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Attentat in Nordossetien : Die Rückkehr der "schwarzen Witwen"

  • -Aktualisiert am

Ermittler untersuchen ein zerstörtes Sammeltaxi am Marktplatz von Wladikawkas Bild: dpa

Im Gegensatz zu anderen Republiken am Kaukasus galt Nordossetien bisher immer als eine ruhigere Region. Das hat sich mit dem Anschlag auf ein Sammeltaxi in der Hauptstadt Wladikawkas geändert: Man erwartet wieder Terror durch weibliche Selbstmordattentäter.

          Zwölf Tote, 38 unterschiedlich schwer Verletzte, zumeist Jugendliche - das ist die Bilanz eines Anschlags, der sich am Donnerstag im Zentrum von Wladikawkas ereignet hat, der Hauptstadt der zur Russischen Föderation gehörenden nordkaukasischen Teilrepublik Nordossetien. Wladikawkas heißt „Beherrsche den Kaukasus“. In der Umgebung ist die 58. Armee der russischen Streitkräfte stationiert, die den Kern der Invasionstruppen bildete, die Anfang August in die im Südkaukasus gelegene georgische Provinz Südossetien einmarschierte und bis in die Kerngebiete Georgiens vordrang. Von Nordossetien aus wurden die russischen Raketen abgefeuert, die im zweiten Tschetschenienkrieg 1999 die tschetschenische Hauptstadt Grosnij in Schutt und Asche legten und die Separatisten in die Knie zwangen.

          Den islamistischen Widerstand niederkämpfen

          Nordossetiens Bevölkerung ist - anders als in allen übrigen, muslimisch geprägten Nordkaukasusrepubliken - überwiegend russisch-orthodox oder „religiös indifferent“ und gilt als Russland freundlich gesonnen. Würden Pläne verwirklicht, Südossetien in die Russische Föderation einzugliedern, von denen nach dem russisch-georgischen August-Krieg die Rede war, und mit Nordossetien zu vereinen, würde eine neues Föderationssubjekt Ossetien entstehen, das den Russen größeren Rückhalt in der Region böte.

          Nordossetien liegt im Streit mit Inguschetien

          Andererseits werden immer wieder Pläne der Moskauer Zentrale diskutiert, Inguschetien mit Tschetschenien zu vereinen, um den starken Mann Tschetscheniens, Präsident Ramsan Kadyrow, in Inguschetien das tun zu lassen, was den russischen Sicherheitskräften und Armeeeinheiten nicht gelungen ist, nämlich den zum Teil islamistisch geprägten Widerstand mit Gewalt niederzukämpfen.

          Auch Inguschen waren Geiselnehmer in Beslan

          Mit der Nachbarrepublik Inguschetien liegt Nordossetien seit Jahren im Streit um ein Gebiet - den Kreis Prigorod -, das ursprünglich von Inguschen besiedelt, nach deren Deportierung durch Stalin im Zweiten Weltkrieg aber von Nordosseten Zug um Zug angeeignet und der Republik Nordossetien zugeschlagen wurde. Nach ihrer Rückkehr unter Chruschtschow fanden die Inguschen dieses Gebiet von Nordosseten besiedelt vor.

          Andererseits ist das größte Trauma der Nordosseten mit Inguschetien verbunden: die Besetzung einer Schule in Beslan im September 2004, bei der mehr als 300 Geiseln getötet wurden. Unter den Geiselnehmern waren neben Tschetschenen auch Inguschen.

          Die Jugend strömt in den islamistischen Untergrund

          Die jüngste politische Geschichte könnte laut manchen russischen Beobachtern auf die Spur der Täter führen. Die erfolgreiche Bekämpfung des tschetschenischen Untergrunds nach dem zweiten Tschetschenienkrieg führte dazu, dass die Untergrundkämpfer größtenteils aus Tschetschenien in die Nachbarrepubliken auswichen. Diese wandelten sich von nationalen Separatisten zu Islamisten, die den ganzen Kaukasus in Brand stecken und Russland aus der Region vertreiben wollten. Im Nordkaukasus entstand ein Netz von islamistischen Untergrundzellen, die Zulauf aus den Reihen der Jugend fanden.

          Einer der Gründe dafür ist, dass die regionalen Machthaber von Moskaus Gnaden kaum etwas für die wirtschaftliche Entwicklung der bettelarmen Gebiete unternahm und gegen Proteste die Sicherheitskräfte vorgehen ließen. Bei Säuberungsaktionen der Streitkräfte waren oft Zivilisten unter den Opfern. Verwandte von Getöteten töteten die Familien der Täter.

          Mit der Ruhe ist es vorbei

          Inguschetien war in den vergangenen Monaten der Schauplatz mit den meisten Anschlägen. Einer der Brennpunkte war Dagestan. Vor einigen Monaten waren russische und aserbaidschanische Sicherheitskräfte gemeinsam in Kämpfe mit islamistischen Untergrundkämpfern im Grenzgebiet zu Dagestan verwickelt. In Nordossetien blieb es dagegen verhältnismäßig ruhig. Das hat sich mit dem Anschlag von Donnerstag geändert. Am Freitag musste das Gebäude, in dem die Regierung Nordossetiens in Wladikawkas ihren Sitz hat, aus Angst vor einem Terroranschlag geräumt werden. Inzwischen scheint auch erwiesen, dass der Anschlag in Wladikawkas vom Donnerstag von einem Selbstmordattentäter ausgeführt wurde.

          Frauen als Selbstmordattentäter

          Am Freitag wurde berichtet, dass Fragmente eines Sprengstoffgürtels gefunden worden seien, mit dem das Sammeltaxi und der darin befindliche Sprengstoff im Herzen der Stadt in die Luft gejagt wurde. Das bedeutet, dass in Russlands kaukasischen Provinzen die „schwarzen Witwen“ wieder unterwegs sind, Frauen als Selbstmordattentäter, die in den ersten Jahren am Beginn des Jahrtausends ganz Russland in Schrecken versetzt hatten.

          Einer der innenpolitischen Gegner Kadyrows, Sulim Jamadajew, hatte schon vor Monaten gesagt, dass in Tschetschenien vom Untergrund wieder Selbstmordattentäter angeworben und ausgebildet würden. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann sie zuschlügen. Die Umstände des Anschlags in Wladikawkas deuten in der Tat auf Islamisten, womöglich aus Tschetschenien oder aus Inguschetien als Täter hin. Der Nordkaukasus hat sich in den vergangenen Monaten für die Russen und die von ihnen abhängigen Regionalgewalten abermals als „Ohnmachtszone“ erwiesen, die auch Gefahren für Transkaukasien birgt.

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