03.11.2003 · Ein halbes Jahr nachdem Präsident Bush die „Hauptkriegshandlungen“ im Irak für beendet erklärte, wurde ein Hubschrauber der amerikanischen Armee abgeschossen. Dabei wurden 16 Soldaten getötet, 20 Verletzte wurden nach Deutschland geflogen.
In einer ersten Reaktion Washingtons auf den folgenschweren Abschuß eines amerikanischen Militärhubschraubers in Irak am Sonntag morgen hat Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Beibehaltung der Strategie Washingtons bekräftigt. Die Vereinigten Staaten würden ihre Anstrengungen zur Stabilisierung Iraks fortsetzen, sagte Rumsfeld am Sonntag in Washington.
Die Regierung von Präsident Bush werde nicht aufgeben, den internationalem Terrorismus zu bekämpfen. „Man kann sich nicht einfach verstecken und hoffen, daß sie nicht wieder zuschlagen werden.“ Es gehe darum, „den Krieg gegen den Terror zu den Terroristen zu tragen“, sagte Rumsfeld. Beim Abschuß des Transporthubschraubers wurden in der Nähe von Falludscha, etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad, mindestens 15 Soldaten getötet und 21 verletzt. Einige der Überlebenden sind am Montag morgen nach Deutschland gebracht worden. Vom Militärflughafen Ramstein sollten die Verletzten zur Behandlung ins amerikanische Militärkrankenhaus nach Landstuhl gebracht, teilte ein Armee-Sprecher mit.
Nach Angaben von Rumsfeld gebe es keine Beweise, daß der gestürzte irakische Staatschef Saddam Hussein die jüngsten Anschläge auf amerikanische Truppen koordiniert habe. Die Menschen fürchteten Saddam Hussein aber immer noch, und solange er nicht tot oder gefangengenommen sei, werde diese Sorge bleiben.
Weitere Zwischenfälle
Ein „nicht identifiziertes Geschoß“ habe den Hubschrauber vom Typ CH-47 „Chinook“ getroffen, sagte ein amerikanischer Militärsprecher. Nach den Worten von Rumsfeld handelte es sich wahrscheinlich um eine Boden-Luft-Rakete. Ein Augenzeuge sagte, insgesamt seien zwei Geschosse abgefeuert worden, eines habe den Hubschrauber im hinteren Bereich getroffen und in Brand gesetzt. Ein weiterer „Chinook“-Hubschrauber soll sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf dem Weg nach Bagdad befunden haben, blieb aber unberührt von der Attacke. Die beiden Helikopter hatten insgesamt 57 Soldaten an Bord, die von einem amerikanischen Stützpunkt nach Bagdad geflogen werden sollten, um einen Fronturlaub anzutreten.
Landesweit gab es im Irak weitere Zwischenfälle, bei denen mindestens ein weiterer amerikanischer Soldat getötet wurde. Bei einer Handgranatenattacke westlich von Bagdad sind am Sonntag nach Angaben des arabischen Fersensehsenders Al Arabija zwei amerikanische Zivilisten getötet worden. Der Sender, der sich auf die amerikanische Armee berief, nannte keine weiteren Einzelheiten. Ein amerikanischer US-Soldat starb nach Militärangaben bei einem Bombenanschlag in Bagdad.
„Von Zeit zur Zeit passiert das“
Rumsfeld bemühte sich, den Angriff in seiner Reaktionen herunterzuspielen. Er vermittelte den Amerikanern in mehreren bereits vorab geplanten Auftritten in Talksendungen die Botschaft, daß dies zwar ein „tragischer Tag“ sei, solche Vorfälle aber in Kriegen vorkommen könnten und unausweichlich seien. Tragbare Boden-Luft Raketen, mit denen Hubschrauber abgeschossen werden können, seien leicht erhältlich: „Von Zeit zu Zeit passiert das an verschiedenen Orten“, sagte Rumsfeld, der dabei dennoch sichtlich betroffen wirkte.
Der Angriff kam sechs Monate, nachdem Bush am 1. Mai das Ende der Hauptkampfhandlungen in Irak erklärt hatte. Seitdem wurden durch Anschläge mindestens 139 amerikanische Soldaten getötet und damit mehr als während des Krieges, bei dem 114 Soldaten ums Leben kamen. Die Attacke am Sonntag ist die bislang folgenschwerste auf die amerikanische Armee im Irak seit der Eroberung Bagdads am 9. April.
