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Asien Lehrmeister Tsunami?

 ·  Die Flutkatastrophe könnte Asien politisch zusammenführen, obwohl militante Separatisten auch durch die Flutfolgen nicht ernüchtert sind. Die Hilfe könnte zudem Amerikas Image verbessern sowie Europa in den Hintergrund drängen.

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Nur weil die See etwas unruhig wurde, wollte der Verwalter von Ketimbang seine Stadt nicht im Stich lassen. Erst als er draußen auf dem Meer sah, wie heftig die "Loudon" schaukelte, und wenig später die erste Riesenwelle herandonnerte, entschied er sich anders. Gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern rannte er so schnell wie möglich Richtung Berge. Als bei Sonnenuntergang ein Angestellter mit letzter Kraft das Bergrefugium des Verwalters erreichte, hatte er Furchtbares zu berichten: Nicht nur das Wohnhaus, ganz Ketimbang war verschwunden.

Das geschah am Abend des 27. August 1883. Am Morgen war vor der Südküste Sumatras der Krakatau-Vulkan ausgebrochen. Während über dem Schlund die Lavasäule immer höher in den Himmel stieg, begann unter dem Berg das Meer zu rumoren und eine gewaltige Flutwelle auszubrüten. Als der Verwalter, der Willem Beyerinck hieß und einst die holländische Kolonialmacht in Ketimbang repräsentierte, die weltweit ersten Berichte in die Hauptstadt Batavia kabelte, ahnte er langsam, daß er Zeuge einer historischen Naturkatastrophe geworden war.

Aber das ganze Ausmaß war erst Tage später zu erfassen: 36.000 Tote, ausgelöschte Inseln, Städte und Dörfer, ein Temperatursturz in Indonesien, veränderte Himmel in amerikanischen und europäischen Metropolen. "Es war der Tag", schreibt Simon Winchester in seinem Buch "Krakatau" (Albrecht Knaus Verlag), "an dem das Phänomen der Moderne - bekannt als ,global village' - geboren wurde". Tatsächlich gilt der Ausbruch des Krakatau vor 122 Jahren als erste Weltkatastrophe des herannahenden Informationszeitalters. Mit Hilfe der Telegraphie konnten schon am nächsten Tag Zeitungen in New York, Paris und Berlin ihre Leser über die Eruption informieren. Wissenschaftler in aller Welt machten sich an die Ursachenforschung und tauschten sich über die geologische Lage an so fremd klingenden Orten wie Java, Sumatra und Sunda aus. In den Salons Europas und Amerikas entstanden Prosatexte und Gedichte, die sich literarisch mit den Auswirkungen des Vulkanausbruchs beschäftigten.

Schon 1883 nach Vulkanausbruch internationale Hilfe

Sogar die Hilfsaktionen hatten internationales Format. In Batavia, dem heutigen Jakarta, gab der berühmte "Wilson's Great World Circus" Benefizvorstellungen zugunsten der Flutopfer. Der holländische König entsandte Schiffe mit Decken, Zelten und Nahrungsmitteln, welche die Bürger vorher eingesammelt hatten. Selbst aus dem Osmanischen Reich, genauer von der arabischen Halbinsel, machten sich Prediger auf den Weg, um den muslimischen Glaubensbrüdern in Indonesien, den Opfern und Angehörigen Trost zu spenden.

Aber nicht Trost allein - und hier beginnt die andere, die politische Dimension der Naturkatastrophe. Der Krakatau-Ausbruch stärkte nämlich auch die fundamentalistischen Strömungen des indonesischen Islams und beflügelte die Erhebung gegen die holländische Kolonialmacht, die schließlich 1949 in die Unabhängigkeit führte.

Die Lehre Mohammeds hatte sich im Inselreich erst spät verbreitet. Als arabische Händler im 13. Jahrhundert über Indien nach Sumatra kamen und die Indonesier mit dem Islam vertraut machten, stießen sie auf eine Kultur, die von hinduistischen, buddhistischen und animistischen Elementen geprägt war. Die Ideen, Riten und Götter verschmolzen miteinander, und auch wenn sich heute etwa 190 der 230 Millionen Indonesier als Muslime führen lassen, ist doch von Orthodoxie wenig zu spüren.

