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11. September 2001 Das „Gehirn“ der Anschläge steht vor Gericht

05.06.2008 ·  Der mutmaßliche Chefplaner der Anschläge von New York und Washington steht von heute an vor einem amerikanischen Militärgericht im Gefangenenlager Guantánamo. Chalid Scheich Mohammed brüstet sich etlicher Anschläge und gibt Rätsel auf.

Von Matthias Rüb, Washington
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Fast sieben Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 muss sich der mutmaßliche Chefplaner Chalid Scheich Mohammed vor einem amerikanischen Militärgericht verantworten. Im Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba stehen neben Chalid Scheich Mohammed auch Ramzi Binalshibh vor dem Sondergericht, ein mutmaßlicher Mitverschwörerer und Mitglied der „Hamburger Zelle“. Überdies sind drei weitere Verdächtige angeklagt.

Im Falle einer Verurteilung droht ihnen die Todesstrafe. Es handelt sich um den wichtigsten Prozess im Zusammenhang mit dem 11. September. Chalid Scheich Mohammed gilt den amerikanischen Ermittlern als „Gehirn“ der verheerenden Attentatsserie. Nach amerikanischen Angaben hat er seine Verantwortung bereits gestanden. Allerdings wurde er nach Angaben des amerikanischen Geheimdienstes CIA dem „Waterboarding“, also simuliertem Ertränken ausgesetzt, was nach internationalen Standards als Folter gilt. Bislang gab er Rätsel auf.

Wie ein Wasserfall

Schon kurz nach seiner Festnahme in der pakistanischen Stadt Rawalpindi am 1. März 2003 gab es Berichte, wonach Chalid wie ein Wasserfall rede. Er brüstet sich der Anschläge von New York und Washington sowie einer ganzen Reihe anderer Terrorakte brüstet sich seiner Taten.

Über die Hintergründe der Festnahme von „KSM“, wie er im Jargon der Terrorfachleute genannt wird, herrscht ebenso Unklarheit wie über die Umstände seiner Haft bis zur Überstellung ins Gefangenenlager Guantánamo am 4. September 2006. Auch seine dortige Aussage vor einer Militärkommission in dieser Woche gibt Rätsel auf.

„KSM“ wohl in Geheimgefängnissen der CIA

Von der Festnahme Chalids bei einer Kommandoaktion vom März 2003 in Rawalpindi heißt es, an ihr seien Einheiten des pakistanischen Geheimdienstes ISI wie des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA beteiligt gewesen. Pakistanische Quellen berichteten später, „KSM“ sei sofort an die CIA übergeben worden - ohne dass es ein formales Verfahren zur Überstellung des Pakistaners gegeben hätte. Allerdings gibt es auch anderslautende Berichte, wonach die pakistanischen Behörden Chalid erst selbst befragt und ihn erst übergeben hatten, nachdem sie „mit ihm fertig gewesen waren“.

Wo er von März 2003 bis September 2006 festgehalten wurde, ist ungewiss. Klar scheint allenfalls, dass er in einem oder in mehreren jener berüchtigten Geheimgefängnisse festgehalten wurde, welche die CIA in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten befreundeter Staaten unterhält. Es gibt Spekulationen, wonach Chalid einige Zeit in einem jordanischen Gefängnis festgehalten und dort von der CIA und den jordanischen Diensten verhört wurde.

„Waterboarding“ in Guantánamo?

Wie Präsident George W. Bush nach der Überstellung des 1965 in Kuweit oder in Pakistan geborenen Terrorverdächtigen - der Vater stammt aus dem pakistanischen Belutschistan - sowie 13 weiterer „High Value Prisoners“ (Gefangene von hohem Interesse) Anfang September 2006 versicherte, befinden sich seither keine mutmaßlichen Terroristen mehr im Gewahrsam der CIA an unbekanntem Ort. Vielmehr seien sämtliche Gefangene, die der Zugehörigkeit zu Terrororganisationen oder deren Unterstützung verdächtigt werden, nun in Guantánamo. Die Geheimgefängnisse blieben aber als wichtiges Instrument im Krieg gegen den Terrorismus erhalten, sagte Bush.

