21.05.2007 · Den deutschen Soldaten in Afghanistan fällt es immer schwerer, sich von den Kampftruppen abzuheben - die Taliban unterscheiden nicht mehr. Der Anschlag auf die Bundeswehr richtete sich gegen Isaf-Teile, die für ein sanftes Vorgehen stehen. Von Jochen Buchsteiner.
Von Jochen BuchsteinerWer den Krieg in Afghanistan verfolgt, kann die Reaktionen von Präsident Hamid Karzai auf die Anschläge der Taliban inzwischen beinahe mitsprechen. „Die Feinde Afghanistans“, sagte er am Sonntag in Kabul, „müssen verstehen, dass es ihnen nie gelingen wird, den Fortschritt Afghanistans mit ihren feigen Handlungen zu behindern.“ Karzai hatte seine Beileidsbekundung für die drei getöteten Bundeswehrsoldaten kaum beendet, da platzte schon die nächste Schreckensmeldung herein: In der ostafghanischen Stadt Gardes hatten Selbstmordattentäter, die einen amerikanischen Militärkonvoi in die Luft sprengen wollten, zehn afghanische Zivilisten getötet und mindestens dreißig verletzt.
Seit knapp einer Woche scheinen die Taliban in die Tat umzusetzen, was sie zu Beginn des Jahres angekündigt und nach dem Tod ihres Kommandeurs Mullah Dadullah am vergangenen Wochenende bekräftigt hatten. Seit Dienstag schwärmten mindestens fünf Selbstmordattentäter aus und rissen an verschiedenen Orten insgesamt fünfzig Personen in den Tod. Viele von ihnen waren Opfer der „Rache“, die die Taliban nach dem Tod Dadullahs geschworen hatten. In Kandahar wurde der örtliche Gouverneur angegriffen, der die Aufbahrung des Rebellenhelden angeordnet hatte.
Primat des Wiederaufbaus
Ob auch der Anschlag auf die Bundeswehr in Kundus im Zusammenhang mit den Racheaktionen gesehen werden muss, ist fraglich. Andere Motive liegen näher. Der Selbstmordattentäter verübte den Anschlag nur wenige Tage vor dem geplanten Besuch des deutschen Außenministers in Afghanistan. Beobachter halten für möglich, dass die Taliban ein - möglicherweise auch über Berlin hinausweisendes - Zeichen setzen wollten und gezielt jenen Teil der Nato-geführten Afghanistan-Schutztruppe Isaf ins Visier genommen haben, der für einen anderen, behutsameren Weg des militärischen Engagements steht.
Seit Beginn der Stationierung ausländischer Soldaten markiert die Bundeswehr einen Pol in der multilateralen Truppe. Kaum ein Kontingent setzt so stark auf den Primat des Wiederaufbaus und vermittelt mehr Zweifel am Erfolg eines robusten militärischen Vorgehens. Die Bundeswehrsoldaten, die am Samstag sterben mussten, waren aus ihren gepanzerten Fahrzeugen ausgestiegen, um auf dem Markt etwas einzukaufen.
Eindruck einer internationalen Kampftruppe
Nicht zuletzt weil Berlin weiß, dass das „Good-guy-Image“ im heftiger umkämpften Süden schwerer aufrechtzuerhalten wäre, ist es der Regierung Merkel bislang gelungen, dem unüberhörbaren Drängen der angelsächsischen Isaf-Steller zu trotzen und im Norden stationiert zu bleiben. Die Demonstration der Taliban, dass auch im Norden keine Sicherheit zu haben ist, und damit einhergehend der Tod von nunmehr 21 Bundeswehrsoldaten seit 2002 - nur Amerikaner, Briten und Kanadier beklagen mehr Gefallene - könnten die Reihen der Nato-Truppe nun wieder fester schließen.
