Der Bombenanschlag auf das Regierungsviertel von Oslo im vergangenen Sommer hätte mit einfachen Mitteln verhindert, das anschließende Massaker auf der Insel Utøya deutlich früher beendet werden können. Zu diesen Schlüssen kommt die Untersuchungskommission, die von der norwegischen Regierung nach dem Doppelattentat am 22. Juli des vergangenen Jahres eingesetzt wurde. Die Vorsitzende der Kommission, Alexandra Bech Gjørv, kritisierte am Montag nach der Veröffentlichung des Berichts in Oslo sowohl Teile der Regierung als auch die Polizei und den Geheimdienst scharf.
Minutiös rollt der Bericht unter anderem auf, warum der Attentäter Anders Behring Breivik den Kleinlastwagen mit der von ihm selbst hergestellten Bombe direkt vor dem Eingang zum Regierungshochhaus im Zentrum von Oslo abstellen konnte, obwohl die Zufahrtsstraße nach einer Risikoanalyse des Polizeipräsidiums schon sieben Jahre zuvor für den Autoverkehr hätte gesperrt werden sollen.
Simulation von 2003 ähnelt dem Attentat
Der Ratschlag wurde in den Mühlen der Bürokratie verschleppt, die Behörden schoben sich gegenseitig die Verantwortlichkeit zu, das dafür eigentlich zuständige Ministerium behandelte die Angelegenheit nachlässig. Frau Bech Gjørv zeigte dazu ein im Jahr 2003 angefertigtes Schaubild, das die Auswirkungen einer Bombenexplosion an dieser Stelle simulieren sollte. „Es ähnelt auf erschreckende Weise dem, was am 22. Juli 2011 geschehen ist“, sagte sie.
Als eine Abfolge von vermeidbaren Missverständnissen und Fehleinschätzungen stellt der Bericht außerdem den Polizeieinsatz vom Eingang des ersten Notrufs von der vierzig Kilometer nordwestlich von Oslo gelegenen Insel Utøya bis zur Festnahme des Attentäters dar. Dazwischen verstrichen 72 Minuten. Die aus verschiedenen Richtungen anrückenden Sicherheitskräfte kannten laut Frau Bech Gjørv das Terrain zu wenig, gingen zunächst von zwei unterschiedlichen Treffpunkten aus, bestiegen dann in zu großer Zahl das durch die Überlastung gebremste Polizeiboot und zogen andere Transportmittel nicht in Betracht.
Fehlende Koordination verzögert Einsatz
Frau Bech Gjørv veranschlagte den durch diese Pannen verursachten Zeitverzug auf mehr als zwanzig Minuten. „Das ist nicht akzeptabel“, sagte sie. Zur Verfügung hätte den Polizisten beispielsweise die Fähre gestanden, mit der die Teilnehmer des Sommerlagers der norwegischen Jungsozialisten zu der Insel gebracht wurden - ein ausrangiertes Militärboot mit ausreichender Tragkraft.
Noch schneller hätte der in Oslo stationierte Polizeihubschrauber die Insel erreicht, wenn er einsatzbereit gewesen wäre. Das war er wegen der in den norwegischen Sommerferien reduzierten Personalstärke jedoch nicht. Das Angebot eines Polizeipiloten, seinen Urlaub zu unterbrechen, wusste die Einsatzleitung dem Kommissionsbericht zufolge genauso wenig zu verwerten wie die Aussage eines Zeugen, der schon wenige Minuten nach der Detonation in Oslo und damit fast zwei Stunden vor dem Beginn des Massakers auf Utøya das Kennzeichen eines Wagens meldete, an dessen Steuer nach seiner Beschreibung eine sehr auffällige Person saß.
Zu früh, um Konsequenzen zu ziehen
Erst Stunden später wurde der Hinweis in das Ermittlungssystem eingespeist, Breivik hatte ungehindert mehrere Einsatzwagen und eine Polizeiwache passiert. Ursächlich für die einzelnen Missgriffe seien Fehler im System, hob Frau Bech Gjørv hervor. So sei die Kriminalitätsrate in den Sommerferien generell nicht niedriger als zu anderen Zeiten.
„Wir haben den ungeschminkten und ehrlichen Bericht erhalten, um den wir gebeten haben“, äußerte Ministerpräsident Stoltenberg am Montag. Es sei jedoch noch zu früh, um Konsequenzen daraus zu ziehen. Sowohl der Justizminister als auch die Chefin des Geheimdienstes und der Polizeipräsident von Oslo sind nach dem 22. Juli 2011 zurückgetreten. Das Amtsgericht in Oslo, vor dem sich Anders Behring Breivik seit dem Frühjahr für seine Taten verantworten muss, will sein Urteil am 24. August verkünden.
Kritik
Stefan Zhentan (comsen)
- 14.08.2012, 02:12 Uhr
