13.04.2006 · Erstmals wurde in Amerika die Abschrift einer Tonbandaufnahme aus einem der Unglücksflugzeuge vom 11. September 2001 veröffentlicht. Sie schildert eindrucksvoll die letzten 31 Minuten vor dem Absturz. Eine Flugbegleiterin fleht: „Bitte, bitte, tut mir nichts.“
Im Prozeß gegen den mutmaßlichen Terroristen Zacarias Moussaoui in den Vereinigten Staaten ist erstmals die Abschrift einer Tonbandaufnahme aus einem der Unglücksflugzeuge vom 11. September 2001 veröffentlicht worden. Die Aufnahme belegt die Verzweiflung der 33 Passagiere und der sieben Besatzungsmitglieder in den 31 Minuten vor dem Absturz des United-Airlines-Flug 93 im Bundesstaat Pennsylvania.
„Bitte, bitte, tun Sie mir nichts. Ich möchte nicht sterben“, schrie ein Besatzungsmitglied. Die dramatischen und emotionalen Aufnahmen wurden am Mittwoch einer Jury vorgespielt, die entscheiden soll, ob über Moussaoui die Todesstrafe verhängt wird. Der Prozeß ist der einzige in den Vereinigten Staaten, der über die Anschläge vom 11. September 2001 geführt wird. Damals krachten zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York und eines in das Verteidigungsministerium. Eine vierte Maschine zerschellte in Pennsylvania auf offenem Feld.
„Runter, jetzt reicht's!“
Die Aufnahme aus dieser Maschine beginnt mit einer Durchsage eines der Extremisten, der die Kontrolle über die Boeing 757 übernommen hatte. „Hier ist der Kapitän, bitte setzen Sie sich. ... Wir haben eine Bombe an Bord, also setzen Sie sich.“ Nach dieser Ansage scheinen die Entführer mit den Piloten gekämpft zu haben. Sie schrien „Setz dich, setz dich, setz dich hin“ und „Im Namen Allahs, des Barmherzigsten, des Mitfühlendsten“.
An anderer Stelle fordert einer der Entführer einzelne Passagiere in strengem Ton auf: „Beweg dich nicht!“, „Halt's Maul!“, „Setz dich hin!“, „Runter, runter, runter!“. Eine Flugbegleiterin fleht: „Bitte, bitte, tut mir nichts.“ Darauf antwortet ein Entführer: „Runter, jetzt reicht's!“
„Roll it!“
Einige Passagiere wurden anscheinend per Mobiltelefon über die Einschläge der anderen drei Flugzeuge unterrichtet. Mit einer Revolte gegen die Geiselnehmer wollten sie sich vor einem ähnlichen Schicksal bewahren.
Laut dem Tonband versuchten die Menschen, die Tür zum Cockpit aufzubrechen. „Ist da etwas? Ein Kampf?“, fragte einer der Entführer. Der Flugpassagier Beamer sagt: „Ins Cockpit! Wenn wir das nicht machen, dann werden wir sterben.“ Danach folgt Beamers in aller Welt bekannt gewordene Aufforderung an seine Mitreisenden: „Roll it!“ (Los geht's!).
„No, no, no“
Die Entführer beschließen daraufhin, die Sauerstoffversorgung abzustellen: „Stell den Sauerstoff ab!“, sagt ein Entführer dreimal hintereinander. Die letzten sieben Sekunden vor dem Aufprall auf den Boden schreit einer der Entführer neunmal hintereinander: „Allahu akbar“ (Gott ist groß). Zwei Sekunden vor Ende der Aufzeichnung sagt ein Passagier mit letzter Verzweiflung: „No, no, no.“
Die Staatsanwaltschaft spielte außerdem noch den letzten Anruf der Flugbegleiterin CeeCee Lyles bei ihrem Ehemann Lorne vor, den sie auf einem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Mit tränenerstickter Stimme sagt die Frau: „Hi Baby, höre mir genau zu. Ich bin in einem Flugzeug, das entführt wurde. Du sollst wissen, daß ich dich liebe. Bitte sage meinen Kindern, daß ich sie sehr liebe. Ich habe gehört, daß Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind. Ich hoffe, daß ich dein Gesicht noch einmal sehen kann. Ich liebe dich, Bye, Bye.“
Beweisaufnahme beendet
Um 10.03 Uhr morgens stürzte die Maschine ab. Alle Passagiere, die Besatzungsmitglieder und die vier Entführer kamen ums Leben. Es wird davon ausgegangen, daß das Flugzeug eigentlich ins Capitol, dem Sitz des Kongresses, oder ins Weiße Haus in Washington gelenkt werden sollte.
Das Band wurde Angehörigen der Opfer bereits im Jahr 2002 vorgespielt, diese mußten jedoch über die Inhalte schweigen. Auf ihre Bitte soll der vollständige Audio-Mitschnitt noch nicht für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Das Gericht veröffentlichte deshalb nur eine Abschrift.
Moussaoui, ein 37 Jahre alter Komplize der Terrororganisation Al Qaida, hatte sich im vergangenen Jahr in sechs Anklagepunkten der Verschwörung für schuldig bekannt. Für drei davon kann die Todesstrafe verhängt werden. Die Anklage beendete am Mittwoch ihre Beweisaufnahme im zweiten Teil des Prozesses. Danach will die Verteidigung die Geschworenen-Jury davon überzeugen, daß ihr Mandant geistesgestört ist und die Verantwortung für Taten übernahm, die er nie begangen hat.