„Jedes Mal, wenn er seinen Gruß mit der Faust macht, ist es wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt Trond Henry Blattmann in den Fluren des Gerichtsgebäudes im Zentrum von Oslo. Blattmann hat am 22. Juli 2011 seinen 17 Jahre alten Sohn Torjus auf der Insel Utøya verloren. Nun verfolgt er als Leiter des Nationalen Unterstützungskomitees für die Überlebenden und Hinterbliebenen der Anschläge von Oslo und Utøya den Prozess gegen Anders Behring Breivik.
Dieser stößt jeden Morgen, sobald ihm die Handschellen abgenommen worden sind, seinen rechten Arm mit geballter Faust nach oben. Es soll ein Gruß seiner „Tempelritter“ sein. Blattmann ist ein schlanker Mittvierziger aus Kristiansand an der Südspitze Norwegens. Kurz bevor sein Sohn starb, telefonierte er noch mit ihm. Torjus fragte, was er tun sollte, da schieße jemand. Am Dienstag musste Blattmann dann hören, wie Breivik seine Morde als politische Taten rechtfertigte. „Kalt und zynisch“ sei Breivik da gewesen, sagt Blattmann. „Ohne jedes Gefühl für uns.“ Hass aber empfinde er nicht: Breivik sei seine Gefühle nicht wert.
Blattmann sagt, viele Hinterbliebene hätten gar nicht die Kraft, dem Prozess zu folgen. Einige hätten gar das Land verlassen, um der Berichterstattung zu entgehen und dem allgegenwärtigen Mörder Breivik. Andere ziehen es vor, das Verfahren nicht in einem Raum mit Breivik, sondern in einem der Säle zu verfolgen, in die es übertragen wird. Blattmann selbst muss noch bis Ende dieser Woche bei jedem Prozesstag da sein und dann wieder im Mai: Die Leute vom Unterstützungskomitee haben sich aufgeteilt. Damit immer jemand da ist, der den Opfern eine Stimme gibt. Damit nicht nur über den Täter berichtet wird. Seit Dienstag wird von manchen Hinterbliebenen kritisiert, dass Breivik im Prozess zu viel Raum für seine Tiraden gegeben werde. Blattmann versteht das, sagt aber: „Das Gericht muss doch beurteilen können, was er ist.“ Außerhalb des Gerichtssaals, sagt Blattmann - umgeben von Stativen, Kameras und Mikrofonen -, spiele sich zwar ein „Zirkus“ ab. Doch die Abläufe im Gerichtssaal seien „würdevoll“. Ob Breivik schuldfähig sei oder nicht, das werde das Gericht entscheiden. Aber eines sei ihm wichtig: Dass man Breivik als Massenmörder sehen möge, nicht als politischen Aktivisten.
Verständnisvoller Ton der Staatsanwältin
Im Saal 250 geht am Mittwoch die Befragung Breiviks weiter, der - nach dem üblichen Faustgruß - im Zeugenstand Platz genommen hat. Es geht um seinen Werdegang. So will Breivik in Liberia 2002 einen „militanten Nationalisten“ getroffen haben, einen Serben, „der in seiner Heimat gegen Muslime gekämpft“ habe. Namen will er nicht nennen. Dann wieder sagt er, die Polizei wolle die „Spuren“ nicht verfolgen, die er so reichlich in seinem „Manifest“ gelegt habe. In verständnisvollem Ton hakt die Staatsanwältin immer wieder nach. „Kein Kommentar.“
Bei einer dieser Gelegenheiten belehrt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten, dass sein Schweigen gegen ihn verwendet werden könnte (was sich bizarr ausnimmt), und dass es das Verfahren in die Länge ziehe (was zweifellos zutrifft). In Liberia habe er zwei Tarnungen gehabt: für Unicef zu arbeiten („Ich sagte, ich hätte ein gutes Herz“, sagt Breivik und grinst) sowie, Blutdiamanten kaufen zu wollen. Auch um das Frauenbild des Angeklagten geht es. Diese hätten nicht dasselbe Potential, „Revolutionäre“ zu werden, sagt er. Um sein Menschenbild: Nicht alle Menschen würden mit einem Rückgrat geboren, aber man könne es erwerben. Um sein Selbstbild: Auf die Frage, ob er „talentiert“ sei, sagt Breivik, „mit Willen und guter Haltung kann jeder alles tun“. Trond Henry Blattmann sitzt schräg links hinter Breivik. Er hat den Kopf gesenkt.