Insbesondere die Vereinigten Staaten arbeiten seit Jahren mit Geschick daran, die unterschiedlichen Ansätze der Isaf-Truppensteller zu vereinheitlichen. Nachdem sich die Isaf zunächst regional ausgedehnt hatte und aus Kabul und Umgebung mit Wiederaufbauteams in die Provinzen gegangen war, verschmolz sie schließlich fast vollständig mit den von Amerika geführten Koalitionstruppen, deren Auftrag die Jagd auf Terroristen ist. Schon in den vergangenen Monaten fiel es den auf „weiche Einsatzführung“ eingeschworenen Einheiten zunehmend schwer, sich noch vom allgemeinen Eindruck einer internationalen Kampftruppe abzuheben.
Druck auf den Präsidenten nimmt zu
Den Taliban kann kaum etwas Besseres passieren, als die ausländischen Soldaten als eine „vereinte Besatzungsmacht der Ungläubigen“ unter amerikanischer Führung präsentieren und bekämpfen zu dürfen. Soldaten wie die Deutschen oder auch die Niederländer, die mit einer Strategie des „wave and smile“ (Winken und Lächeln) Sympathiepunkte sammeln, müssen den Taliban, die auf die Unterstützung der Afghanen angewiesen sind, ein Graus sein.
Die von den Rebellen betriebene Eskalation zielt nicht zuletzt darauf ab, die Regierung Karzai weiter zu schwächen. Schon seit geraumer Zeit nimmt der Druck auf den Präsidenten zu, sich von den Amerikanern zu distanzieren und auf die Taliban zuzugehen. Am 8. Mai verabschiedete der Senat eine Resolution, in der die Nato aufgefordert wurde, die Kampfhandlungen einzustellen. Die Regierung, forderten die Senatoren, solle „direkte Verhandlungen mit den betroffenen afghanischen Seiten im Land“ aufnehmen. Das Unterhaus schwächt Karzai zusätzlich, indem es seinen Außenminister Spanta abzuschießen versucht.
Zweckbündnis gegen Karzai und den Westen
Gleichzeitig schwindet langsam die Geduld im Ausland. Dass die Milliarden Euro an internationalen Hilfsgeldern kaum sichtbare Ergebnisse hinterlassen haben, wird weithin dem Missmanagement und der Korruption in der Regierung Karzai zugeschrieben. Der Präsident entferne sich von der Demokratie, sagte der einflussreiche amerikanische Außenpolitikexperte Richard Holbrooke Ende vergangenen Monats in Brüssel und soll dafür von Nato-Generalsekretär de Hoop Scheffer Zustimmung erhalten haben.
Karzai wirkt zunehmend isoliert. In der „Vereinigten Nationalen Front Afghanistans“ ist ihm eine Oppositionsbewegung erwachsen, in der sich fast alles wiedertrifft, was in den vergangenen dreißig Jahren Rang und Namen im Land hatte. Die Zielrichtung des Bündnisses, das enttäuschte Mitglieder der „Nordallianz“ mit bekannten Warlords, ehemaligen Kommunisten und dem früheren Ministerpräsidenten Rabbani vereint, ist offiziell ein innerafghanischer Dialogprozess. Beobachter sehen das Zweckbündnis aber vor allem als Bewegung gegen Karzai und eine westliche Präsenz im Land.
Die „Vereinigte Front“ unterhält nicht nur Verbindungen zu den Taliban, sondern auch zu den beiden mächtigen Nachbarstaaten Pakistan und Iran. „Unaufhaltsam verlieren die Amerikaner ihr Monopol über die Konfliktlösung in Afghanistan“, analysiert der indische Publizist M. K. Bhadrakumar, der früher als Diplomat in der Region diente. Das Schicksal Afghanistans entscheide sich nicht an der vielfach erwarteten Frühjahrsoffensive der Taliban, die womöglich nie kommen werde, „sondern daran, ob die Regionalmächte nun ernsthaft damit beginnen, die politischen Gräben in Afghanistan auszubeuten, um die Nato-Strategie zu unterminieren“.
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Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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