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Asien Die Anziehungskraft des „Fortschrittlichen“

15.04.2005 ·  Die liberale Diskussionskultur der 150 bis 200 Millionen asiatischen Christen liegt dem raschen Wachstum des dortigen Christentums zugrunde. Doch aufgrund regionaler Unterschiede hat sich noch kein „asiatischer Katholizismus“ herausgebildet.

Von Jochen Buchsteiner, Delhi
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Immer zu Weihnachten bietet Asien ein erstaunliches Schauspiel. Im muslimischen Indonesien hängen Sternenketten über den Straßen, in den Kaufhäusern von Bangkok und Singapur locken Männer mit roten Zipfelmützen und weißen Bärten die Kunden an.

Die Inder - Hindus wie Muslime - nehmen sich über den 25. Dezember frei und kochen fast so festlich wie zu Diwali oder Idul Fitri. Die panasiatische Weihnachtsbeleuchtung erhellt einmal im Jahr eine durchaus erstaunliche Entwicklung: den Eingang einer Minderheitenreligion in die asiatische Alltagskultur.

Die christliche Gemiende wächst

150 bis 200 Millionen Menschen zwischen Hindukusch und Pazifik bekennen sich zu Jesus Christus - das sind fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung. Nur auf den Philippinen, dem spanisch und amerikanisch kolonisierten Archipel im Pazifik, befinden sich die Christen in der Mehrheit, in ganz Kontinentalasien dominieren andere Volksreligionen.

Daß Papst Johannes Paul II. zur Millenniumwende ins „Jahrtausend Asiens für die Kirche“ blickte, hing nicht so sehr mit der absoluten Größe der christlichen Gemeinde zusammen, sondern mit ihrem raschen Wachstum. Allerdings wird im Vatikan zuweilen übersehen, daß andere Religionen in Asien ebenfalls Zulauf haben - nicht selten mehr als die christliche.

Der indische Jesuitenpater Leonard Fernando hat für sein unlängst in Delhi erschienenes Buch „Christentum in Indien“ Statistiken gewälzt und herausgefunden, daß die christliche Gemeinde auf dem Subkontinent in den Jahren 1981 bis 1991 um 17 Prozent gewachsen ist. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Buddhisten um 36 Prozent zu, die der Muslime um 33 Prozent und die der Hindus um 23 Prozent. Die an die dreißig Millionen Gläubige zählende Christengemeinde hat, gemessen am indischen Bevölkerungswachstum von 24 Prozent in der beobachteten Dekade, sogar Anteile verloren.

Keine Aufforderung zu Übertritten

Fernando hat diese Zahlen nicht zuletzt veröffentlicht, um den Vorwurf zu entkräften, christliche Missionare würden Hindus in Massen zum Übertritt auffordern. Als Papst Johannes Paul II. 1999 zum zweitenmal nach Indien reiste, begegnete er dieser - vor allem von hindunationalistischer Seite vorgetragenen - Beschuldigung auf Schritt und Tritt. Nicht nur Fernando ist der Auffassung, daß der Papst darauf diplomatischer hätte reagieren können.

Seine Aufforderung, „im dritten Jahrtausend in Asien das Kreuz einzupflanzen“, irritierte viele. Manche warfen dem Papst sogar vor, mit seinen Äußerungen die nicht immer einfache Lage der christlichen Minderheit erschwert zu haben.

Christen leiden unter Repressionen

Nicht nur in Indien, auch in anderen Ländern Asiens leiden Christen immer wieder unter Repression oder Übergriffen. Während sie in kommunistischen Ländern wie China und Vietnam systematischer staatlicher Unterdrückung ausgesetzt sind, müssen sie in Ländern mit muslimischen Bevölkerungen Angriffe radikaler Islamisten befürchten. Traurige Aufmerksamkeit erlangte Indonesien, wo während des Weihnachtsfests im Jahr 2000 mehrere Kirchen auf Java in Flammen aufgingen und islamistische Gruppen gegen Christen auf den Molukken und Sulawesi vorgingen.