Strömungen für den „reinen Islam“ gestärkt

Dessenungeachtet entstanden immer wieder Strömungen, die sich für einen "reinen Islam" einsetzten. Einer dieser Gelehrten war zur Zeit des Krakatau-Ausbruchs äußerst populär: Abdul Karim. Der in Arabien ausgebildete Javaner hatte seit geraumer Zeit die Ankunft des "Mahdi" vorausgesagt, jener messianischen Figur, die die Welt in ihren letzten Tagen von der Ungläubigkeit befreien soll. Als die von Karim erwähnten Zeichen - Fluten, blutgefärbter Regen, sterbendes Vieh und ausbrechende Vulkane - eintraten, sahen sich seine Anhänger zum Handeln aufgerufen. Flankiert wurde ihre Gewißheit von dem alten javanischen Volksglauben, nach dem sich in Naturkatastrophen die moralische Schwäche der jeweiligen Herrscher ausdrückt. Aus diesem Gemisch braute sich der Widerstand gegen die holländischen Kolonialherren zusammen, der sich zunächst in vereinzelten Angriffen auf Soldaten bemerkbar machte und fünf Jahre später in einen blutigen Aufstand mündete.

Die Linie, die Simon Winchester vom Krakatau zu den jüngsten Bombenanschlägen der Terrorgruppe "Jemaah Islamiah" zieht, mag etwas zu gerade erscheinen. Daß dem Vulkanausbruch von 1883 lang wirkende politische Nachbeben folgten, läßt sich indes kaum bestreiten. Ist vor diesem historischen Hintergrund vorstellbar, daß das Seebeben von 2004 - gewaltiger noch im Ausmaß der Zerstörung - keinen politischen Niederschlag findet?

Antiwestliche Bewegung wie 1883 unwahrscheinlich

Die Parallelen sind verführerisch. Wieder nahm das Unglück seinen Ausgang vor der Küste Sumatras, wieder war es ein Sonntag, und wieder fühlen sich viele Muslime in einem Zustand der Unterdrückung. Die greifbare Kolonialherrschaft europäischer Mächte am Ende des 19. Jahrhunderts entspricht heute in den Augen vieler Muslime dem, was "US-Imperialismus" genannt wird. Als Symbole amerikanischer Vorherrschaft gelten Stützpunkte der Vereinigten Staaten in Japan und Korea, die Flottenverbände in Asiens Meeren und in jüngerer Zeit die Soldaten in Afghanistan und im Irak.

Aber hier enden die Gemeinsamkeiten. Daß sich der Schock über die Naturkatastrophe wieder in antiwestlicher Stoßrichtung entlädt, ist unwahrscheinlich. Am Anfang der globalisierten Informationsgesellschaft besaßen nur wenige das Privileg, informiert zu sein. Der Gesichtskreis der meisten Menschen endete an der Kirch-, Tempel- oder Moscheemauer. Heute steht selbst in Indonesien in jedem Dorf ein Fernseher, und jede zweite Kleinstadt unterhält ein Internetcafe. Selbst wenn die muslimischen Prediger antiwestliche Stimmung machten - über die modernen technischen Informationsquellen werden Amerikaner und Europäer schon sehr bald als Retter in der Not und nicht als Unterdrücker sichtbar werden.

Die internationale Hilfe, die Anfang der Woche angelaufen ist, scheint sogar geeignet, eine Wende in den verspannten Beziehungen zwischen Amerika und der muslimischen Welt einzuleiten. George W. Bushs Ankündigung, die weltweiten Hilfsmaßnahmen "anzuführen", deutet darauf hin, daß er die Krise als Chance begreift, das ramponierte Ansehen der Vereinigten Staaten in weiten Teilen Asiens zu verbessern. 350 Millionen Dollar hat er am Freitag versprochen - zehnmal mehr als Länder wie Deutschland, Frankreich und Japan. Mehrere Flugzeugträger - Sinnbilder amerikanischer Hegemonialmacht - hat der amerikanische Präsident Kurs auf die Katastrophengebiete nehmen lassen. An Bord ist das, was am meisten gebraucht wird: Hubschrauber, ausgebildete Helfer, Frischwasser in rauhen Mengen.

Parallelen zu „Rosenbombern“ möglich

Die Voraussetzungen für Amerikas neuen Auftritt sind günstig. In Jakarta wächst die Kritik am bürokratisch handelnden Regierungschef und mit ihr der Druck, den Weg frei für Unterstützung von außen zu machen. Die meisten Indonesier wollen schnelle und professionelle Hilfe für ihre Landsleute im Nordwesten und heißen daher ausländische Rettungsteams willkommen. Kommen die amerikanischen Schiffe und ihre Besatzungen zum Einsatz, könnten sie vielleicht in die indonesische Geschichte eingehen wie einst die "Rosinenbomber" in die deutsche.

Es wäre nicht das erste Mal, daß politische Gegner im Schatten großer Not zusammengeführt werden. Sonderbarste Kriegskoalitionen sind schon im Angesicht gemeinsamer Feinde entstanden. Vor fünf Jahren war es ein Erdbeben, das versöhnlich auf die traditionell verfeindeten Griechen und Türken wirkte; manche betrachten die Naturkatastrophe als Beginn jener Annäherung, die am Ende den griechischen Teil Zyperns in die Europäische Union und die Türkei an den Brüsseler Verhandlungstisch gebracht hat.

