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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aufstand in Syrien „Wir werden ständig überwacht“

 ·  Aus Angst vor Verhaftung floh Razan Ghazzawi im Frühjahr aus Syrien - und kehrte erst nach drei Monaten wieder zurück. FAZ.NET sprach mit der Studentin über das Ausmaß der Repression und die Rolle der sozialen Medien in der Revolution.

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Im Westen wurden die arabischen Aufstände schnell als „Facebook“- und „Twitter-Revolutionen“ bezeichnet. Halten Sie das für die richtige Beschreibung?

Nein. Auch wenn ich schon vor Ausbruch des landesweiten Aufstands im März getwittert habe, nutzte ich das Medium erst richtig, als ich das Land aus Angst vor Verhaftung verlassen musste. Ich habe mich gefragt, wie ich der Revolution im Exil helfen kann, was meine Rolle darin sein soll? Bis heute habe ich keine befriedigende Antwort darauf gefunden. Twittern ist einfach, Facebooken ist einfach – aber wer in Syrien selbst versucht, Proteste zu organisieren, riskiert sein Leben. Aktivisten, die in der Öffentlichkeit bekannt sind, werden zwar nicht getötet, um keinen Medienskandal zu verursachen, aber brutal gefoltert.

Das heißt, traditionelle Mobilisierungsformen sind wichtiger für die Aufständischen als die neuen sozialen Medien?

Man darf nicht vergessen, dass nur jeder zehnte Syrer Zugang zum Internet hat. Twitter und Facebook sind inzwischen genauso geblockt wie Youtube. Als ich noch aktiv war, nutzte ich diese Mittel, um die „wahren“ Nachrichten über die Revolution außer Landes zu bekommen: durch Veröffentlichungen, Übersetzungen und Kontakte zu ausländischen Medien. Geheime Gruppen nutzten Facebook auch, um zu Protesten aufzurufen. Das aber erwies sich nicht als sonderlich wirksam. Die großen Demonstrationen, die man auf Youtube sehen kann, wurden nicht über soziale Medien organisiert, sondern durch Aktivisten vor Ort.

Wie vernetzten sich die Aktivisten, wenn nicht über die neuen sozialen Medien?

Jede Gegend hat sein eigenes Komitee – diese sind die eigentliche Erfindung der syrischen Revolution: Weil die Stärke des Regimes auf der Macht seiner Geheimdienste beruht, mussten die Aufständischen im Untergrund Gruppen bilden, um die Proteste fortzuführen. In jedem Komitee gibt es Leute, die sich um die Kontakte zu den Medien kümmern, einen Verantwortlichen für die Veröffentlichung von Nachrichten, und einen Sprecher, der Stellungsnahmen abgibt. Das wichtigste aber sind die Gruppen, die sich um die eigentliche Organisation der Proteste kümmern, darum, Transparente anzufertigen und ähnliches.

Das heißt, die neuen sozialen Medien werden im Westen überschätzt?

Absolut. In Syrien haben sie eigentlich keine Rolle gespielt; für die Vernetzung bedeutend sind eher Gmail oder Skype. Auch der Kontakt zu Fernsehsendern wie Al Arabiya und Al Dschazira ist wichtiger, weil darüber die ganze arabische Welt mitbekommt, was in Syrien passiert. Zu behaupten, die sozialen Medien hätten eine entscheidende Rolle bei den Aufständen gespielt, ist eine gefährliche Missdeutung der Revolutionen.

Im September gelang es Web-Aktivisten der Gruppe „Anonymous“, staatliche Seiten zu hacken. Sind Sie ebenfalls mit solchen Techniken vertraut?

Nein, aber ich würde sie gerne erlernen.

Inzwischen sind Sie wieder nach Syrien zurückgekehrt. Können Sie denn an einem Ort bleiben, oder müssen Sie sich verstecken?

Zur Zeit lebe ich bei meinen Eltern. Vor dem 15. März nahm ich an den Sit-Ins vor den tunesischen und libyschen Botschaften teil, am 16. März dann an dem Protest vor dem Innenministerium. Von dort twitterte ich unter meinem Klarnamen, wie Demonstranten von Assads Schlägertrupps Schabiha geschlagen und von staatlichen Sicherheitskräften festgenommen wurden. Nach der Verhaftung eines Freundes flüchtete ich zuerst in den Libanon, dann nach Ägypten. Später erfuhr ich, dass mein Name in Verhören genannt wurde. Erst als mein Vater sicher gegangen war, dass an den Grenzübergängen und Flughäfen nichts gegen mich vorlag, traute ich mich wieder heimzukehren. Das war im Sommer. Seitdem halte ich mich zurück, um meine Familie nicht zu gefährden.