Bereits vor einer Woche war ein amerikanischer Hubschrauber in der Nähe von Takrit, 160 Kilometer nördlich von Bagdad, von Unbekannten angeschossen worden, der sich mit einer Bruchlandung retten konnte. Auch bei dem vom amerikanischen Militär kontrollierten Bagdader Flughafen war es in der Vergangenheit zu Zwischenfällen gekommen. Unbekannte hatten mehrfach mit schultergestützten Luftabwehrraketen auf anfliegende Flugzeuge geschossen. Die Raketen hatten aber bei diesen Zwischenfällen ihre Ziele stets verfehlt.
„Zivile Luftfahrt im Visier“
Den amerikanischen Truppen im Irak war offenbar bekannt, daß es ihre Gegner darauf abgesehen hatten, in einer aufsehenerregenden Aktion eine amerikanische Maschine vom Himmel zu holen. Zu sehr hatten sich nach dem Vorfall von Takrit entsprechende Hinweise weiter erhärtet. Vor einer Woche legte ein Blackhawk-Hubschrauber bei Takrit eine Bruchlandung hin, nachdem er von einer Rakete getroffen worden war.
Erst am Freitag hatte das Außenministerium in Washington von „glaubhaften Informationen berichtet, „daß Terroristen die zivile Luftfahrt in Irak ins Visier genommen haben“. Rumsfeld sagte am Sonntag im amerikanischen Fernsehsender NBC: „Wir wußten von Boden-Luft-Raketen, bevor wir ins Land sind. Sie sind gefährlich und existieren in großer Zahl. Es ist immer ein Risiko.“ Der Verteidigungsminister gestand nach dem Anschlag einmal mehr Probleme seiner Armee in Irak ein und beschwor gleichzeitig ihren Durchhaltewillen. „Es ist kein schönes Bild. Es ist ein häßliches Bild“, sagte Rumsfeld.
Noch einen Tag zuvor hatte Generalleutnant Ricardo Sanchez, amerikanischer Militärkommandant in Irak, davon gesprochen, daß „Stabilität und Sicherheit in großen Teilen“ Iraks herrschten. Die Zunahme der Anschläge sei „strategisch und operationell unbedeutend“.
Irakische Jugendliche feiern
Augenzeugen der Agentur AFP berichteten, unweit der westlich von Bagdad gelegenen Abschußstelle inmitten eines abgeernteten Kornfeldes hätten Jugendliche, kurz bevor der Transporthubschrauber getroffen wurde, noch neben einem von unbekannten Angreifern zerstörten amerikanischen Militärfahrzeug gefeiert.
Die abermalige Attacke ist nicht nur ein schwerer Schlag für die amerikanische Armee, sondern auch für diejenigen Iraker, die auf eine baldige Rückkehr zur Normalität hoffen. Denn die bereits im Mai angekündigte Öffnung des Flughafens Bagdad für die zivile Luftfahrt, die bisher wegen des Abschußrisikos immer wieder verschoben wurde, würde dem Irak ein Tor zur Welt geben - was für die wirtschaftliche Entwicklung extrem wichtig ist.
Widerstand an der Heimatfront
Gleichzeitig wächst der Druck auf dem amerikanischen Präsidenten. Unter den Zehntausenden von Demonstranten, die vor einer Woche in Washington für ein baldiges Ende der Besatzung demonstriert hatten, waren auch Angehörige von Soldaten, die im Irak stationiert sind oder dort im Einsatz getötet wurden. Doch obwohl sich wegen der inzwischen fast täglichen Meldungen über getötete Soldaten in den amerikanischen Medien langsam Widerstand gegen die Besatzung regt, hatte Bush wiederholt erklärt, ein frühzeitiger Abzug aus dem Irak komme nicht in Frage. Denn dies würde nach Meinung von Bush auch die Terrorgefahr für die Vereinigten Staaten selbst erhöhen.
Um die Moral der Truppen im Irak zu verbessern, hatte das Pentagon vor einigen Wochen ein Programm gestartet, das den Soldaten eine zweiwöchige Ruhepause außerhalb des Landes ermöglichen soll. Die Soldaten, die am Sonntag starben, sollten mit dem Hubschrauber nach Bagdad gebracht werden, um einen Heimaturlaub anzutreten. Ob es irgendeinem Zusammenhang zwischen dem Abschuß des „Chinook“-Helikopters und den in Bagdad kursierenden Gerüchten über „Tage des Widerstands“ gibt, die angeblich am Samstag beginnen sollten, ist unklar.