bevorzugten Verbreitungsgebiete jener islamfeindlichen Bloggerszene geworden ist, in der sich Breivik während der Vorbereitung auf die Anschläge vom 22. Juli tummelte. Insgesamt zähle dieses Milieu in Europa bis zu zweihundert Aktive, schätzt der norwegische Publizist Øyvind Strømmen.
Aus Norwegen stammen gleich drei der wichtigsten Stichwortgeber. Dass sich hinter dem Pseudonym Fjordman ein harmlos aussehender junger Mann aus der Mittelschicht namens Peder Jensen verbirgt, wurde in der vergangenen Woche bekannt. Über die beiden als „The Observer“ und „Svein Sellanraa“ auftretenden Blogger ist außer ihrem Herkunftsland und ihren Ansichten bislang nicht viel bekannt.
Als „Eurabia-Theorie“ beschreibt Strømmen, der die einschlägigen Internetseiten wie „Gates of Vienna“ und „Brussels Journal“ seit 2005 verfolgt und als bester Kenner der Szene in Norwegen gilt, den gemeinsamen inhaltlichen Nenner: die Überzeugung, dass sich europäische Politiker, Wirtschaftsführer und Medien von arabischen Machthabern schon in den siebziger Jahren zum Verrat an ihrer Heimat verlocken haben lassen und Europa seither zielstrebig muslimischen Zuwanderern überlassen. Die Genese dieser Verschwörungstheorie lasse sich bis in die Jahre vor den Jugoslawien-Kriegen zurückverfolgen, sagt Strømmen; damals sei sie unter serbischen Rechtsextremisten beliebt gewesen.
Unter den Anhängern dieser Theorie sei es daher üblich, den von serbischen Truppen begangenen Massenmord an bosnischen Muslimen in Srebrenica zu leugnen. In seine heute gängige Form gebracht hat das Konzept später die britische Autorin Gisèle Littman, einen Popularitätsschub gaben ihm die vom Terrornetz Al Qaida verübten Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.
Breiviks Positionen in den Kreisen nicht ungewöhnlich
„Breiviks Positionen sind extrem, aber in diesen Kreisen nicht ungewöhnlich“, sagt Øyvind Strømmen. Als Indiz dafür, dass dieser sich sogar vergleichsweise gemäßigt äußerte, wertet Strmmen, dass sich besonders viele Kommentare des Attentäters auf der norwegischen Internetseite Document.no finden lassen, die sich schon vor einiger Zeit vom „Eurabia“-Konzept ausdrücklich distanziert habe. „Fjordman“ Peder Jensen formulierte es nach seiner selbst gewählten Enttarnung drastischer: Langweilig wie ein Staubsaugervertreter sei Breivik ihm vorgekommen, ließ er sich in einem Zeitungsinterview zitieren, deshalb sei es auch nie zu einem Treffen gekommen.
Breivik war sehr aktiv im sozialen Netzwerk Facebook, wo er nach Strømmens Schätzung unter seinem eigenen Namen und Pseudonymen weit mehr als tausend Kontakte gehalten haben könnte. Auch die Kommentarfunktion des seriösen norwegischen Wirtschaftsmediums hegnar.no nutzte er zu islamkritischen Beiträgen, ohne aufzufallen. Jenseits des Internets hingegen ist Anders Behring Breivik in den vergangenen Jahren politisch nicht in Erscheinung getreten.
Der „Eurabia“-These am nächsten kommt in der politischen Debatte außerhalb des Internets bislang eine Initiative namens „Stopp die Islamisierung Norwegens“. Die Gruppe, zu der es eine Dachorganisation mit europäischer Reichweite und nationale Ableger in anderen Ländern gibt, bemüht sich jedoch nicht um den unter den maßgeblichen Bloggern üblichen intellektuellen Anstrich, der diese auch deutlich von den Neonazi-Kreisen unterscheidet. Nach Angaben ihres Sprechers hat die Gruppe in Norwegen rund 3000 Mitglieder, Anders Behring Breivik zählte nie dazu.
