Für Menschen, die im Gegensatz zu dem 1969 verstorbenen Philosophen Theodor W. Adorno an ein richtiges Leben im falschen glauben, ist das Frankfurter Nordend ein idealer Aufenthaltsort.
Seit alters erreichen SPD und Grüne in den zum Stadtteil gehörenden Wahlbezirken Ergebnisse, die an die DDR-Volkskammerwahlen gemahnen, auf dem Areal zwischen Eschersheimer und Friedberger Landstraße herrscht auf Beschluss des Ortbeirats Radhelmzwang und Rauchverbot, durch eine von allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen unterstützte Parkplatzverknappung ist der Autoverkehr praktisch zum Erliegen gekommen.
In Rikschas herangekarrte fernöstliche Touristen bestaunen die durch Gedenktafeln markierten Wohngemeinschaften, in denen Dani vor urdenklichen Zeiten gehaust, und die Kneipen, in denen Joschka die Mitglieder seiner Gang unter den Tresen gesoffen hat.
Drohende Ausländerfeindlichkeit
Im Maison du Pain werden die luftigsten Bio-Baguettes östlich des Rheins serviert, im Salon Christina kommen die köstlichsten laktosefreien Eissorten nördlich der Alpen auf den Tisch. Im Holzhausenpark umspielen die spätgeborenen Kinder deutscher LehrstuhlinhaberInnen die Knie ihrer afrikanischen oder osteuropäischen Nannys, im Ristorante Settimo Cielo durchblättern emeritierte Systemkritiker die „taz“ und ruhen sich bei fair getradeten Victoriabarschen und einem guten Tropfen aus heimischen Spitzenlagen vom Marsch durch die Institutionen aus, kurzum: Carl Spitzweg hätte am Treiben seiner biedermeierlichen Wiedergänger seine helle Freude.
Martin P. (Namen geändert), der als Politologe seit dem Fall des antifaschistischen Schutzwalls angehende Sozialarbeiter mit niemals erlahmender Ausdauer von den Vorzügen der antikapitalistischen Mobilisierung ihrer zukünftigen Klientel zu überzeugen sucht, gehört zu den Menschen, die das Privileg, ihr Leben in dieser optimal gepolsterten Parzelle des bundesrepublikanischen Gemeinwesens verbringen zu dürfen, mit einer physiognomisch geronnenen Grämlichkeit quittieren.
Ein Gesichtsausdruck, der mit der Dauerbesorgnis zu erklären ist, die ihn und seine im Staatsdienst stehenden Mitstreiter umtreibt: Unter all dem draufgeschafften Savoir-vivre und multikulturellen Tinnef lauere die Barbarei, drohe nicht nur den Bewohner des Nordends, sondern den Deutschen insgesamt der Rückfall in Chauvinismus, Revanchismus und Ausländerfeindlichkeit.
Wortschatz reicht nicht für die Hymne
Wenn Martin P., bestätigt und gestählt durch die Lektüre der „Frankfurter Rundschau“, allmorgendlich am Frühstückstisch die Häupter seiner Lieben zählt, ist er sich mit seiner Frau Martha und seiner vierzehnjährigen Tochter Susanne einig, dass man den deutschen Patienten auch an trügerisch sonnigen Tagen im Auge behalten muss: Immer bereit!
Nach den Sommerferien haben sich ein paar Schüler der Klasse 9f des XY-Gymnasiums für musisch Begabte in der großen Pause auf dem Schulhof versammelt und diskutieren den Ausgang der Fußballeuropameisterschaft. Hätte das gemeinsame Absingen der Nationalhymne die abermalige Niederlage der Deutschen gegen Italien verhindern können? Ist die Lustlosigkeit der Gesangsdarbietung der deutschen Equipe auf den laschen Führungsstil des Bundestrainers zurückzuführen?
