10.04.2008 · Nicht nur Indien - einer der größten Reisproduzenten der Welt - leidet unter Verknappung und hohen Preisen. Die ganze Region bangt um die Versorgungslage. In wichtigen asiatischen Importländern wird von Hamsterkäufen und Exportstopps berichtet.
Von Jochen Buchsteiner, DelhiDas Gerede vom Boomland Indien sei „Müll“, sagt Sunil Pande. Dabei sollte sich der Werbetexter aus Delhi nicht beklagen dürfen. Die indische Wirtschaft wächst jedes Jahr um neun Prozent - und in ähnlicher Höhe steigt auch sein Gehalt. „Aber die Inflation frisst alles wieder auf“, sagt Pande. Besonders schmerzhaft seien die Preissteigerungen bei den Grundnahrungsmitteln. Ein Kilo Zwiebeln, rechnet seine Frau vor, habe Anfang des Jahrzehnts fünf Rupien gekostet. Heute liege es bei mehr als vierzig Rupien. „Das wird der Regierung bei den nächsten Wahlen auf die Füße fallen“, prophezeit Sunil Pande.
Premierminister Manmohan Singh und die starke Frau im Hintergrund, Sonia Gandhi, haben das politische Risiko erkannt. Vergangene Woche beriefen sie eine Krisensitzung des Kabinetts ein und beschlossen neue Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation. Für mehrere Lebensmittel, darunter Speiseöl, hob die Regierung die Einfuhrzölle auf. Im Mittelpunkt der Beratungen stand aber der Reis. Die Einfuhrzölle für das Grundnahrungsmittel der Asiaten hatte die Regierung Singh schon Mitte März abgeschafft. Nun verbot sie abermals den Export von Reis. Bereits im Oktober hatten sie einen Ausfuhrstopp verhängt, ihn aber auf Druck der Exporteure wieder zurückgenommen. Jetzt scheint die Regierung bereit, den Kampf durchzustehen.
Thailändische Regierung fordert Bauern auf, ihre Ernten zu horten
Nicht nur Indien - einer der größten Reisproduzenten der Welt - leidet unter Verknappung und hohen Preisen. Die ganze Region bangt um die Versorgungslage. Die neue thailändische Regierung in Bangkok forderte die Bauern des Landes auf, ihre Ernten zu horten, was zu weiteren Engpässen auf den Märkten führte. Ausfuhrbeschränkungen erließen auch Vietnam und China. In wichtigen Importländern wie Indonesien, Kambodscha und den Philippinen wird von Einlagerungen und Massenaufkäufen berichtet; die Eigenproduktion unterliegt teilweise ebenfalls der Ausfuhrbeschränkung. So kostbar ist Reis geworden, dass er sogar als Diebesgut interessant wurde.
Die künstliche Verknappung durch Exportbeschränkungen und Lagerungen ist nur eine Reaktion auf die strukturellen Entwicklungen, die der Reisproduktion zusetzen. Unwetter, die viele der Erderwärmung zuschreiben, haben die Ernteerträge in mehreren Regionen Asiens vermindert. Zudem mussten viele Reisfelder in den vergangenen Jahren neuen Anbauflächen weichen, unter anderem für Palmöl und andere Biotreibstoffe. Aber auch die anhaltende Verstädterung Asiens drängt den traditionellen Reisanbau zurück.
Preiserhöhungen in Kambodscha gaben Anlass zu Streiks in der Textilindustrie
In demokratischen Ländern wie Indien und Indonesien ist die Verteuerung der Lebenshaltungskosten längst zum Gegenstand der öffentlichen Debatte geworden. In Burma war sie vergangenen Herbst Katalysator für die ersten Demonstrationen gegen die Regierung. In Kambodscha gaben die Preiserhöhungen den Anlass für Streiks in der wirtschaftlich bedeutenden Textilindustrie; die Arbeiter fordern eine zehnprozentige Erhöhung des Mindestlohnes. Auch in Indien sei der Beginn von Demonstrationen und Streiks nur noch eine Frage der Zeit, heißt es unter vielen Bewohnern der Hauptstadt.
Von Seiten mancher internationaler Hilfsoganisation sind schon erste Warnungen zu hören. Um etwa die Flüchtlingslager an der thailändisch-burmesischen Grenze versorgen zu können, müssen die Helfer inzwischen um die Hälfte mehr für Reis bezahlen als vor einem Jahr. Man beginne nun damit, die täglichen Rationen zu verkleinern, teilte das „Thailand Burma Border Consortium“ unlängst mit.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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