Wie Chalid unmittelbar nach seiner Festnahme in Rawalpindi und während seiner Gefangenschaft in den CIA-Gefängnissen behandelt wurde, ist unklar. Geschwärzte Passagen seiner Aussage von Anfang dieser Woche vor dem „Combatant Status Review Tribunal“ (siehe nebenstehenden Kasten) deuten auf „harte“ Verhörtechniken im Gewahrsam der CIA hin. Es gibt Vermutungen, wonach gerade bei Chalid die weithin als Folter bewertete Technik des „waterboarding“ zur Anwendung kam. Dabei werden dem Gefangenen die Augen verbunden, anschließend wird so getan, als werde er ertränkt.

Fragwürdige Auskunftsfreudigkeit

Ob Chalids Auskunftsfreudigkeit ein Ergebnis des „waterboarding“ ist, ob sich der für seinen einst großspurigen Lebenswandel bekannte mutmaßliche Terrorplaner vor seinen Vernehmern in Guantánamo nur aufspielen wollte oder ob er vielmehr mit gezielter Desinformation seinen Kampf fortsetzt, wird sich kaum je verlässlich klären lassen. Terrorismusfachleute sind sich einig, dass Chalid tatsächlich der Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001 war und schon Mitte der neunziger Jahre auf den Philippinen Anschläge auf Flugzeuge geplant hatte.

Doch die von „KSM“ selbst behauptete Beteiligung an der operativen Planung des ersten Anschlags auf das New Yorker „World Trade Center“ von 1993 sowie des Bombenattentats von Bali vom Oktober 2002 gelten als fraglich. Vermutlich hat er den ersten Anschlag auf das Trade Center finanziert - sein Neffe Ramzi Yousef führte den Anschlag aus. Der war auch an den Attentatsplänen in Manila beteiligt. Im Jahr zuvor, 1992, war er in Bosnien, wo er auch als Finanzier in Erscheinung trat.

Getarnte Weltreisen im Auftrag von Al Qaida

Unter den 14 „High Value Prisoners“, die seit September 2006 in Guantánamo sind, ist Chalid jener mit dem allerhöchsten „Wert“. Er wuchs in Kuweit auf und schloss sich im Alter von 16 Jahren der radikalen Muslimbruderschaft an. Mitte der achtziger Jahre studierte er im amerikanischen Bundesstaat North Carolina, zunächst an einer Hochschule der Baptisten, und erwarb einen Abschluss als Ingenieur.

Er kämpfte mit den Taliban gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan, wo auch einer seiner Brüder ums Leben kam. Er verbrachte mehrere Jahre in Qatar und auf den Philippinen, reiste als eine Art oberster Planungsbeauftragter von Al Qaida unter anderem in den Jemen sowie nach Sudan, Malaysia und Brasilien - getarnt als Geschäftsmann, ausgestattet mit mehr als zwei Dutzend falschen Namen und mit ebenso vielen gefälschten Pässen.

14 „High Value Prisoners“

Die 14 im September nach Guantánamo überstellten Gefangenen, die jetzt erstmals von den Militärkommissionen gehört werden, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die erste bilden elf mutmaßliche Führungspersonen des Terrornetzes Al Qaida, von denen wiederum fünf als unmittelbare Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 sowie als Hintermänner des Anschlags auf den amerikanischen Kreuzer „USS Cole“ im Hafen von Aden vom 12. Oktober 2000 gelten.

Zu ihnen zählen neben Chalid der Jemenit Ramzi Binalshib, der als einer der Piloten der entführten Flugzeuge vorgesehen war, nach der Verweigerung eines amerikanischen Visums die späteren Attentäter logistisch unterstützte und im September 2002 verhaftet wurde; der Libyer Abu Farradsch al Libbi, festgenommen im Mai 2005; und der Palästinenser Abu Zubaidi, der seit März 2002 in Gewahrsam ist. Alle vier und fünf weitere der nach Guantánamo überstellten Al-Qaida-Führer wurden in Pakistan festgenommen.

