10.05.2005 · Der letzte von neun Hochsicherheitstransporten von atomwaffenfähigem Plutonium ist in der französischen Aufbereitungsanlage La Hague eingetroffen. Damit „ist Hanau jetzt plutoniumfrei.“ Der Abriß des Bunkers kann beginnen.
Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ist am Dienstag der letzte von insgesamt neun Hochsicherheitstransporten des hochgiftigen und atomwaffenfähigen Plutonium in der französischen Aufbereitungsanlage La Hague eingetroffen.
Die seit 1985 in Hanau gelagerten unbestrahlten plutoniumhaltigen Kernbrennstoffe, die als Kern für den Reaktor „Schneller Brüter“ in Kalkar gefertigt worden waren, sollen nun in Frankreich zu Mischoxyd-Brennelementen umgearbeitet und anschließend vom Energiekonzern RWE Power im bayerischen Kernkraftwerk Gundremmingen eingesetzt werden, das noch bis 2016 Strom produzieren darf. „Hanau ist jetzt plutoniumfrei - damit ist das Ende der Plutoniumwirtschaft in Deutschland besiegelt“, sagte der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, in Berlin.
238 Transporte
Zusammen mit den 205 Brennelementen des „Schnellen Natriumgekühlten Reaktors“ (SNR) in Kalkar wurde auch das in Hanau gelagerte Material aus dem KNK-Versuchskernkraftwerk (“Kompakte Natriumgekühlte Kernreaktoranlage“) des Forschungszentrums Karlsruhe sowie eine geringe Menge konfisziertes Material von Plutoniumschmugglern nach La Hague gebracht. Insgesamt hat die Hanauer Nuclear Cargo + Service GmbH seit November 2004 rund 1,76 Tonnen Plutonium in 238 unfallsicheren Behältern nach Frankreich transportiert.
In La Hague und Marcoule soll das französische Betreiberunternehmen Cogema das Material so mit Uran vermischen, daß der Plutonium-Anteil von ursprünglich 35 auf 4 bis 5 Prozent sinkt und nicht mehr zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden kann. Nach dem Einsatz in regulären Kernkraftwerken kann das Material wie andere abgebrannte Brennelemente zunächst zwischengelagert und dann endgelagert werden.
„Das Kapitel ist beendet“
Die jetzt gefundene Lösung hat nach Königs Worten folgende Vorteile: Durch den Verzicht auf eine langfristige Zwischenlagerung werde die Gefahr gebannt, daß das atomwaffenfähige Material weiterverbreitet werden könnte. Zudem würden die Stoffe endlagerfähig und die Gesamtmenge an radioaktivem Abfall geringer. Außerdem werde die staatliche Verwahrung in Hanau beendet und ein Folgeproblem der Plutoniumwirtschaft nicht den folgenden Generationen überlassen. „Mit dem heutigen Tag ist dieses Kapitel beendet.“
Der Hin- und Rücktransport, die Umarbeitung und die weitere Entsorgung der Kernbrennstoffe kostet nach Angaben Königs knapp 240 Millionen Euro. Der Bund beteilige sich daran mit 76 Millionen Euro: 40 Millionen entfielen noch auf alte Finanzierungszusagen für die Förderung des „Schnellen Brüters“, weitere 35 Millionen Euro koste die Mitnahme des sichergestellten Materials. Bei einer weiteren Lagerung in Deutschland würde dieser Betrag lediglich für eine sechsjährige Zwischenlagerung reichen.
Geschützt gegen Erdbeben und Flugzeuge
„Die Zwischenlagerung bis 2030 wäre also wesentlich teurer, wobei dann noch nicht die Frage der Endlagerfähigkeit dieses Materials geklärt wäre.“ Bisher sind in das Projekt 3,5 Milliarden Euro geflossen, davon rund 2,5 Milliarden Euro Steuergelder. Die Brennelemente waren 1985 im Auftrag der RWE angefertigt worden und wurden seitdem - da der „Schnelle Brüter“ nie in Betrieb ging und das Projekt 1991 endgültig aufgegeben wurde - im Hanauer Spaltstoffbunker verwahrt.
Der Bunker im Stadtteil Wolfgang gehört der Siemens AG (früher: Alkem), hat zwei Meter dicke Mauern aus Stahlbeton und ist gegen Erdbeben und Flugzeugabstürze gesichert. Siemens baut seit dem Ende der Brennelemente-Fertigung in den neunziger Jahren den Nuklearstandort Hanau zurück. Nach dem Abtransport kann nun mit dem Abriß des Bunkers in Hanau begonnen werden.
Mietvertrag ausgelaufen
Der Kernbrennstoff gehört zwar RWE, er wird aber - da RWE nie eine atomrechtliche Umgangsgenehmigung für den Reaktorkern besaß - vom BfS unter höchsten Sicherheitsauflagen staatlich verwahrt, um ihn vor Mißbrauch zu schützen. Bundesumweltminister Trittin (Grüne) hatte sich damals zusammen mit dem Bundesforschungsministerium, dem BfS und RWE darauf verständigt, das staatliche Verwahrlager bis Ende 2005, spätestens bis Ende 2008 zu beenden und den Atombunker zu räumen. Der Mietvertrag des Bundesamtes mit Siemens läuft in diesem Jahr aus, eine Verlängerungsmöglichkeit bestand bis 2008.