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Aufregung um die Hymne : Die Wacht am Main

  • -Aktualisiert am

Bild: Simon Schwartz

Das Nordend in Frankfurt ist eine optimal gepolsterte Parzelle des bundesrepublikanischen Gemeinwesens. Einer jedoch vermutet selbst hier Barbarei. Es geht um die drei Strophen des Deutschlandlieds.

          Für Menschen, die im Gegensatz zu dem 1969 verstorbenen Philosophen Theodor W. Adorno an ein richtiges Leben im falschen glauben, ist das Frankfurter Nordend ein idealer Aufenthaltsort.

          Seit alters erreichen SPD und Grüne in den zum Stadtteil gehörenden Wahlbezirken Ergebnisse, die an die DDR-Volkskammerwahlen gemahnen, auf dem Areal zwischen Eschersheimer und Friedberger Landstraße herrscht auf Beschluss des Ortbeirats Radhelmzwang und Rauchverbot, durch eine von allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen unterstützte Parkplatzverknappung ist der Autoverkehr praktisch zum Erliegen gekommen.

          In Rikschas herangekarrte fernöstliche Touristen bestaunen die durch Gedenktafeln markierten Wohngemeinschaften, in denen Dani vor urdenklichen Zeiten gehaust, und die Kneipen, in denen Joschka die Mitglieder seiner Gang unter den Tresen gesoffen hat.

          Drohende Ausländerfeindlichkeit

          Im Maison du Pain werden die luftigsten Bio-Baguettes östlich des Rheins serviert, im Salon Christina kommen die köstlichsten laktosefreien Eissorten nördlich der Alpen auf den Tisch. Im Holzhausenpark umspielen die spätgeborenen Kinder deutscher LehrstuhlinhaberInnen die Knie ihrer afrikanischen oder osteuropäischen Nannys, im Ristorante Settimo Cielo durchblättern emeritierte Systemkritiker die „taz“ und ruhen sich bei fair getradeten Victoriabarschen und einem guten Tropfen aus heimischen Spitzenlagen vom Marsch durch die Institutionen aus, kurzum: Carl Spitzweg hätte am Treiben seiner biedermeierlichen Wiedergänger seine helle Freude.

          Martin P. (Namen geändert), der als Politologe seit dem Fall des antifaschistischen Schutzwalls angehende Sozialarbeiter mit niemals erlahmender Ausdauer von den Vorzügen der antikapitalistischen Mobilisierung ihrer zukünftigen Klientel zu überzeugen sucht, gehört zu den Menschen, die das Privileg, ihr Leben in dieser optimal gepolsterten Parzelle des bundesrepublikanischen Gemeinwesens verbringen zu dürfen, mit einer physiognomisch geronnenen Grämlichkeit quittieren.

          Ein Gesichtsausdruck, der mit der Dauerbesorgnis zu erklären ist, die ihn und seine im Staatsdienst stehenden Mitstreiter umtreibt: Unter all dem draufgeschafften Savoir-vivre und multikulturellen Tinnef lauere die Barbarei, drohe nicht nur den Bewohner des Nordends, sondern den Deutschen insgesamt der Rückfall in Chauvinismus, Revanchismus und Ausländerfeindlichkeit.

          Wortschatz reicht nicht für die Hymne

          Wenn Martin P., bestätigt und gestählt durch die Lektüre der „Frankfurter Rundschau“, allmorgendlich am Frühstückstisch die Häupter seiner Lieben zählt, ist er sich mit seiner Frau Martha und seiner vierzehnjährigen Tochter Susanne einig, dass man den deutschen Patienten auch an trügerisch sonnigen Tagen im Auge behalten muss: Immer bereit!

          Nach den Sommerferien haben sich ein paar Schüler der Klasse 9f des XY-Gymnasiums für musisch Begabte in der großen Pause auf dem Schulhof versammelt und diskutieren den Ausgang der Fußballeuropameisterschaft. Hätte das gemeinsame Absingen der Nationalhymne die abermalige Niederlage der Deutschen gegen Italien verhindern können? Ist die Lustlosigkeit der Gesangsdarbietung der deutschen Equipe auf den laschen Führungsstil des Bundestrainers zurückzuführen?

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