Einen Impuls könnte auch die asiatische Integration erhalten. Der Tsunami hat zwar Touristen aus aller Welt getroffen, ist aber im Kern eine regionale Katastrophe. Indonesien, Sri Lanka, Indien und Thailand sind am schwersten betroffen, es folgen Burma, Malaysia und die Malediven. Das Zusammenwachsen Asiens, das anders als Europa nie eine eigene Identität ausgebildet hat, beschleunigte sich in den vergangenen Jahren. Katalysatorisch wirkten die zahlreichen Regionalkrisen: der große Wirtschaftseinbruch von 1998, die Epidemie der Lungenkrankheit Sars, schließlich der Ausbruch der Geflügelpest in dem großen Gebiet zwischen Vietnam, Pakistan und Indonesien.

Krisengipfel am Donnerstag in Jakarta

Um die am weitesten entwickelte Integrationszelle - die "Vereinigung Südostasiatischer Staaten" (Asean) - legen sich immer mehr Länderringe. China, Japan und Südkorea nehmen regelmäßig an den Treffen teil, unlängst sind Indien, Australien und Neuseeland hinzugekommen. Ein Netz bi- und multilateraler Handelsabkommen hat sich über die Region gespannt. Eine Reihe von Staaten träumt bereits von einer gesamtasiatischen Gemeinschaft.

Auf dem Krisengipfel, der am Donnerstag in Jakarta stattfinden wird, soll nicht nur über die Koordination der Hilfe, sondern auch über die Einrichtung eines gemeinsamen Frühwarnsystems für Tsunamis und andere Naturkatastrophen gesprochen werden. Mehrere Regierungschefs in der Region haben sich schon für die Idee stark gemacht. Die gemeinsame Initiative wird auch protokollarisch als Priorität behandelt. Bislang haben der japanische Premierminister Koizumi und der australische Ministerpräsident Howard zugesagt. Auch wenn die Konferenz international besetzt sein wird, dürften die längerfristigen Projekte vor allem das Wir-Gefühl in Süd- und Südostasien stärken.

Der Optimismus, der einer gemeinsamen Krisenbewältigung naturgemäß innewohnt, ist gleichwohl zerbrechlich. Wie schnell Hoffnungen, die unter dem emotionalen Eindruck humanitärer Katastrophen wachsen, zerstäuben können, zeigte sich nach dem Hochwasser am Oderbruch, das von deutsch-deutscher Zusammenarbeit und gemeinsamer Anteilnahme geprägt war. Die warme Wiedervereinigungsromantik jener Tage wich schon bald wieder der kühlen West-Ost-Realität.

Ernüchtung im umkämpfter Region Aceh und Sri Lanka

Eine ähnliche Ernüchterung ist derzeit im indonesischen Katastrophengebiet Aceh zu beobachten. Unmittelbar nach dem Beben vereinbarten die indonesische Regierung und die Rebellen von der "Bewegung Freies Aceh" unter internationalem Beifall einen Waffenstillstand, um alle Kraft auf die Rettungsmaßnahmen zu konzentrieren. Aber die Ruhe hielt nur wenige Tage. Am Freitag wurde bekannt, daß die Armee trotz der tragischen Lage ihre Razzien gegen die Rebellen fortführt. Auch in Sri Lanka zerschlug sich der Optimismus rasch. Statt Hand in Hand zu arbeiten, machen sich die tamilischen Tiger und die Regierung in Colombo wechselseitig Vorwürfe. Selbst unter dem Dach biblischer Herausforderungen wächst nicht unbedingt zusammen, was zusammengehört.

Auch Europa und Amerika könnte das Beben weiter auseinandertreiben. Die von Bush ausgerufene Koalition der Rettungswilligen umfaßt die Vereinigten Staaten, Indien, Japan und Australien. Daß weder Europa noch dessen Lieblingskind - die Vereinten Nationen - in seinem Hilfsplan auftauchen, wird wohl in der Alten Welt zu recht als Affront verstanden werden. Statt auf den Weg des Multilateralismus zurückzufinden, der sich vielleicht nicht immer im Kriegsfall, aber doch meistens im Katastrophenfall bewährt hat, zementiert der amerikanische Präsident den Pfad der nationalstaatlichen Außenpolitik. Bis klar ist, wohin der Tsunami die Weltpolitik geschaukelt hat, werden die Küstenorte Indonesiens, Sri Lankas und Indiens wohl lange wieder aufgebaut sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.01.2005, Nr. 53 / Seite 3
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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