Kann den Spielern Mesut Özil, Lukas Podolski, Sami Khedira und Jerome Boateng zugemutet werden, ein Lied anzustimmen, in dem ihr Migrationshintergrund nicht zur Sprache kommt? Hans vertritt die Meinung, dass man für eine Prämie von 20.000 Euro pro Kopf und Spiel schon erwarten könne, dass alle mitsingen. Saskia glaubt zu wissen, dass Podolski nur deshalb geschwiegen habe, weil sein Wortschatz für die Bewältigung der Hymne nicht ausreiche. Schließlich habe er in Auschwitz zusammen mit Miroslav Klose freiwillig einen Kranz abgelegt, obwohl ihre polnischen Vorfahren selbst unter den Nazis gelitten hätten.
Total kommerzialisiert und aggressiv
Jan findet die ganze Diskussion voll bescheuert, weil Fußballer nicht fürs Singen oder Blumenstreuen, sondern fürs Siegen bezahlt würden. Susanne, die Tochter von Martin P., macht sich sowieso nichts aus dieser Sportart, weil sie total kommerzialisiert und aggressiv sei und das Publikum zudem von der Beschäftigung mit brennenden gesellschaftlichen Problemen ablenke.
Karsten J., der aufsichtführende Lehrer, holt die ihm anvertrauten Educandi auf bewährte Weise da ab, wo sie gerade herumstehen, und stellt ihnen in Aussicht, der Sache in einer den diversen Nationalhymnen gewidmeten Projektwoche auf den Grund zu gehen. Da den Schülern die Umleitung ihres spontanen Interesses auf die Mühle des Unterrichts wenig verlockend erscheint, hält sich ihre Begeisterung in Grenzen.
Karsten J., der im Lauf seines langen Lehrerlebens mehrere Kohorten angeblich musikalisch hochbegabter Fünftklässler dem Reich der Kakophonie entrissen und unter Mühen in den Klangkörper des Schulorchesters integriert hat, versucht, den Pubertierenden die Entstehungsgeschichte und die Identitätsfunktion der europäischen Nationalhymnen nahezubringen und fordert sie auf, Referate über das Liedgut ihrer Herkunftsländer zu erarbeiten und dieses, soweit es der Stimmbruch zulässt, auch vorzutragen.
Kein Schunkellied vom DFB
Peter vermeldet mit Stolz, dass die seit dem 16. Jahrhundert gesungene niederländische Hymne Het Wilhelmus die älteste der Welt ist, Stefan hat herausgefunden, dass die Schweizer, Preußen und Liechtensteiner die Melodie ihrer Hymnen von seinen britischen Ahnen übernommen haben, Antonio gibt zum Besten, dass seine italienischen Großeltern lieber Avanti Popolo als Fratelli d’Italia singen, während sich zwei aus Spanien und Bosnien stammende Mitschüler auf die schriftliche Darstellung beschränken müssen, weil die Hymnen ihrer Heimatländer keinen Text aufweisen.
Susanne, die das Geschehen in einem nur vom Feilen ihrer Fingernägel und der Überprüfung ihres SMS-Eingangs unterbrochenen Dämmerzustand über sich ergehen lässt, kommt erst zu sich, nachdem Herr J. ihr einen Eintrag ins Klassenbuch angedroht hat und sich anschließend über die Herkunft des Deutschlandlieds auslässt. Nein, die Nationalhymne sei kein vom DFB und der Brauerei Bitburger in Auftrag gegebenes Schunkellied, vielmehr stamme sie aus der Feder des Dichters Hoffmann von Fallersleben und sei 1841 auf dem Hamburger Jungfernstieg erstmals öffentlich gesungen worden.
Das Lied habe in einer Zeit der politischen Zerrissenheit die Sehnsucht nach einem geeinten Deutschland ausgedrückt und die beiden Liedzeilen „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ seien ursprünglich keine Aufforderung gewesen, in Dänemark, Russland, Italien oder Belgien einzufallen; Hoffmann habe die vier Gewässer lediglich aufgezählt, um die Größe des gemeinsamen Sprachraums zu umreißen.
„Er hat's getan“
Nachdem die Teenager, denen die Rheinkrise von 1841 wohl weniger nahegeht als das Aussterben der Dinosaurier, die Urfassung der Nationalhymne ohne nennenswerte Emphase heruntergeleiert haben, ertönt das Pausenzeichen, und Susanne kann ihrem Vater endlich eine Kurzbotschaft zugehen lassen: Er hat’s getan.