Plötzlich wird Breivik wortkarg: „Kein Kommentar“
Warum das „Gründungstreffen“ der „Tempelritter“ 2002 in London stattgefunden habe, fragt die Staatsanwältin Breivik. „Kein Kommentar.“ Auch wer dort gewesen sein soll, bleibt unklar. Es sei darum gegangen, alle militanten Nationalisten in Europa zu einen, unter Distanzierung vom Nationalsozialismus, der zu „blutgetränkt“ erscheine - und zwar im Zeichen der Kreuzritter, da sich dahinter selbst diejenigen versammeln könnten, die nicht gläubige Christen seien. Die Staatsanwaltschaft hatte am Montag erst gesagt, Breivik sei ein Einzeltäter.
Immer wieder macht der Anklagte Notizen oder dreht den Stift mit den Fingern der rechten Hand. An einer Stelle sagt er, die Staatsanwältin wolle ihn „lächerlich machen“, was diese zurückweist. Das Aufgeblasene, die Eitelkeit, das Wirre, die Behauptungen, die von der Staatsanwältin widerlegt werden: All das mögen die Richter und die Psychiater, die Breivik direkt gegenübersitzen, beurteilen. Der blasse junge Mann im schwarzen Anzug, der während der Verhandlungen wenige Meter links hinter dem Angeklagten sitzt, will zur Frage von dessen Schuldfähigkeit jedenfalls nichts sagen. „Mir ist nur wichtig, dass das normale Verfahren eingehalten wird, dass er nicht unsere Vorstellungen davon verändert, was richtig ist“, sagt Bjørn Ihler in einer Prozesspause. Der Dreißigjährige mit dem blonden Haar, der im britischen Liverpool Theaterwissenschaften studiert, war an jenem Julitag im Zeltlager der Jugendorganisation der Arbeiterpartei auf Utøya. Gemeinsam mit zwei Jungen floh er vor Breivik kreuz und quer über die Insel. Schließlich versteckten sie sich hinter einem Felsen.
Ihler hat sich entschieden, im Gerichtssaal dabei zu sein und Breivik zu sehen, anders als die vielen anderen Überlebenden, die dafür nicht die Kraft haben. „Es ist mir wichtig zu verstehen, was passiert ist“, sagt er. Es sei für ihn in diesen ersten drei Tagen nach und nach „leichter geworden“, dem Verfahren zu folgen: „Ich gewöhne mich irgendwie daran.“ Der Schrecken, das Grauen, das sei im vergangen Jahr gewesen. Jetzt, im Gerichtssaal, herrsche eine nüchterne Atmosphäre vor, das mache es einfacher, sagt er. Egal, ob Breivik nun ins Gefängnis oder in eine Anstalt komme - wichtig sei es, so viel wie möglich über die Verbrechen zu erfahren und mit einem Urteil den Prozess abzuschließen. Einen Schlussstrich aber unter Breiviks Verbrechen, das steht für Bjørn Ihler fest, den kann es niemals geben.
Breiviks Fangemeinde
Georg Buchmeister (georgbuchmeister)
- 20.04.2012, 14:16 Uhr
Kommentar
Lazslo Kovacs (LazsloKovacs)
- 19.04.2012, 12:24 Uhr
Antwort an Martin Frosch
Joachim Schroeder (Pequod)
- 19.04.2012, 09:50 Uhr
@Joachim Schroeder
Martin Frosch (totalk)
- 19.04.2012, 00:39 Uhr
Psychisch krank
Markus Köcher (MKoecher)
- 18.04.2012, 23:08 Uhr