Geheimdienstlich gesäuberte Mitschriften

Die andere Gruppe bilden der indonesische Terroristenführer Hambali von der Gruppe Jemaah Islamija und zwei seiner aus Malaysia stammenden Mitstreiter namens Zubair und Lillie, die hinter den Bombenanschlägen von Bali 2002 und hinter dem Attentat auf das Marriott-Hotel in Jakarta vom 5. August 2003 stecken sollen; alle drei wurden zwischen Juni und August 2003 in Thailand festgenommen.

Bisher wurden sechs der 14 Hauptverdächtigen vernommen, doch so ausführlich wie „KSM“ äußerte sich keiner. Das Pentagon veröffentlichte auch die von geheimdienstlich relevanten Informationen gesäuberten Mitschriften der Anhörungen al Libis und Ramzi Binalshibs; letzterer hatte daran gar nicht teilgenommen. Es gilt als sicher, dass die Kommissionen alle 14 Hauptverdächtigen als „feindliche Kämpfer“ einstufen, diese deshalb in Haft bleiben und sich später vor Militärtribunalen in Guantánamo verantworten müssen.

„Ich war verantwortlich von A bis Z“

Chalid Scheich Mohammed soll sich laut dem Anhörungsprotokoll des amerikanischen Verteidigungsministeriums der Beteiligung an insgesamt 28 Attentaten oder geplanten Anschlägen sowie der Mitverantwortung für drei weitere bezichtigt haben.

In der Liste ist nicht das Attentat auf die Synagoge in Djerba genannt, bei dem im April 2002 14 deutsche Touristen und fünf Tunesier getötet wurden. Ein französisches Gericht hat im November 2006 wegen dieses Anschlags Anklage gegen Chalid erhoben. Die Attentate und Pläne, für die Chalid dem Protokoll der Anhörung in Guantánamo zufolge die Verantwortung übernommen hat, im Überblick:

Die Anschläge vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten: Chalid soll laut Protokoll gesagt haben, er habe sie „von A bis Z“ geplant, organisiert und vorbereitet. Er hätte demnach auch die Verantwortung für die Ausbildung und das Training der 19 Attentäter, die vier Passagierflugzeuge entführten und zwei davon in das World Trade Center in New York steuerten.

Der Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993, bei dem sechs Menschen getötet und mehr als tausend verletzt wurden. Die Anschläge auf zwei Nachtclubs auf der indonesischen Ferieninsel Bali im Oktober 2002, bei denen 202 Menschen getötet wurden, darunter viele Touristen.

Der 2002 verübte Anschlag auf das Hotel „Paradise“ an der kenianischen Küste sowie der Versuch, gleichzeitig ein israelisches Passagierflugzeug beim Start vom nahe gelegenen Flughafen Mombasa mit einer Rakete abzuschießen.

Das „Paradise“ wird von Israelis geführt. Der Versuch, zwei amerikanische Passagierflugzeuge mit Hilfe von in Schuhen versteckten Sprengsätzen zum Absturz zu bringen. Der Brite Richard Reid wurde wegen eines solchen Versuchs im Dezember 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Plan, den Panama-Kanal zu zerstören.

Vorbereitung und Finanzierung von Anschlägen auf mehrere ehemalige amerikanische Präsidenten, darunter Jimmy Carter.

Pläne für Anschläge auf den Londoner Flughafen Heathrow, das Canary-Wharf-Gebäude im Herzen des neuen Finanzviertels der britischen Hauptstadt und das Wahrzeichen Big Ben.

Eine Mitverantwortung für Anschlagspläne gegen Papst Johannes Paul II. während einer Reise auf die Philippinen und auf den pakistanischen Präsidenten Musharraf.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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