Wie geht es Ihren Freunden, wieviele von Ihnen wurden in den vergangenen Monaten verhaftet?

Seit Ausbruch der Revolution sind rund zwanzig von ihnen festgenommen worden. Fünf sind immer noch in Haft.

Es überrascht, wie lange der Aufstand nun schon anhält. Haben Sie und Ihre Gesinnungsgenossen sich dadurch mehr Freiheiten erkämpfen können?

Im Gegenteil. Was wir mehr fürchten als alles andere sind die Geheimdienste. Egal was ich mache, wen ich treffe, was ich schreibe oder sage – man wird immer überwacht. Ich versuche unauffällig zu bleiben, um meine Familie nicht zu gefährden. Dass ich drei Monate außerhalb des Landes war, hat meinen Eltern schon genug Sorgen bereitet. Ich habe seitdem aber nicht aufgehört aktiv zu sein, doch das, woran ich arbeite, braucht viel Zeit – sobald es fertig ist, kann ich darüber sprechen.

Die syrischen Aufständischen sind sehr zersplittert. Eint sie denn eine gemeinsame Ideologie oder eine Vision für die Zukunft Syriens?

Ich bin mir nicht sicher, ob man von einer Ideologie sprechen sollte, sicherlich aber von einer Vision: Wir wollen gleiche Rechte für alle Syrer – unabhängig davon, ob sie einfache Bürger oder Regierungsvertreter sind. Alle Menschen sollten gleich sein in einem demokratischen Syrien. Die Lokalen Koordinierungskomitees haben eine wunderbare Vision beschrieben: „Rasse, Religion, Konfession und Geschlecht dürfen nicht die Grundlage für die Gewährung von Rechten sein.“ Ich würde dem noch Nationalität und Klasse hinzufügen – was ich mir wünsche, ist ein sozialistisches Syrien. Das herrschende Regime hingegen ist neoliberal, rassistisch, konfessionalistisch, sexistisch, homophob und klassenkämpferisch, und darüber hinaus raubt es die Bevölkerung aus. Was die Syrer wollen, sind gleiche Rechte und Freiheit, selbst wenn die Auslegung dieser Werte umstritten ist. Der Kampf darum wird weitergehen, weil nicht freie Wahlen allein eine freie Gesellschaft garantieren, sondern nur freie Menschen.

Wie wird die syrische Revolution enden? Kann sie ohne Waffen erfolgreich sein?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Regime das Land in einen Bürgerkrieg treibt. Wenn man Städte über Monate hin belagert und bombardiert, wird die Bevölkerung nicht mehr mit offenen Armen auf die Armee zugehen, sondern sich verteidigen. Dieser Gedanke macht uns große Angst. Auch wenn ich gegen den Einsatz von Waffen bin, habe ich nicht das Recht, Familien zu kritisieren, die sich wehren. Ich lebe in einer relativ sicheren Gegend von Damaskus, nicht in Homs, Daraa, Idleb oder Hama, wo jeden Tag scharf geschossen wird. Können Sie sich das vorstellen? Die Leute haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie jeden Augenblick unter Beschuss geraten können.

Das heißt, der bewaffnete Kampf ist nur eine Frage der Zeit?

Ich glaube, dass der Preis dafür zu hoch wäre. Da wir davon ausgehen, dass das Regime einen Bürgerkrieg will, würde der Einsatz von Waffen auf Seiten der Demonstranten die Zahl der Toten erheblich in die Höhe treiben. Gegen schweren Waffen lässt sich mit Pistolen und Gewehren wenig ausrichten. Auch eine Nato-Intervention sehe ich nicht als Lösung, genausowenig wie die Lokalen Koordinierungskomitees. Ich weiß nicht, wie unser Aufstand enden wird. Ich weiß nur, dass der Einsatz von Waffen und eine Einmischung der Nato das Ende von Syrien und seiner Zukunft bedeuten würden.

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Jahrgang 1971, Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Kairo.

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