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Atomschmuggel-Prozess „Das Projekt GL“

05.06.2008 ·  Weil er sich am libyschen Atomprogramm beteiligt haben soll, muss sich ein 65 Jahre alter Ingenieur vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten. Ihm wird vorgeworfen, Teil eines internationalen Netzwerks um den als „Vater der pakistanischen Atombombe“ bekannten Abdul Kahn gewesen zu sein.

Von Rüdiger Soldt
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Wenn die Atomgeschäfte des deutschen Unternehmers Gotthard L. mit dem libyschen Diktator Gaddafi zu Ende geführt worden wären, hätte der nordafrikanische Staat jeden Monat 28 Kilogramm waffenfähiges Uran herstellen können. Ein Staat in einer Krisenregion im Süden des Nato-Gebiets wäre wie Pakistan zu einer Atommacht geworden. Der Mann, der an der Anbahnung des Geschäftes mit dem libyschen Diktator Gaddafi nach Auffassung der Bundesanwaltschaft maßgeblich beteiligt gewesen sein soll, heißt Gotthard L., ist 65 Jahre alt und muss sich vor dem vierten Strafsenat des Oberlandesgerichts in Stuttgart für seine Vergehen als Atomtechnologie-Händler verantworten.

In der Anklageschrift wird Gotthard L. vorgeworfen, „durch die Lieferung von Anlagen die Entwicklung und den Bau von Gasultrazentrifugen für die Hochanreicherung von Uran zum Zwecke der Herstellung von Atomwaffen“ unterstützt zu haben. Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft hat der Ingenieur, der als junger Mann bei der Hanauer Firma Leybold Heraeus arbeitete, mehrfach gegen das Außenwirtschafts- und das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen. Gotthard L. habe das „friedliche Zusammenleben der Völker und die auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik“ erheblich gefährdet.

55 Millionen Mark für Gotthard L.

Nach der Darstellung der Ankläger hat Gotthard L. 1999 zusammen mit dem Schweizer Unternehmer Friedrich Tinner und dem Werkzeuglieferanten Peter Griffin vom Atomschmuggler und „Vater der pakistanischen Atombombe“, Abdul Kahn, den Auftrag bekommen, tausend Zentrifugen für Libyen zu beschaffen. Während die Familie Tinner für die Herstellung von Komponenten für die Zentrifugen in Malaysia und der Schweiz zuständig war, soll Gotthard L. für die Produktion des Rohrsystems zur Verbindung der Zentrifugen zu einer Kaskade verantwortlich gewesen sein. Khan lieferte auch nach Nordkorea und an Iran technische Geräte zur Urananreicherung geliefert.

Mit der Abwicklung der Produktion beauftragte Gotthard L. seinen langjährigen Freund Gerhard Wisser, der in Südafrika lebte. Die Atomschmuggler arbeiteten konspirativ und verschleierten ihr Projekt als Lieferung für eine Wasseraufbereitungsanlage in Jordanien. 55 Millionen Mark soll Gotthard L. für die Abwicklung des Geschäfts bekommen haben – etwa die Hälfte des Betrages sollte reichen, um die Produktionskosten zu bezahlen. „Alle zwei Monate reiste Gotthard L. nach Dubai, um über die Herstellung der Anlage, das Projekt GL, in Südafrika zu berichten“, sagte ein Vertreter der Bundesanwaltschaft. Gotthard Ls. Zuhörer in Dubai sollen Abdul Khan und der aus Sri Lanka stammende Abu Tahir gewesen sein. Die Staatsanwälte belegen ihre Anklage zum Beispiel mit Tahirs Aussage, Gotthard L. habe im Jahr 2000 den Auftrag bekommen, die Zentrifuge zur Urananreicherung zu bauen. L. soll auch Schulungen für libysche Techniker organisiert haben.

Der erste Prozess musste ausgesetzt werden

Der Atomhandel flog 2004 auf, als der deutsche Frachter „BBC China“ auf dem Weg von Malaysia nach Libyen aufgehalten wurde. Gotthard L. wurde im Herbst 2004 verhaftet. Der erste Prozess gegen den 65 Jahre alten Angeklagten vor der Wirtschaftsstrafkammer des Mannheimer Landgerichts musste ausgesetzt werden. Danach übergab die Bundesanwaltschaft das Verfahren dem Stuttgarter Oberlandesgericht zur Prüfung der Zuständigkeit.

Aufgrund des zweiten Justizmodernisierungsgesetzes können Verstöße gegen das Kriegswaffenkontroll- und das Außenwirtschaftsgesetz auch vor dem Oberlandesgericht verhandelt werden. Gotthard Ls. Verteidiger bestreiten das, sie beantragten am Donnerstag, das Verfahren an die Mannheimer Kammer zurückzugeben. Darüber will der Stuttgarter Strafsenat nach der Stellungnahme der Bundesanwaltschaft entscheiden. Für den Prozess sind bis zum Januar 2009 zunächst 42 Verhandlungstage angesetzt.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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