Die etwa 15 Millionen Christen Indonesiens - etwa die Hälfte von ihnen Katholiken - sind überwiegend gut integriert in die mehrheitlich muslimische Gesellschaft. Gerade junge Christinnen stellen ihren Glauben gerne offensiv mit einem Kreuz um den Hals zur Schau.

Nicht nur die Regierungen in Jakarta, auch die großen Muslimvereinigungen des Landes rufen regelmäßig zu Toleranz auf und verurteilen Ausschreitungen gegen Christen. Die meisten islamistischen Brandstifter sind gefaßt und bestraft worden. Trotzdem ist den Christen bewußt, daß sie gefährlicher leben als die 200 Millionen Muslime im Land.

Unterschiedliche Motive für Bekenntnis

Nicht das Wachstum der asiatischen Christengemeinde ist bemerkenswert, sondern ihre Stabilität unter nicht immer einfachen Umständen. Die Motive für das Bekenntnis zur Minderheitenreligion sind dabei von Land zu Land verschieden. Der Jesuitenpater Franz von Magnis-Suseno, der seit über vierzig Jahren in Indonesien lebt und lehrt, hält die „Fortschrittlichkeit“, die das Christentum ausstrahle, für den maßgeblichen Anziehungspunkt.

Die liberale, westliche Diskussionskultur unter Christen hebe sich vom strengen muslimischen Ritus ab. Auch sei nicht zu unterschätzen, daß junge moderne Menschen sich nicht umziehen müssen, wenn sie einen Gottesdienst besuchen. Die Kirche treffe das Lebensgefühl junger, aufgeschlossener Menschen oft besser als die Moschee.

Örtliche Repräsentanten wichtiger als Rom

50.000 bis 60.000 „Erwachsenentaufen“ zelebriert die katholische Gemeinde Indonesiens jedes Jahr. Die meisten finden den Weg in die Kirche über die zahlreichen christlichen Schulen und Universitäten. Ähnlich wie sein Ordensbruder in Indien will Magnis-Suseno die Bedeutung des Papstes für das Ansehen der katholischen Kirche nicht überschätzen.

Schon vor dessen Amtszeit sei die Kirche in Indonesien als attraktiv empfunden worden, unter dem nächsten Papst werde sich dies nicht ändern. Die örtlichen Repräsentanten prägten das Bild weit mehr als der weit entfernte Vatikan, meint Magnis-Suseno.

Christentum als Erlösung vom Kastenübel

Während die Christen Indonesiens oft aus den wohlhabenden und aufgeklärten Schichten stammen - nicht zuletzt aus der wirtschaftlich einflußreichen Minderheit der Chinesen -, finden in Indien überwiegend Unterprivilegierte zur Kirche.

Insbesondere „Dalits“, die im Ausland meist als „Unberührbare“ bezeichnet werden, erhoffen sich vom Übertritt zum Christentum Erlösung vom Kastenübel. „Die Kirche gibt ihnen ihre Würde zurück“, sagt Fernando - nicht ohne darauf aufmerksam zu machen, daß das Konvertieren auch mit Nachteilen verbunden ist, weil die Dalits dadurch aus den staatlichen Förderprogrammen für Unberührbare herausfielen.

Kein asiatischer Katholizismus

Die beträchtlichen regionalen Unterschiede erklären, warum sich bislang kein „asiatischer Katholizismus“ herausgebildet hat. Der „Zusammenschluß der asiatischen Bischofskonferenzen“ (FABC) bemüht sich zwar um ein kontinentales Wir-Gefühl, aber er bleibt doch - in den Worten von Magnis-Suseno - „ein administratives Phänomen“.

Auch den Philippinen, die den FABC beherbergen, ist es nicht gelungen, die Gemeinde Asiens unter ihrer Führung zu einigen. „Die philippinische Kirche ist zwar die vitalste, aber sie dominiert die asiatische Szene nicht“, urteilt Fernando. Daß man sich regional auf vielen Ebenen austausche, nicht zuletzt unter Ordensbrüdern, heiße noch lange nicht, daß eine „asiatische Theologie“ entstehe, meint Magnis-Suseno.

Quelle: F.A.Z., 16.04.2005, Nr. 88 / Seite 12
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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