Rechtskonservative Gruppierungen hängen keiner konspirativen Überzeugung an
Deutlich mehr Zuspruch erfahren die rechtspopulistische Fortschrittspartei sowie die verschiedenen konservativen christlichen Gruppierungen des Landes. Sie teilen nach Øyvind Strømmens Analyse allerdings nicht die konspirative Überzeugung der „Eurabia“-Blogger. Auch in der Anhängerschaft gibt es laut ihm nur sehr wenige Überlappungen. Wechsel hätten bislang immer nur in der Richtung stattgefunden, die auch Breivik beschritten hat, als er nach einer mehrjährigen Mitgliedschaft in der Fortschrittspartei der Bloggerszene den Vorzug gab.
Dass sowohl das rechtspopulistische Lager als auch das der konservativen Christen nach den Anschlägen mit der Gedankenwelt des Attentäters in Verbindung gebracht wurden, hat mit einem Ausdruck zu tun, den sie zu Wahlkampf- und Werbezwecken aus dem „Eurabia“-Wortschatz entlehnt haben: Beide warnen vor der „schleichenden Islamisierung“ Norwegens und wollen dies nach den jüngsten Bekundungen ihrer Spitzenfunktionäre mit derselben Begriffswahl auch in Zukunft tun. Während die Fortschrittspartei mit ihrer Kritik an der vermeintlich zu laschen Zuwanderungspolitik zur zweitstärksten Fraktion im norwegischen Parlament aufgestiegen ist, kam die konservative Christliche Sammlungspartei bei der vorigen Wahl nur auf 0,2 Prozent der abgegebenen Stimmen.
Viele pietistische Glaubensgemeinschaften an Norwegens Küste
„Hier handelt es sich im Grunde genommen um echte Fundamentalisten“, sagt der Religionswissenschaftler Torkel Brekke. „Ihr Einfluss ist in Norwegen zwar nicht so groß wie in den Vereinigten Staaten, aber es gibt mehr Sympathisanten als in vielen anderen europäischen Ländern.“ Norwegen war 1905 das erste Land Europas, in dem die in Amerika entstandene Pfingstbewegung Fuß fasste, erläutert der an der Osloer Universität lehrende Professor. Bis heute gibt es vor allem an der norwegischen West- und Südküste auffallend viele pietistische Glaubensgemeinschaften, die sich durch ihre strenge wortgetreue Auslegung der Bibel von der protestantischen Staatskirche absetzen. Als deren politische Vertretung sehe sich die Christliche Sammlungspartei, sagt Torkel Brekke. „Ihre Anführer sind ganz gewiss nicht gewaltbereit, aber in manchen Punkten durchaus extrem.“
Mit den „Eurabia“-Kreisen eint sie nach Brekkes Darstellung außerdem die grundsätzliche Bereitschaft, an eine Verschwörungstheorie zu glauben. Die Konzepte ähneln sich, stehen aber unter unterschiedlichen Vorzeichen: Die sozialdemokratische Arbeiterpartei habe Norwegen der Säkularisierung preisgegeben, lautet bei den christlichen Fundamentalisten der Vorwurf, und sich damit als „Satans Pflugschar in der Gesellschaft“ entpuppt. Verbindungen zwischen diesem Milieu und dem Attentäter, der sich auf einem der von ihm selbst verbreiteten Fotos mit einem Fantasiekostüm als Kreuzfahrer in Pose wirft, gab es jedoch offenbar nicht. Brekke hat dafür eine einfache Erklärung: „Diese Ideen sind zutiefst religiös begründet. Das ist bei Breivik nie der Fall gewesen.“
Warum in die Ferne schweifen...
Oliver Weiss (diereinewahrheit)
- 18.08.2011, 13:18 Uhr
Beim großen Zion
anna bez (berlin)
- 18.08.2011, 10:13 Uhr
Widersprüche aushalten können
Hannes Mayer (hotzen)
- 18.08.2011, 09:55 Uhr
Sie sind unter uns, die "Islamkritiker".
Maksut Maksuti (Maksuti)
- 18.08.2011, 02:31 Uhr