Am Abend des Tages setzt Martin P. die Eltern der 9f davon in Kenntnis, dass Herr J. ihre Kinder gezwungen habe, alle drei Strophen des Deutschlandliedes zu singen, und bittet um eine Stellungnahme. Da sich die eingeforderte Empörung in Grenzen hält, schiebt der Elternvertreter eine von der hessischen GEW anlässlich der WM 2006 veröffentlichte Expertise nach, in der ein generelles Verbot der nazistisch kontaminierten Hymne gefordert wird; Martha P. betont in einem separaten, aus mütterlicher Sicht verfassten Rundschreiben, dass die Kinder der Opfer des deutschen Faschismus ein Anrecht darauf hätten, vor rechtsradikalem Gedankengut geschützt zu werden.
Weil sich die Mehrheit der Elternschaft an der Entlarvung des scheinbar harmlosen Musikpädagogen dennoch desinteressiert zeigt, greift der letzte Gerechte auf die Kampftechnik des Wadenbisses zurück, eine beispielsweise von niederläufigen Rauhhaardackeln bevorzugte Angriffsart, die darin besteht, sich der zu groß geratenen Beute von vorne schwanzwedelnd zu nähern, um dann hinterrücks zuzuschnappen.
Beflissen sein und recht haben
In ein anthropomorphes Narrativ übersetzt: Auf Empfehlung des Elternbundes Hessen umgeht Martin P. den als Rattenfänger enttarnten Chorleiter und wendet sich direkt an die Juristin des staatlichen Schulamtes, um feststellen zu lassen, ob der Vorgang justitiabel, mithin Herrn J. daraus ein Strick zu drehen sei.
Kurz nachdem die Beamtin ihn beschieden hat, dass laut Urteil des Amtsgerichts Münster vom 15. Dezember 2003 (AZ: NZS 15 GF 419/03) alle drei Strophen gesungen werden dürfen, erhält Herr P. einen Anruf des Schulleiters des XY-Gymnasiums, der sich von der Stellungnahme der Juristin zwar überrascht zeigt, aber um des lieben Friedens willen ein klärendes Vieraugengespräch mit dem verdächtigen Lehrer vorschlägt.
Dieser Empfehlung mag Herr P. nicht folgen, solange das Votum der Elternschaft fehlt und die Rechtslage strittig ist. Stattdessen setzt er sich mit dem Büro des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt in Verbindung und ersucht um ein letztinstanzliches Gutachten. Die Mitarbeiterin verweist auf die Fülle derartiger Anfragen und bittet den Ratsuchenden um ein wenig Geduld. Die Angelegenheit werde aber gewiss nicht auf die lange Bank geschoben: Don’t call us, we call you.
Obwohl der Ausgang des Verfahrens offen ist, harrt der selbsternannte Ermittler der Dinge, die da kommen, in gehobener Stimmung. Bei Dinkelbrätling und naturtrübem Apfelwein feiern die Hüter des Stadtteils im Familienverband einen Etappensieg: Irgendetwas wird am Ende schon hängenbleiben. Dass die Gestalt des universellen Denunzianten, gleich welcher Couleur, kaum Sympathien weckt, ist ihm seit jeher gleichgültig. Sein Glück ist: beflissen sein und recht haben.
Die Wacht am Main
Jan Wolters (ueberAdornoredend)
- 08.11.2012, 17:41 Uhr
die Wahrheit ist aber eine andere: letzter Eintrag
Uwe Stein (UweImNordend)
- 07.11.2012, 13:45 Uhr
Treffsicherer Artikel
Paul Packband (V.Ollverarscht)
- 06.11.2012, 18:55 Uhr
Ein starkes Stück.
Muriel Scheid (AufgeregteBuergerin)
- 06.11.2012, 18:06 Uhr
Traumhafter Artikel
Philipp Jörgovic (IMAngela)
- 06.11.2012, 16:43 Uhr